Reformationszeit und Konfessionalismus
Gesangbücher im 16. Jahrhundert
Reformationszeit und Konfessionalismus
Gesangbücher im 16. Jahrhundert
Prägende Epoche: Was macht ein Gesangbuch aus?
Die Geschichte des Gesangbuchs im heutigen Sinne beginnt im 16. Jh. auf der Grundlage von zwei Ereignissen: Das eine ist die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jh. und des Notendrucks mit beweglichen Typen um 1520, das andere sind die reformatorischen Aufbrüche in der damaligen Kirche. Mit Gesangbuch ist nun eine gedruckte Sammlung gemeint, die Lieder und Gesänge für die Gemeinde bereithält, und zwar zur Nutzung in Kirche, Schule und Haus. Herausgegeben wurden sie von Verlagen (Druckern) oder Gemeinden (Kantoren oder Pfarrern), bald auch von Kirchenleitungen. Durch die Form des gedruckten Buches ließen sich die Lieder nicht nur gut verbreiten. Mit seiner Liedauswahl bildete ein Gesangbuch immer auch die Entwicklung der eigenen Konfession ab und prägte diese mit. Das 16. Jahrhundert ist nicht nur der Beginn, sondern auch die prägende Epoche, in der sich die grundlegenden Formen des Gesangbuchs ausbilden: Gesangbuch zur Nutzung, Kunstbuch zur Darstellung, Liedpsalter, Chorbuch, Gottesdienstordnung.
Dass mit der beginnenden Reformation Gesangbücher für die Gemeinde gedruckt wurden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Gemeindeglieder weiterhin kein Gesangbuch besaßen. Ein Gesangbuch hatte im 16. Jh. nur, wer es sich leisten konnte und überhaupt mit Büchern umging. Das waren durchaus nicht nur die kirchlichen Amtsträger, aber ein Großteil der Gemeinde sang auswendig, sei es im Gottesdienst oder zuhause. Die Lieder wurden erlernt, indem sie von Schulchören (in Städten) sowie von Pfarrern und Kantoren vorgesungen wurden. Im Laufe des 17. Jh. wurde es in Adels- und bürgerlichen Kreisen üblich, ein persönliches Gesangbuch für die private Andacht zu besitzen. Erst seit Mitte des 19. Jh. kommt es im Zuge von technischer Effizienz und volksmissionarischem Wirken dazu, dass die meisten Menschen ein eigenes Gesangbuch besitzen und üblicherweise in den Gottesdienst mitbringen. Diese Gewohnheit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zurückgebildet, in den Kirchgemeinden vor Ort stehen Gesangbücher zur Nutzung bereit.
Reformationszeit und Konfessionalismus: Das Leben im 16. und 17. Jh. war davon geprägt, dass sich das Christentum in mehrere Konfessionen ausdifferenziert. Der Augsburger Religionsfrieden 1555 besiegelt den Verlust der kirchlichen Einheit, indem er neben der römisch-katholischen Kirche die lutherische Konfession reichsrechtlich anerkennt, im Westfälischen Frieden 1648 galt diese Anerkennung dann auch für die dritte große Konfession, die Reformierten (Calvinisten). Der Begriff Konfessionalismus meint aber mehr als die Tatsache, dass es verschiedene Konfessionen gibt. Er bezeichnet eine grundlegende Realität und ein ganzes Lebensgefühl: Das gesamte öffentliche Leben war vom prinzipiellen Gegeneinander der Konfessionen bestimmt, nicht nur theologisch, sondern auch politisch. Das betraf die weltpolitische Bühne genauso wie die alltäglichen Dinge vor Ort, etwa die Besetzung öffentlicher Ämter oder das Gesangbuch.
Gesangbücher der lutherischen Reformation
Erste Strophe von Luthers Aus tiefer Not (1523) im Druck des Erfurter Enchiridion 1524
Quelle: Deutsches Textarchiv
Luthers Impuls (1523)
Tatsächlich war das Liedschaffen von Martin Luther (1483–1546) impulsgebend für die Entwicklung zum Gesangbuch, und schon bald berufen sich Drucker und Herausgeber auf die Autorität seiner Lieder. Ende 1523 ruft er in einem Brief an den kurfürstlichen Berater Georg Spalatin dazu auf, Lieder für den Gottesdienst zu schaffen: „Ich habe die Absicht, … deutsche Psalmen für das Volk herzustellen, das heißt geistliche Lieder, damit das Wort Gottes auch durch Gesang unter den Leuten bleibe“. Als Beispiel legt er dem Brief sein Lied zu Psalm 130 bei: Aus tiefer Not schrei ich zu dir (EG 299).
Das Psalmlied
Mit der Form des Psalmlieds (wie Aus tiefer Not schrei ich zu dir) hatte Luther zugleich einen neuen Lied-Typus geschaffen. Traditionell wurden und werden die biblischen Psalmen in ihrer originalen nicht-strophischen Textstruktur gesungen, wobei solches Psalmodieren einige Übung erfordert. Die altkirchlichen und mittelalterlichen Hymnen hingegen waren als Strophenlieder leichter singbar. Luther kombiniert nun den biblischen Inhalt der Psalmen mit der singbaren Form des Strophenlieds: Das Psalmlied war geboren und trug seinen Teil dazu bei, dass sich Gesangbuch und kirchliches Singen verbreiteten.
Sein erstes Lied hat Luther 1523 nicht für den Gottesdienst geschaffen, sondern als Protestlied in unmittelbarer Reaktion auf den Tod zweier Ordensbrüder, die am 1. Juli 1523 in Brüssel als Anhänger der „neuen Lehre“ auf dem Scheiterhaufen hingerichtet worden waren. Luther hat dieses Ereignis tief getroffen. „Ein neues Lied wir heben an“ wurde als Flugblattlied verbreitet (in dieser Form ist es nicht erhalten) und später in Gesangbücher aufgenommen (z.B. ins Erfurter Enchiridion 1524).
In seinem Titel nimmt das Lied Bezug auf Psalm 98 („Singet dem Herrn ein neues Lied“), es ist aber kein Kirchengesang, sondern ein Markplatzlied: eine Ballade mit zwölf Strophen, die den Tod der beiden Augustinermönche als Märtyrertod deutet. Die letzten Zeilen zeigen viel vom Selbstverständnis der reformatorischen Anfänge: „Der Sommer ist hart vor der Tür, / der Winter ist vergangen, / die zarten Blumen gehn herfür: / Der das hat angefangen, / der wird es wohl vollenden.“ Der Erfolg dieses Liedes wird Luther darin bestärkt haben, weitere Lieder zu schaffen, nun im Bemühen um Bildung der Gemeinde und Erneuerung des Gottesdienstes.
1523/24 hat Luther allein 24 seiner 38 Lieder gedichtet. Dass Luther sich gerade in dieser Zeit für die Schaffung neuer Gottesdienstlieder engagierte, hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass er dieses Feld nicht den „Schwärmern“ überlassen wollte. Hatte doch Thomas Müntzer als Pfarrer in Allstedt bereits 1523 volkssprachliche Gottesdienste gehalten und dafür eigene Liedübertragungen geschaffen (etwa „Gott, heilger Schöpfer aller Stern“, EG 3).
Von Anfang an spielte in der lutherischen Reformation beides eine Rolle: Gesangbücher sollten Gottes Wort durch neue Lieder unters Volk bringen, die textlich und musikalisch die Sprache der Zeit sprechen. Ein Beispiel ist Nun freut euch liebe Christen gmein (EG 341), das als balladenhaftes Erzähllied die Musik vom Marktplatz in die Kirche holt. Und die Gesangbücher sollten zugleich tradierte Gesänge weitergeben. Lateinische Gesänge wurden dafür verdeutscht, wie der altkirchliche Hymnus Nun komm der Heiden Heiland (EG 4). Die volkssprachlichen „Leisen“ (kurze, meist einstrophige Lieder, die auf Kyrieleis enden) wurden dafür meist „gebessert“, d.h. um auslegende, predigende Strophen ergänzt, wie Gelobet seist du, Jesu Christ, EG 23). Alle drei Beispiele stammen von Luther aus dem Jahr 1524.
Das erste Lied im Achtliederbuch: Luthers “Nun freut euch liebe Christen gmein” (EG 341)
Zündende Idee: Das „Achtliederbuch“ 1524
Die ersten reformatorischen Lieder wurden zunächst auf Einblatt-Drucken veröffentlicht und fanden auf diese Weise rasche Verbreitung. Ein Nürnberger Drucker setzte 1524 als Erster die Idee um, solche Einzeldrucke gebündelt herauszugeben. Er druckte ein Heft mit acht reformatorischen Liedern, das später so genannte Achtliederbuch. Es enthält vier Lieder von Luther, drei von Paul Speratus (1484–1551), darunter Es ist das Heil uns kommen her (EG 342), und einen anonymen zweistimmigen Gesang. Die Idee dieser Sammlung wurde zum Beginn einer Erfolgsgeschichte.
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Wirksame Liedauswahl: Das „Erfurter Enchiridion“ 1524
Es dauerte nicht lange, bis die erste Liedsammlung entstand, die auch ihrem Umfang nach tatsächlich ein Gesangbuch war: Enchiridion oder Handbüchlein geistlicher Gesänge und Psalmen. Es wurde im Jahr 1524 gleich von zwei konkurrierenden Erfurter Druckern herausgebracht, mit einer Auswahl von 25 Gesängen, darunter neue Lieder wie Herr Christ, der einig Gotts Sohn (EG 67) von Elisabeth Cruciger (um 1500–1535), oder alte Gesänge in deutscher Übersetzung, etwa den Hymnus Komm Gott Schöpfer, Heiliger Geist (EG 126). Mit seiner Liedauswahl wirkte das Erfurter Enchiridion wie ein Grundstock für weitere Gesangbücher. Mehr als die Hälfte der Lieder stehen heute noch im Evangelischen Gesangbuch.
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Das erste evangelische Chorgesangbuch (1524): Johann Walter
Johann Walter (1496–1570) gilt als „Urkantor“ der evangelischen Kirche, er hat in Torgau das Kantoreiwesen gegründet, Luther in Liturgiefragen musikalisch beraten und 1524 das erste evangelische Chorgesangbuch herausgebracht. Dessen Titel Eyn geystlich Gesangk Buchleyn sagt nichts über das Format aus: Anders als das Erfurter Enchiridion oder Handbuͤchlein, das tatsächlich ein handliches Format hatte, ist Walters Sammlung – für den Chor bestimmt – in großem Querformat gehalten und, wie damals üblich, in einzelnen Stimmheften herausgegeben. In kunstvollen mehrstimmigen Sätzen versammelt es 32 Lieder, darunter allein 24 von Luther. Es ist der erste Liederdruck mit einer „Vorrhede Martini Luther“, notiert im Tenorheft, da die Melodie damals gewöhnlich im Tenor lag: „ich wollt alle kuͤnste, sonderlich die Mvsica gerne sehen ym dienst, des der sie geben vnd geschaffen hat“.
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Titelblatt des Tenorheftes von Johann Walters Chorgesangbuch 1524
Was hat Gültigkeit? Das „Klugsche Gesangbuch“ (1533)
Die Ausgabe des Wittenberger Druckers Joseph Klug von 1533 geht zurück auf ein verlorengegangenes Gesangbuch von 1529. Dieses Gesangbuch gehört – neben Luthers Deutscher Messe (Gottesdienstordnung) von 1526 und seinen beiden Katechismen von 1529 – zu den wichtigen evangelischen Büchern zum Thema Gemeindeaufbau. Inzwischen geht es nicht mehr (wie noch 1523) um den Aufruf, Lieder zu schaffen, sondern vielmehr um Orientierung, was Gültigkeit beanspruchen darf angesichts der Vielzahl an Liedern, Änderungen, Erweiterungen und Drucken. In seiner Vorrede warnt Luther: „Es will je der meuse mist vnter dem Pfeffer sein.“ Er mahnt auch an, das Buch nicht ohne Wissen der Herausgeber zu verändern oder zu erweitern. Und zum ersten Mal wird hier auf dem Titelblatt eines Gesangbuchs Luthers autorisierender Name ausdrücklich erwähnt. Zu den frisch veröffentlichten Liedern (in der Ausgabe von 1529) zählt im Übrigen Luthers Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362).
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Bildschmuck im Babstschen Gesangbuch, hier in den Biblischen Gesängen zum Magnificat eine Darstellung von Maria und Elisabeth.
Kunstdruck und Vorbild: Das „Babstsche Gesangbuch“ (1545)
Ein erster Höhepunkt der Gesangbuchgeschichte ist die Sammlung Geystliche Lieder des Wittenberger Druckers Valentin Babst (vor 1530–1756) von 1545. Der Druck ist besonders aufwendig gestaltet, mit Zierleisten und Bildschmuck versehen. Er ist das letzte zu Luthers Lebzeiten publizierte Gesangbuch. In seinem Hauptteil enthält es 89 Lieder, darunter 37 von Luther, außerdem Gebete und andere Texte. Der Grundbestand lutherischer Lieder ist nun fürs Erste ausgebildet und kanonisiert. So ist auf dem Titelblatt nicht nur Luthers Name, sondern auch seine „Warnung“ abgedruckt, die dazu ermahnt, Lieder nach dem Kriterium der Rechtgläubigkeit zu beurteilen. In diesem Sinne werden bei den Liedern nun auch die Namen ihrer Verfasser angegeben.
Das Babstsche Gesangbuch erlebte viele Auflagen und wurde zum Vorbild für nachfolgende Gesangbücher im 16. Jh., auch in seinem Aufbau: 1. Luthers Lieder (zu Kirchenjahr, Katechismus, Psalmen und Gottesdienst); 2. Lieder von weiteren lutherischen Dichtern; 3. Tradierte vorreformatorische Gesänge; 4. Biblische Gesänge; 5. Begräbnislieder. Im 17. Jh. weichen die Gesangbücher von diesem Schema zunehmend ab.
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Weitere evangelische Liederzentren
Vorreiter des volkssprachlichen Gesangbuchs: die Böhmischen Brüder
Bereits 1501 entstand der erste volkssprachliche Gesangbuchdruck ohne Noten. Die Böhmischen Brüder waren Nachfahren der Hussiten, die auf den tschechischen Reformator Jan Hus (1370–1417) zurückgehen; zu ihnen stießen deutschsprachige Waldenser. Volkssprachlicher Gottesdienstgesang war in den Gemeinden dieser böhmischen Reformbewegung lebendig. Der Druck von 1501 ist ein Gesangbuch in tschechischer Sprache. Im Jahr 1531 folgt ein deutschsprachiges Gesangbuch, in dem auch die Melodien abgedruckt sind: Ein New Geseng buchlen von Michael Weiße (um 1488–1534), darin z.B. sein Lied Es geht daher des Tages Schein (EG 439). Mitsamt ihren Liedern standen die Böhmischen Brüder in regem Austausch mit Lutheranern und Calvinisten.
Zum Gesangbuch der Böhmischen Brüder
Zwischen Wittenberg und Genf: Straßburg
Straßburg war neben Konstanz und Zürich ein Zentrum der Reformation und des Liedgesangs im oberdeutschen Sprachgebiet. Es lag nicht nur geografisch, sondern auch theologisch in der Mitte zwischen dem lutherischem Wittenberg und dem calvinistischen Genf. Katharina Zell (1597–1562), eine der großen Frauen der Reformation, war begeistert vom Gesangbuch der Böhmischen Brüder und gab 1534–1536 selbst vier Liedhefte heraus. Calvin lernte in Straßburg das Psalmensingen kennen und veröffentlichte 1539 eine kleine Psalmliedsammlung (Aulcuns pseaulmes). Die Straßburger sangen aber auch Lieder von Luther, Speratus oder Johannes Zwick (um 1496–1542), der von Konstanz aus das kirchliche Singen förderte (bekannt ist sein Lied All Morgen ist ganz frisch und neu, EG 440).
Bereits von 1524 stammt das Straßburger Teütsch Kirchen ampt, Gesangbuch und Gottesdienstordnung in einem. Gesungen wird bis heute die dortige Fassung von Kyrie und Gloria (EG 178,2 und EG 180,1).
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Gesangbuch und Gottesdienstordnung: Das Straßburger “Teütsch Kirchen ampt” von 1524
Der Genfer Psalter, das Gesangbuch der Reformierten
Vom Psalmlied zum Liedpsalter
Hatte Luther die Form des Psalmlieds geschaffen, so war es der Reformator Jean Calvin (1509–1564), der der Buchgattung des Liedpsalters zum Durchbruch verhalf. Ein Liedpsalter versammelt alle 150 Psalmen der Bibel in Form von Strophenliedern in einem Buch, das seinerseits im Wesentlichen auf den Umfang dieser Lieder begrenzt ist. Den Psalmengesang hatte Calvin in Straßburg schätzen gelernt, in Genf gab er 1542 mit einer Sammlung von 36 Psalmliedern (und vier neutestamentlichen Cantica) den Impuls zur allmählichen Entstehung des „Genfer Psalters“, der 1562 vollendet wurde – eine der großen Leistungen der Gesangbuchgeschichte.
Genfer Psalter (1562), Psalm 134 (vgl. Melodie EG 140)
Europaweiter Exportschlager
Über das Zentrum Genf hinaus wurde der Genfer Psalter zu dem Gesangbuch der Reformierten (Calvinisten) und blieb dies bis ins 19. Jh. hinein, und zwar als einzige Liedsammlung für den Gottesdienst. Zur Konzeption eines Liedpsalters gehört naturgemäß, dass der Liedbestand gleichbleibt. Diese Kontinuität und die tragenden Melodien waren die Grundlage dafür, dass der Genfer Psalter als Ganzes aus dem französischen Original in viele Sprachen übersetzt und regelrecht zu einem europaweiten Exportschlager werden konnte. Bis heute ist die hohe Wertschätzung des Psalters im kirchlichen Singen ein Markenzeichen der Reformierten.
Die Melodien des Genfer Psalters
Der Erfolg des Genfer Psalters liegt sicherlich auch an seinen starken Melodien. Sie begrenzen sich auf eine ruhig fließende, klare Struktur und sind darin von großer Lebendigkeit. In heutigen Gesangbüchern erkennt man sie ganz gut daran, dass sie allein aus Halben und Vierteln bestehen, allerdings im freien rhythmischen Wechsel. Die meisten Melodien stammen von Guillaume Franc (1505–1570) und Claude Goudimel (um 1514–1572). Ein schönes Beispiel sind Melodie und Satz zum Lied Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140).
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Deutsche Liedpsalter: reformiert, katholisch, lutherisch
Verdeutschung des Genfer Psalters: Der „Lobwasserpsalter“ (1573)
Eine deutsche Übersetzung des französischsprachigen Genfers Psalters gab 1573 Ambrosius Lobwasser (1515–1585) in Leipzig heraus, Professor der Rechtswissenschaft in Königsberg: Der Psalter des koͤniglichen Propheten Davids, später auch „Lobwasserpsalter“ genannt. Das Buch war nicht die erste Übersetzung des Genfer Psalters, aber die erfolgreichste. Es fand starke Verbreitung, nicht nur in reformierten, sondern auch in lutherischen und katholischen Gegenden, zumal die Melodien beliebt waren. Dort wiederum rief dies Gegenreaktionen hervor.
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Katholischer Liedpsalter: Caspar Ulenberg, Die Psalmen Davids (1582)
Caspar Ulenberg (1548–1617) stammte aus evangelischem Elternhaus und studierte Theologie in Wittenberg, lernte an der Kölner Universität den katholischen Glauben, den er zunächst bekämpfte, immer mehr schätzen, konvertierte schließlich mit 24 Jahren zur katholischen Kirche, empfing 1567 die Priesterweihe und wurde Pfarrer in Kaiserswerth. Angeregt durch den Genfer Psalter, der am Niederrhein in der Übersetzung von Lobwasser (1573) verbreitet war, schuf Ulenberg einen eigenen katholischen Liedpsalter, der bis zum Beginn des 18. Jh. etliche Nachdrucke erlebte: Die Psalmen Davids in allerlei teutsche gesangreimen bracht (1582). In der Vorrede kritisiert er akribisch, dass Luther in seinen Psalmliedern – anders als „die Calvinischen … in ihren gesangreimen“ – den wörtlichen Sinn der biblischen Psalmtexte verlässt.
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Lutherischer Liedpsalter: Der „Beckerpsalter“ (1602)
Dem lutherischen Pfarrer Cornelius Becker, Theologieprofessor in Leipzig, war die Beliebtheit des reformierten „Lobwasserpsalters“ ein Dorn im Auge. Er schuf einen lutherischen „Gegenpsalter“: Der Psalter Davids Gesangweis kam 1602 ebenfalls in Leipzig heraus. Längst nicht zu jedem biblischen Psalm war ja bis dahin ein lutherisches Psalmlied geschaffen worden. Dies holte Becker nun nach. Für die Vertonung griff er „auff die in Lutherischen Kirchen gewoͤhnlichen Melodeyen“ zurück, wobei nun vielen Liedtexten ein und dieselbe Melodie zugewiesen war. Dies wiederum war ein Zustand, den der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz (1585–1672) nicht auf sich beruhen lassen wollte: Liedtexte sollen nicht „gleichsam mit geborgter Kleidung erscheinen“, sondern jeder Text braucht seine eigene Melodie. So schuf Schütz seine Neuvertonung des Beckerpsalter (beginnend 1628, vollständig 1661). Bekannt sind vor allem seine Melodie und sein vierstimmiger Satz zu Psalm 119, Wohl denen die da wandeln (EG 295).
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Indem eine christliche Gemeinde Psalmlieder singt, nimmt sie das jüdische Erbe der Psalmen immer in den Horizont ihres christlichen Glaubens hinein. Aber wie sehr soll dies auf der Ebene der Liedtexte selbst ausgedrückt werden? Wie wird der biblische Psalmtext angemessen in ein Psalmlied umgedichtet? Diese Frage wird von der lutherischen und der calvinistischen Tradition prinzipiell unterschiedlich beantwortet. Für Luther ist die Deutung der Psalmen auf Christus hin wichtig, auch in den Liedtexten selbst, weil sie für ihn den wahren Sinn der Psalmworte trifft. Für Calvin und den Genfer Psalter hingegen besteht die Treue zum biblischen Psalmwort in einer Umdichtung, die keine textliche Ausdeutung vornimmt. Früher war diese Differenz ein erbitterter Streitpunkt zwischen den Konfessionen. Heute kann das gemeinsame Singen von Psalmliedern das Bewusstsein dafür wachhalten, wir sehr sich die Christenheit dem verdankt, was sie vom Judentum empfangen hat.
Katholische Gesangbücher im 16. Jahrhundert
Von der Abwehr zur Nutzung des Kirchenlieds
Die Beliebtheit der Kirchenlieder im evangelischen Raum machte das Singen sehr früh zu etwas typisch Protestantischem. Das führte in der katholischen Kirche einerseits dazu, dass das volkssprachliche Kirchenlied als solches in den Verdacht ketzerischer Lehre geraten konnte. Andererseits bestand die Reaktion bald auch darin, eigene katholische Gesangbücher zu schaffen, um der Wirksamkeit der evangelischen Liedsammlungen etwas Eigenes entgegenzusetzen. Im Zuge der gezielten Rekatholisierung ab dem späten 16. Jahrhundert gab dann auch der Jesuitenorden, der mit ihr beauftragt war, etliche Gesangbücher als Mittel der Glaubensunterweisung heraus.
Der Hymnarius von Sigmundslust (1524)
Der Wille zu Reformen war im 16. Jh. allgemein präsent, nicht nur in der reformatorischen Bewegung oder in Abgrenzung zu ihr. In Tirol etwa wurde in der Zeit, in der auch die ersten lutherischen Gesangbücher entstanden, 1524 eine Hymnensammlung gedruckt, die aufgrund ihrer Volkssprachlichkeit als frühes katholisches Reformgesangbuch gilt: Hymnarius, durch das gantz Jar verteutscht. Die Konzeption des Buches ist katholisch, die Übersetzung bezeugt ein humanistisches Bildungsinteresse. Gedruckt ist das Buch mit leeren Notenlinien; leider ist kein Exemplar erhalten, in dem die Noten der Melodien handschriftlich eingetragen sind.
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Michael Vehe, Ein New Gesangbüchlin Geystlicher Lieder (1537)
Michael Vehe (1485–1539) hat sein Gesangbuch als Domprobst in Halle herausgegeben. Es ist das erste katholische Gesangbuch in dem Bemühen, der sich ausbreitenden Reformation dezidiert mit eigenen Liedern zu begegnen. Die 52 Lieder auf 46 Melodien stammen zum großen Teil vom damaligen Hallenser Bürgermeister Kaspar Querhammer. Die Melodien ähneln denen der Genfer bzw. Straßburger Psalmlieder und stammen zum Teil auch von dort: Gleich der erste Gesang, ein Vaterunserlied, beginnt mit der schönen Melodie von Wolfgang Dachstein, die als zweite Melodie zu Luthers Aus tiefer Not (EG 299) bekannt ist.
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Das erste Lied im Gesangbuch von Michael Vehe (1537)
Beginn der deutschsprachigen Ostersequenz im Gesangbuch von Johann Leisentrit (1567)
Deutsche Lieder in der katholischen Messliturgie
Johann Leisentrit (1527–1586) war Domdekan in Bautzen und Generaloffizial für die Lausitz. Stärker als andere katholische Geistliche setzte er sich dafür ein, dass die Gemeinde auch in der Messliturgie deutsche Lieder singt, anstelle oder in Ergänzung der lateinischen Messgesänge. Dies wurde ihm zwar vom Papst gewährt (im Gegensatz zu seinem Ansinnen, dass auch die Einsetzungsworte in der Eucharistie auf deutsch gesungen werden), konnte sich aber letztlich im Klerus nicht durchsetzen.
Ohne Scheuklappen: Das Gesangbuch von Johann Leisentrit (1567)
Leisentrits Geistliche Lieder vnd Psalmen von 1567 sind (nach Vehe 1537) das zweite katholische Gesangbuch dieser Zeit und zugleich auch das bedeutendste, in Ausstattung und Vorbildwirkung vergleichbar mit dem Babstschen Gesangbuch von 1546 auf evangelischer Seite. Es versammelt etwa 250 Lieder auf 180 Melodien und nutzt dabei unterschiedliche Quellen. Neben Neudichtungen stammen die Lieder aus dem katholischen Gesangbuch von Michael Vehe (1537), aus der mittelalterlichen Tradition, aber auch von den Böhmischen Brüdern und aus evangelischen Gesangbüchern, textlich zumeist angepasst. Ohne Scheuklappen blickt er auf die evangelischen Lieder und nutzt sie für sein Gesangbuch. Freilich sind es für ihn Lieder der „Secten“, denen er mit einem eigenen katholischen Gesangbuch entgegenwirken will, um die „alde, eintrechtige, unzertrenliche und allein Seligmachende Christliche Religion“ zu erhalten, wie er in seiner „Vorrede“ schreibt. Es ist die Zeit des Konfessionalismus.
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Typen musikalischer Gestaltung von Gesangbüchern im 16. Jahrhundert
Der erste Gesangbuchdruck der Böhmischen Brüder, 1501 in tschechischer Sprache erstellt, enthält keine Melodien - der Notendruck mit beweglichen Typen war noch nicht erfunden. In den Gesangbüchern der Reformation im 16. Jahrhundert zeigen sich folgende Typen von Melodie-Notation:
Melodie ohne Text in den Notenzeilen
Im „Achtliederbuch“ und im Erfurter Enchiridion von 1524 sind bei einem Großteil der Lieder die Melodien mit abgedruckt – notiert als bloße Notenfolge, ohne Text in den Notenzeilen. Hier Nun komm der Heiden Heiland (EG 4).
Melodie mit Text in den Notenzeilen
Im Klugschen Gesangbuch von 1533 ist in den Notenzeilen der Text der ersten Strophe mit abgedruckt, Textsilben und Melodietöne sind einander zugeordnet. Hier die erste Strophe von Nun komm der Heiden Heiland (EG 4).
Mehrstimmige Sätze in einzelnen Stimmheften
Johann Walters Chorgesangbuch von 1524 enthält kunstvolle vier- bis fünfstimmige Sätze in der Form des Tenorlieds (Melodie liegt im Tenor). Wie damals üblich, sind die Sätze in einzelnen Stimmheften gedruckt: für Diskant (Sopran), Alt, Tenor, Vagans (gelegentliche zusätzliche Stimme) und Bass. Der Text der ersten Strophe ist in den Notenzeilen selbst mit abgedruckt. Hier aus dem Tenorheft die Melodie zu EG 4 in Walters freier musikalischer Bearbeitung.
Mehrstimmige Sätze in Partiturschreibweise
Der Regenspurgische Kirchen contra punct (1599) enthält fünfstimmige (und wenige vierstimmige) Liedsätze, alle Stimmen sind vertikal untereinander so angeordnet, dass ihr Zusammenspiel auf einen Blick ersichtlich ist. Dies entspricht der heutigen Partiturschreibweise. Der Text ist in den Notenzeilen notiert (mehrere Strophen verteilt auf mehrere Stimmen). Es sind Liedsätze in der modernen Form des Kantionalsatzes: Die Melodie liegt gut hörbar im Discant (Sopran), der Satz ist homophon gestaltet (die Unterstimmen gehen punctum contra punctum, d.h. Note gegen Note mit der Melodie mit). Hier Nun komm der Heiden Heiland (EG 4).
Mehrstimmige Sätze auf gegenüberliegenden Seiten
Der Genfer Psalter ist in seiner ersten Ausgabe (1562) einstimmig notiert. In der zweiten Ausgabe (1565) erscheinen die Lieder in vierstimmigen Sätzen, auch wenn diese in Genf nicht für den Gottesdienst bestimmt waren. Die vier Stimmen sind zwar gesondert notiert, aber abschnittsweise auf zwei gegenüberliegenden Seiten, sodass man immer alle vier Stimmen zugleich im Blick haben kann. Die Melodie liegt im Tenor (links unten notiert). Hier das Lied zu Psalm 134 (vgl. EG 140).