Einheit und Vielfalt

Geschichte der Gesangbücher im 20. Jahrhundert

Einheit und Vielfalt

Geschichte der Gesangbücher im 20. Jahrhundert

Das Einheitsgesangbuch der Evangelischen Landeskirchen

Das Deutsche Evangelische Gesangbuch (DEG) 1915

Mit der Herausgabe der 150 Kernlieder 1854 war die Arbeit an einem Einheitsgesangbuch nicht zu Ende gegangen. 1915 erschien ein Deutsches evangelisches Gesangbuch, herausgegeben vom Deutschen Evangelischen Kirchenausschuss, zunächst als Gesangbuch für deutsche Gemeinden im Ausland. Dieses Einheitsgesangbuch wurde nach 1928 von vielen Landeskirchen eingeführt. In seinem Aufbau und in seiner Liedauswahl ist es eine Fortführung der 150 Kernlieder von 1854: Im Stammteil sind 342 Lieder versammelt, die Rubrizierung orientiert sich am Gottesdienst. Ein „Anhang“ bringt weitere 44 Lieder in derselben Rubrizierung, darunter etliche Geistliche Volkslieder wie O du fröhliche (EG 44), Ihr Kinderlein kommet (EG 43) oder Alle Jahre wieder. Das Prinzip von Stammteil, der Einheit schafft, und Regionalteilen, die zugleich Vielfalt ermöglichen, war mit dem DEG noch nicht verwirklicht. Dieser Schritt blieb dem EKG (1950) vorbehalten. 

 

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Gesangbücher in der Zeit des Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus entstanden Gesangbücher, die zeigen, wie es aussieht, wenn sich christlicher Glaube ideologisch vereinnahmen lässt. Die Gesangbuchreform der „Deutschen Christen“ bringt neben dem Gesangbuch der kommenden Kirche (1938) das Buch Großer Gott wir loben dich (1941) hervor. Es öffnet einer geistlichen Indifferenz Tor und Tür, die für unchristliche Vereinnahmung empfänglich ist. Dies geschieht etwa durch Geistliche Volkslieder wie in der Rubrik „Von frommer deutscher Lebensart“. Man bemühte sich auch um die „Entjudung“ der Lieder durch Ent­fer­nung von Hebraismen wie „Zion“, „Israel“ oder gar „Halleluja“, obgleich diese Frage unter den Hymnologen um­stritten war. Ein Beispiel aus dem Gesangbuch von 1941 ist das Lied Wie soll ich dich empfangen (EG 11): Heißt der Beginn der zweiten Strophe im Original „Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin“, so vermeidet man dies nun: „Wir brechen grüne Zweige und zünden Lichter an“. Freilich wurden solche Gesangbücher innerhalb von Theologie und Kirche nicht nur befürwortet, sondern auch deutlich kritisiert. Sie bleiben aber bezeichnend für den Ungeist ideologischer Verblendung. 

 

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Das Evangelische Kirchengesangbuch (EKG) 1950

Der Stammteil des EKG wurde mit einer Auswahl von 394 Liedern 1950 veröffentlicht. In der Folgezeit wurde es von allen Landeskirchen (in BRD und DDR) und den beiden evangelischen Kirchen Österreichs eingeführt, herausgegeben in unterschiedlichen Ausgaben zur Ergänzung durch die Regionalteile. Entstanden war das EKG maßgeblich durch die Vorarbeiten von Oskar Söhngen (1900–1983) auf unierter Seite und Christhard Mahrenholz (1900–1980) auf lutherischer. Beide hatten schon vor 1945 die Erarbeitung eines geplanten „Reichsgesangbuchs“ vorangetrieben. Das EKG greift in seinem Grundbestand auf das DEG von 1915 zurück und nimmt zugleich die Anliegen der Singbewegung auf: Es fokussiert sich auf Lieder der Reformationszeit und des Konfessionalismus, es orientiert sich an deren originaler Text- und Melodiegestalt für einen rhythmischen Gemeindegesang. Neue Melodien entstehen gerne in Anlehnung an frühbarocke Zeiten. Geistliche Volkslieder (wie Stille Nacht, EG 46), die zwar eine emotionale Beteiligung der Singenden fördern, aber auch geistliche Indifferenz ermöglichen, werden in die Regionalteile verwiesen. In seinem Aufbau orientiert sich das EKG primär am Gottesdienst.

Das Evangelische Gesangbuch (EG) 1993

Das EG wurde 1993 eingeführt, und zwar in der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie in den beiden Kirchen Österreichs und den beiden Kirchen im Elsass und in Lothringen (Frankreich). Der Stammteil des EG zeigt in seinem Liedbestand gegenüber dem EKG (1950) eine deutliche Erweiterung des Profils. Aufgenommen sind nun Lieder aus den Neuaufbrüchen in Kirche und Gesellschaft seit den 1950er Jahren. Man denke an die Impulse des Neuen Geistlichen Liedes (Danke für diesen guten Morgen, EG 334), an den Horizont der fremdsprachigen Ökumene (Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr, EG 382) oder an die Anliegen von Friedens- und Umweltbewegung (Gott gab uns Atem, EG 432). Die Regionalteile des EG enthalten landeskirchliche Liedanhänge (nicht überall) und Textsammlungen (mit Psalmen, Gebeten, Gottesdienstordnungen und Bekenntnisschriften). 

Aktuelle Gesangbücher im Raum der Ökumene

Die Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut (AÖL)

Ökumenische Verbundenheit wächst, wo man miteinander singt – umso mehr, je stärker die gemeinsamen Lieder, die den verschiedenen Seiten vertraut sind, auch eine einheitliche Text- und Melodiefassung haben. Diese zu erarbeiten, ist die Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut im deutschen Sprachbereich. Es ist eine Gemeinschaft der evangelischen und katholischen Kirchen sowie von Freikirchen im deutschsprachigen Raum, gegründet 1969. Die Arbeit bleibt aktuell, die AÖL trifft sich ein- bis zweimal im Jahr. 

 

Zur Website der AÖL

Übersicht aktueller Gesangbücher im Raum der Ökumene

Vorgänger war das Reformierte Kirchengesangbuch (RKG) von 1952. Das RG wurde gemeinsam in enger Kooperation mit dem Katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz (1998) erarbeitet. Beide Bücher sind selbständige Publikationen. Das RG enthält über 800 Lieder (868 Nummern, darunter etliche nicht-liedhafte Texte poetischer, betrachtender oder informativer Natur). 

 

Zum reformierten Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz

Das KG wurde gemeinsam in enger Kooperation mit dem Reformierten Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz (1998) erarbeitet. Beide Bücher sind selbständige Publikationen.

 

Zum katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz

Das Gesangbuch ist von der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, Österreich und Schweiz/Frankreich herausgegeben. Es umfasst 681 Lieder in vierstimmigen Sätzen, dazu ausgesuchte Zwischentexte und Grafiken. 

 

Zum Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche

Feiern & Loben ist das Gesangbuch der Gemeinden, die zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten und Brüdergemeinden) und zum Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland gehören. Herausgegeben wird es in enger Zusammenarbeit mit diesen Bünden von einzelnen Verlagen. Es umfasst ca. 500 ältere und neuere Lieder meist in vierstimmigen Sätzen. 

Das Gesangbuch ist die erste Gemeindeausgabe der Herrnhuter mit ausnotierten Melodien und Sätzen. Es bietet 1054 Lieder und im Anschluss daran ausformulierte liturgische Formulare für die Predigtversammlungen und Tagesgebete in Herrnhuter Tradition.

 

Zum Gesangbuch der Brüdergemeinde

Das Gotteslob ist das katholische Einheitsgesangbuch im deutschsprachigen Raum. Vorgängergesangbuch war das Gotteslob von 1975 (wichtige Schritte auf dem Weg dorthin waren die Einheitslieder für die deutschen Diözesangesangbücher 1916 und ein Kanon von Einheitsliedern 1947). Das GL ist als Rollenbuch der gottesdienstlichen Gemeinde konzipiert. Wie das EG besteht es aus einem Stammteil aller Diözesen (herausgegeben von den (Erz-)Bischöfen Deutschlands und Österreichs und dem Bischof von Bozen-Brixen) und verschiedenen Regionalteilen. Der Stammteil umfasst 684 Nummern (Lieder, liturgische. Gesänge, Gebete und liturgische Formulare). 

 

Zum Gotteslob

Die Ausgabe ist das Gesangbuch der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Das Gesangbuch enthält 694 ältere und neuere Lieder. 

 

Zum “glauben hoffen singen”

Das ELKG2 ist das Gesangbuch der Selbständigen Evangelisch-Lutherische Kirche. Vorgängergesangbuch war das ELKG von 1987, das den Stammteil des EKG integrierte. Das ELKG2 enthält nicht nur einen umfangreichen Teil Lieder-, Gesänge und Psalmen (mit 745 Nummern), sondern auch zwei Teile mit liturgischen Formularen (für den Gottesdienst, womit das Buch beginnt, sowie für weitere Gottesdienste und Andachten), außerdem Gebete und Bekenntnisse

 

Zum ELKG2

Auf dem Weg zum neuen EG

Impulse im Vorfeld

Singen verbindet alt und neu. Mit dem Ziel, den Gemeinden neue Lieder in einer landeskirchlichen Sammlung zugänglich zu machen, entstanden in den letzten zwei Jahrzehnten etliche Ergänzungshefte zum EG, etwa Singt Jubilate (EKBO), Singt von Hoffnung (Sachsen), Wo wir dich loben wachsen neue Lieder (Württemberg, Baden, Pfalz, Elsass und Lothringen), EGplus (Hessen und Nassau sowie Kurhessen-Waldeck) oder freiTöne (Reformationssommer 2017). Neue Lieder entstehen, die Lebenswelt wandelt sich, beides provoziert die Frage nach der Erneuerung des Einheitsgesangbuchs. Hinzu kamen die Revision der Lutherbibel (2017) und der Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder (Advent 2018). Letztere nahm neue Lieder in die Reihe der Wochenlieder auf, sie sind im Ergänzungsheft zum EG (EG.E) zugänglich – nur eine vorläufige Lösung.  

Beschluss zum neuen EG: Buch und Bank

Im Jahr 2017 entschied der Rat der EKD in Zusammenarbeit mit allen evangelischen Landeskirchen, dass das EG von 1993 gemeinsam überarbeitet werden soll. „Buch und Bank“: Das neue EG soll sowohl als Buch erscheinen, das ein gemeinsames Repertoire schafft, als auch in Form einer Datenbank, die weitere Lieder und digitale Möglichkeiten bietet. 2020 startete eine gut 70-köpfige Gesangbuchkommission mit der Arbeit. Beteiligt sind Vertreter aus allen Landeskirchen, Fachverbänden und der evangelischen Kirche in Österreich. Inzwischen sind Erprobung und Vermittlung in vollem Gange.

 

Mehr zum neuen Evangelischen Gesangbuch

Singend im Glauben wachsen: Das Achtkinderliederbuch (2024)

Lieder werden lebendig, indem Menschen sie singen, was wiederum die Singenden belebt. Der beste Weg ist, zum Mitsingen anzuregen. Je früher, desto besser. Das Achtkinderliederbuch ist ein gutes Beispiel. Herausgegeben vom Chorverband in der Evangelischen Kirche in Deutschland (CEK), bietet es neben acht Liedern für Kinder auch Verweise (QR-Codes) zu Ideen der Vermittlung. Was mit dem Achtliederbuch 1524 begann, ist mit dem Achtkinderliederbuch von 2024 noch lange nicht zu Ende.

 

Zum Achtkinderliederbuch
  • Johannes Schilling und Brinja Bauer: Singt dem Herrn ein neues Lied. 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch, Leipzig 2024.
  • Andreas Marti: Kirchenlied und Gesangbuch. Einführung in die Hymnologie, Göttingen 2023.
  • Barbara Lange: Kapitel Kirchenlied und Gesangbuch, in: Richard Mailänder und Britta Martini (Hg.), Basiswissen Kirchenmusik, Band 1: Theologie – Liturgiegesang, Stuttgart 2020.
  • Martin Rößler: Geistliches Lied und Gesangbuch, München 2006.
  • Christian Möller (Hg.): Kirchenlied und Gesangbuch. Quellen zu ihrer Geschichte, Tübingen 2000.