Zu Bethlehem geboren
Nr. 32 •
Evangelisches Gesangbuch
Nr. 78 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)
- Gotteslob
Ein inniges Lied. Es vergegenwärtigt, wie in einem Gemälde, eine sehr persönliche Anbetungsszene des Krippenkindes. Im 19. Jahrhundert fand es Eingang in das evangelische Singen als eines der sogenannten geistlichen Volkslieder. Bis heute begleitet die populäre Melodie auch als Schlaflied mit dem weltlichen Text „Die Blümelein, sie schlafen“ Kinder zur Guten Nacht.
Text:
Erstveröffentlichung: 1638 (ältester erhaltener Druck von 1637 aus Literatur bekannt)
Melodie:
französisches Volkslied: Paris 1599; geistlich Köln 1638
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Wissenswertes zu "Zu Bethlehem geboren"
Die älteste Quelle der Melodie (französisches Volkslied „Une petite feste“ mit frivolem Text) ist als Erstdruck in „Airs mis en musique à quatre parties“ von Pierre Cerveau (Paris 1599) und geistlich mit dem Text „Nun wiegen wir das Kindelein“ in der hsl. Orgeltabulatur von Henricus Beginiker (begonnen 1622) aufzufinden. Friedrich Spee kontrafaktierte mehrfach Liedtexte zu bekannten weltlichen Melodien und gilt in der Forschung aufgrund formaler und inhaltlicher Argumente als Autor von „Zu Bethlehem geboren“, seinem wohl reifsten Weihnachtslied. Dieses erschien erst nach Spees Tod im verschollenen „Geistlichen Psälterlein“ (Köln 1637) und wurde im „Geistlichen Psalter“ (Köln 1638) erstmals mit Noten abgedruckt. Von dort aus verbreitete es sich in zahlreichen katholischen Gesangbüchern.
„Zu Bethlehem geboren“ gehört bis heute zum lebendigen, auch privaten Liedrepertoire. In das evangelische Singen fand es im 19. Jahrhundert Eingang als eines der sogenannten geistlichen Volkslieder, die – zuweilen zu Unrecht – als weichlich und gefühlig abgewertet wurden. Übersetzungen ins Englische, Suaheli und Tschechische sind in Gebrauch. Bis heute begleitet die populäre Melodie auch als Schlaflied mit dem weltlichen Text „Die Blümelein, sie schlafen“ Kinder zur Guten Nacht. Das Stück wurde erstmals 1840 unter dem Titel „Sandmännchen“ in der Sammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio und August Kretzschmer veröffentlicht.
Die Eingangszeilen bis „Kindelein“ variieren einen gängigen Einstieg in Weihnachtsliedern im Anschluss an den biblischen Text aus Jesaja 9,5. Die erste Strophe, der Beginn der dritten Strophe und das „Eia, eia“ stehen in der Tradition des Kindelwiegenliedes. Das Lied geht jedoch weit über eine bloß niedliche Krippen- und Herzchenstimmung hinaus. Die ursprüngliche Überschrift „Hertzopffer“ verweist auf die zweite Strophe („Herz … schenken“) und deutet auf eine lebensprägende Hingabe („zu aller Stund“, Strophe 4), die eine völlige Selbsthingabe („alles, was ich hab“, Strophe 2) einschließt und auch Schmerzhaftes nicht ausblendet (Strophe 3). Das Lied umfasst im Gotteslob noch zwei weitere Strophen, als die hier vorliegende Fassung. Die 6. Strophe mit der anschaulichen Aufforderung „knüpf zu das Band“ enthält eine Verlöbnisformel mit dem Auserkorenen aus der ersten Strophe: „die Liebe ... nimmt hin mein Herz zum Pfand.“
Die Melodie ist volksliedhaft und durch das enge Zusammenspiel von Melodie und Text kunstvoll bereichert. Typisch volksliedhaft wirkt ihr schlichter und eingängiger Klang, der vor allem durch viele kleine Tonschritte und harmonische Dreiklänge entsteht. Der Text besteht aus fünf Zeilen, die musikalisch in drei Abschnitte gegliedert sind: zwei längere Teile, in denen jeweils zwei Textzeilen zusammengefasst werden, und ein kurzer Schlussteil. Auch die Melodie folgt dieser dreiteiligen Form. Im Coda, also im Schlussteil, wird ein echoartiges Motiv eingefügt („Eia, eia“), das den Melodieverlauf am Ende abrundet. In der zweiten langen Melodiezeile verändert sich die Tonlage: Die Melodie läuft nach oben und erreicht ihren höchsten Ton. Dadurch entsteht Spannung, die die zentralen Textgedanken des Liedes besonders hervorhebt.
So geht das Lied deutlich über eine einfache Krippenszene hinaus – das wird vor allem in der dritten Strophe spürbar. Der sehr natürliche Melodiefluss ist einfach mitzusingen und verleiht dem Lied eine beruhigende, innige Atmosphäre.
Das Lied bietet eine Fülle von Anknüpfungsmöglichkeiten. Es ist als Wochenlied für den zweiten Christfesttag, der selbst einen Übergangscharakter trägt, vorgeschlagen und kann aber ebenso außerhalb der Weihnachtszeit gesungen werden. Die ruhige und zugleich leicht tänzerische Melodie – ursprünglich ein französisches Lied – und das sanft wiegende „Eia“ machen das Lied besonders geeignet für Weihnachtsgottesdienste mit Kindern. Dabei ermöglicht es zugleich eine Rezeption auf Vorrat, denn es ist auch ein inniges Nachfolgelied. Die Gefühle der Liebe, sowohl mütterliche als auch bräutliche, durchziehen den Text. Damit berührt das Lied besonders die Lebenswelt von Frauen, erlaubt aber ebenso Männern, ihre emotionalen Seiten anzusprechen.
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Zu Bethlehem geboren | Evangelisches Gesangbuch Nr. 32, Strophe 1
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