Vorgeschichte: Alte Kirche und Mittelalter

Gesangbücher im 1. - 15. Jahrhundert

Vorgeschichte: Alte Kirche und Mittelalter

Gesangbücher im 1. - 15. Jahrhundert

Biblische Wurzeln

Gesungen wurde in der Christenheit schon immer. Selbstverständlich haben die ersten Christen die Psalmen ihrer Heiligen Schrift, des Alten Testaments, tradiert. Sie haben auch weitere Lieder gedichtet und zum Teil in den Schriften überliefert, die zum Neuen Testament geworden sind, wie etwa den Lobgesang der Maria (Lk 1,46–55). Aber die biblischen Gesänge bilden noch kein Gesangbuch.

Auch außerhalb des Psalters wird biblisch gesungen. Das vermutlich älteste Lied der Bibel ist das Lied der Mirjam, das sie nach der Befreiung Israels aus Ägypten anstimmt – in seiner Form ein klassischer Lobpsalm (Ex. 15,21): „Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“ Der Lobgesang ihres Bruders Mose ist umfangreicher überliefert (Ex. 15,1–18). Auch das Gebet des Propheten Jona im bergenden Bauch des Walfisches ist ein Psalm (Jona 2). 
Die Gesänge im Neuen Testament stehen ganz in der Tradition der Psalmen, auch in ihrer poetischen Form. Am bekanntesten sind die drei Cantica (canticum = Gesang) aus dem Beginn des Lukasevangeliums: das Magnificat als Lobgesang der Maria (Lk 1,46–55: Meine Seele erhebt den Herren), das Benedictus als Lobgesang des Zacharias (Lk 1,68–79: Gelobt sei der Herr) und das Nunc dimittis als Lobgesang des Simeon (Lk 2,29–32: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren). Auch in den Briefen sind Gesänge überliefert, allen voran der Philipperhymnus (Philipper 2,5–11) und der Logoshymnus (Johannes 1; hier sind Hymnus und Kommentar verwoben). 

Altkirchliche Hymnen

Im 4. Jh. wandelte sich die Kirche im Römischen Reich aus einer Minderheit zur Staatskirche, es entstanden große Kirchgebäude und Gottesdienstgemeinden. So entwickelte sich auch eine neue geeignete Singform: der Hymnus. Neu war nicht der Inhalt, das Gotteslob, sondern seine Form: Im Gegensatz zu den Psalmen sind die Hymnen in gleichmäßige Strophen gegliedert und so viel leichter singbar. Gefördert wurde der Hymnus, das strophische Gemeindelied, maßgeblich durch Ambrosius von Mailand (vgl. etwa seinen Hymnus Veni redemptor gentium, EG 4: Nun komm der Heiden Heiland). 

Wonnentaler Antiphonar (1. Hälfte 14. Jh.), Responsorialer Gesang „Amo Christum“ („Ich liebe Christus“) zum Tag der Heiligen Agnes. Die Initiale zeigt Christus als Fiedler.

 

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Liturgische Bücher im Mittelalter

Im Mittelalter wurden die Hymnen und weitere Gesänge in liturgischen Gesangbüchern zusammengefasst. Es sind Studien- und Memorierbücher für die Musik-Verantwortlichen in den Klöstern und Kirchen. Im liturgischen Vollzug wurde grundsätzlich auswendig gesungen. Bücher waren dafür da, die Gesänge unter den Profis weiterzugeben, sie zu lehren und zu erlernen. Die Gesänge wurden je nach Funktion und Gebrauch in verschiedenen Büchern überliefert: Das Graduale etwa versammelt die Messgesänge der Schola, das Antiphonar die Gesänge des Stundengebets, und der Liber Ordinarius ist eine Gottesdienstordnung. Es waren noch keine Drucke, sondern Handschriften, manchmal sehr kunstvoll verziert. Im Wonnentaler Antiphonar (1. Hälfte 14. Jh.) findet sich z.B. eine Initiale, die Christus auf einer Geige spielend zeigt. 

Gemeindegesang im Mittelalter

Aus mittelalterlichen Gottesdienstordnungen ist zu ersehen, dass nicht nur die Reihe der Profis (wie Kantoren, Liturgen, Vorsänger, Schola), sondern auch die Gemeinde in gottesdienstlichen Feiern gesungen hat. Üblich waren kurze, einprägsame Singformen, die keines Gesangbuchs bedurften: liturgische Rufe (wie Kyrie eleison) oder knappe volkssprachliche Lieder (wie Christ ist erstanden). So war das Volk singend am gottesdienstlichen Geschehen beteiligt – vermutlich nicht in der Mess­litur­gie, aber nachweislich bei Wallfahrten und Prozessionen, in der Liturgie von Oster- und Krippenspielen, bei Versammlungen vor oder nach Festtagsmessen oder im Stundengebet.