Pietismus und Aufklärung
Gesangbücher im 18. Jahrhundert
Pietismus und Aufklärung
Gesangbücher im 18. Jahrhundert
Zwei Wege des Aufbruchs
Die Sorge um Rechtgläubigkeit war im 17. Jh. längst zu Rechthaberei und Glaubenskrieg erstarrt. Gegen Ende des Jahrhunderts entstehen zwei Aufbruchsbewegungen aus dem Impuls, die Erstarrung und den Dogmatismus der Konfessionen zu überwinden und den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt zu rücken: Pietismus und Aufklärung. Beide setzen diesen Impuls unterschiedlich um. Dem Pietismus geht es darum, in der erstarrten Kirche lebendige Herzensfrömmigkeit zu wecken: individuellen Glauben des Einzelnen, persönliche Umkehr und Christusnachfolge. Der Streit um den toten Buchstaben ist zweitrangig, entscheidend ist der lebendige Glaube an Jesus. Der Aufklärung geht es darum, in intoleranter Zeit das Licht der Vernunft zu entzünden: individuelle Freiheit des Einzelnen und persönliche Verantwortung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Für die Aufklärung sind die Unterschiede zwischen den Religionen zweitrangig, haben doch alle Religionen in Wahrheit einen gemeinsamen Kern: die Moral, das vernünftige Leben.
Pietistische Gesangbücher
Herzensfrömmigkeit: Das „Freylinghausensche Gesangbuch“ (1704)
„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ (Lukas 6,45): Im Pietismus entstehen unzählige neue Lieder. Eins der großen Gesangbücher ist die Sammlung von Johann Anastasius Freylinghausen (1670–1739). Halle war mit seiner jungen Theologischen Fakultät und mit den Franckeschen Stiftungen (Waisenhaus, Armenschule und Lehrerausbildung) ein Zentrum des Pietismus. Dort erschien 1704 die erste Auflage seines Geistreichen Gesangbuchs und es folgten viele weitere „in Verlegung des Waͤysenhauses“. Das Buch enthält etwa 1500 ältere und neue Lieder. Bestimmt zur Förderung persönlicher Frömmigkeit, sind die Lieder nicht liturgisch angeordnet, sondern nach verschiedenen Themen des Glaubens (nach der „Oeconomie unserer Seligkeit“, wie es im Vorwort heißt).
Gerne schwungvoll: Melodien in pietistischen Gesangbüchern
Auch für die Melodien war Freylinghausens Gesangbuch prägend. Sie sind nur in einzelnen Ausgaben abgedruckt, wurden aber breit rezipiert, bis heute haben viele Liedtexte die Melodie, die bei Freylinghausen erscheint. Sie entsprechen ganz dem Anliegen, die Lebendigkeit des Glaubens zu fördern: Neben Melodien in „andachtsvollem“ gleichförmigem Rhythmus gibt es Melodien mit bewegten Achtel-Durchgängen oder gar im tänzerischen Dreiermetrum. Beides, das gleichförmig Choralartige wie das arienhaft Bewegte, ist im Spätbarock modern. In der Ausgabe von 1741 sind dem Lied Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450) gleich zwei bewegte Melodien zugewiesen, die erste hat sich, rhythmisch leicht geglättet, durchgesetzt. Die Kritik in einem Gutachten seitens der lutherischen Orthodoxie (Rechtgläubigkeit), solche schwungvollen Melodien führten nicht zu Andacht, sondern zu „Raserey“, taten ihrer Beliebtheit keinen Abbruch.
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Ganz im Gebrauch der Gemeinden: Das „Porstsche Gesangbuch“ (1709)
Manche Gesangbücher setzen sich im Gebrauch der Gemeinden durch und halten sich Jahrzehnte. Was die Praxis Pietatis Melica bis ins 18. Jh. hinein war, das wurden die Geistlichen und Lieblichen Lieder für die Zeit bis ins 19. Jahrhundert. Die ersten Ausgaben brachte der Berliner Propst Johann Porst ab 1709 heraus, und bald hieß sein Gesangbuch einfach nur „der Porst“. Das Profil ist moderat pietistisch, anders als das Gesangbuch von Freylinghausen war es vornehmlich nicht für den privaten Gebrauch, sondern für den lutherischen Gottesdienst bestimmt. Viele Gemeinden hielten an „ihrem Porst“ auch dort fest, wo im Lauf des 18. Jh. aufklärerische Gesangbücher verordnet wurden.
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Das Lied Morgenglanz der Ewigkeit in Freylinghausens Gesangbuch, Ausgabe 1741
Seite im Strophenregister des Herrnhuter Gesangbuchs, hier in der Ausgabe von 1778
Singstunden der Brüdergemeine: Das Herrnhuter Gesangbuch (1735)
Eine besondere Tradition des kirchlichen Singens entwickelte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) in Herrnhut. Von Anfang an (seit 1727) versammelte sich die Brüdergemeine nicht nur zu den Gottesdiensten am Sonntag, sondern auch zu „Singstunden“ – anfangs bisweilen täglich, noch heute regelmäßig. Kennzeichnend ist, dass die Gemeinde in einer frei-assoziativen Folge von ganz verschiedenen Liedstrophen selbst predigt: Bibelwort, Leben und Liedverse legen sich gegenseitig aus. Als Zinzendorf 1735 das Herrnhuter Gesangbuch zusammenstellte, übernahm er einen Großteil der Lieder aus dem Gesangbuch von Freylinghausen. Er war aber auch selbst dichterisch unentwegt aktiv. Dass Zinzendorfs eigene Texte, oft zu konkreten Anlässen entstanden, auch in späteren Zeiten überliefert und gesungen werden konnten, ist dem Wirken des Herrnhuter Bischofs und Kirchenmusikers Christian Gregor (1723–1801) zu verdanken, der sie bearbeitete. Er fügte dem Gesangbuch auch ein Register uͤber alle in diesem Gesangbuch enthaltenen Verse bei. Ganz im Sinne der Singstunden sind nicht nur die Lieder, sondern alle Strophen aufgelistet. Im Gesangbuch sind keine Melodien notiert, 1784 gab Gregor das erste gedruckte Choralbuch der Herrnhuter heraus, das mit seinen vierstimmigen Sätzen für die Begleitung des Gemeindegesangs da war.
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Reformierter Pietismus: Liedgut neben dem Genfer Psalter
Bei den Reformierten war der Genfer Psalter bis ins 19. Jh. hinein das einzige Gesangbuch, das offizielle Gültigkeit besaß und im Gottesdienst verwendet wurde. Das heißt nicht, dass es keine anderen reformierten Lieder und Gesangbücher gab. Außerhalb des Gottesdienstes wurde auch anderes gesungen und musiziert. Im reformierten Pietismus entstanden wichtige Liedsammlungen: Im Frühpietismus des 17. Jh. ist hier das kurze, aber nachhaltige Wirken von Joachim Neander (1650–1680) bedeutsam: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren (EG 317). Im 18. Jh. ist es der Laienprediger und Mystiker Gerhard Tersteegen, der eine Fülle von Liedern dichtet, die heute noch gesungen werden, am bekanntesten wohl Gott ist gegenwärtig (EG 165).
Aufklärerischer Umgang mit der Liedtradition
Vernunft und Moral als Maßstab: Gesangbücher der Aufklärung
Im Verständnis der Aufklärung ist die Moral der eigentliche Kern von Religion. Aufklärerische Gesangbücher zeigen das sowohl durch ihren Aufbau und ihre Rubrizierung als auch in ihren Liedern und Umdichtungen. Der Aufbau des Gesangbuchs ist nun meist zweigeteilt: Liedern zur „Glaubenslehre“ folgen Lieder zur „Sittenlehre“, und die Unter-Rubriken gehen gern auf die einzelnen „Pflichten“ des Menschen ein, etwa auch auf die Pflicht zum vernünftigen Umgang mit sich selbst: „Von der Selbstliebe; Von der Sorge für die Seele; Von der Leibespflege“ (Joh. Samuel Diterich, Lieder für den oͤffentlichen Gottesdienst, Berlin 1765). Bekannt geworden, weil seinerzeit in Preußen obrigkeitlich verordnet, ist vor allem das Gesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauch in den Koͤniglich-Preußischen Landen (Berlin 1780), im Volksmund nach seinem Verleger kurz „der Mylius“ genannt.
Christian Fürchtegott Gellert: Aufklärung in zugänglicher Sprache
Ein Aufklärer, der lehrhafte Inhalte mit poetischer Schönheit und moderatem Tonfall zu verbinden wusste, ist Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), Pfarrerssohn aus dem sächsischen Hainichen, Professor in Leipzig mit Vorlesungen über „Poesie, Beredsamkeit und Moral“. Seine Sprache ist bis heute anschlussfähig, seine Gedichte gehören zu den wenigen Liedern der Aufklärung, die heute gesungen werden. Vernunft und Glauben harmonieren miteinander, das positive Menschenbild der Aufklärung geht in eins mit dem klassischen Gotteslob der Tradition: „der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis / ist sich ein täglicher Beweis / von deiner Güt und Größe“ (EG 506,5).
Aufklärerische Liedtexte und Umdichtungen
Viele Liedtexte der Aufklärung sind bei aller sprachlichen Klarheit allerdings poetisch sehr nüchtern und moralisch enggeführt: „Du willst es, Herr, mein Gott, dass ich mich selber liebe. Gieb, daß ich diese Pflicht nach deiner Vorschrift uͤbe“ (Mylius 337,1). Überlieferte Liedtexte werden nach dem Maßstab vernünftiger Tugend umgedichtet. Als Beispiel die letzte Strophe von Wer nur den lieben Gott lässt walten: Aus dem originalen, tröstlichen „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, / verricht‘ das Deine nur getreu“ (EG 369,9) wird nun moderner, aber im Tonfall viel enger: „… verrichte deine Pflicht getreu!“ (Mylius 334,7). Oft wurde noch ausführlicher in die überlieferten Texte eingegriffen.
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Es ist bemerkenswert, wie umfangreich und radikal in der Zeit der Aufklärung überlieferte Liedtexte geändert und umgedichtet wurden. Ist diese Radikalität authentisch oder anmaßend? Tatsächlich wurde in kaum einer anderen Epoche so viel Fantasie und Sorgfalt darauf verwendet, überholte Vorstellungen zu vermeiden und nichts zu singen, was ein moderner Mensch nicht singen kann. Andererseits verkennt die Aufklärung, dass ich auch im Nachsprechen überlieferter Sprache authentisch sein kann, ja manchmal gerade als moderner Mensch „geborgte“ Sprache brauche, um mich darin zu „bergen“. Viele damalige Gemeinden jedenfalls haben lieber ihren moderat pietistischen „Porst“ behalten, als den verordneten aufgeklärten „Mylius“ zu nutzen.
Der aufgeklärte Zeitgenosse Matthias Claudius hat seine Kritik an den aufklärerischen Umdichtungen sehr anschaulich ins Bild gebracht: „In der neuen Zeit werden die alten Lieder verändert. Auch mögen viele Lieder nicht so sein, als sie sein sollten, das ist alles wahr. Aber ich weiß nicht, ob's an dem Verbessern oder an den Verbesserern liegt: Genug, ich kann mir nicht helfen, dass es mich um einige alte Lieder nicht dauern und leid tun sollte. Das Kleid macht, dünkt mich, den Mann nicht; und wenn der Mann gut ist, so ist alles gut. Ob da ein Knopf unrecht sitzt oder eine Naht schief genäht ist, darauf kommt es am Ende wenig an; und wer sieht darauf? Man ist einmal daran gewöhnt und oft steckt's gerade darin und muss so sein. So ein ‚Befiehl du deine Wege‘ zum Exempel, das man in der Jugend in Fällen, wo es nicht so war, wie's sein sollte, oft und andächtig mit der Mutter gesungen hat, ist wie ein alter Freund im Hause, dem man vertraut und bei dem man in ähnlichen Fällen Rat und Trost sucht. Wenn man den nun anders montiert und im modernen Rock wiedersieht, so traut man ihm nicht, und man ist nicht sicher: ob der alte Freund noch drin ist – und ich sehne mich dann nach dem falschen Knopf und der schiefen Naht“ (zitiert nach Christian Bunners, Paul Gerhardt, Weg – Werk – Wirkung, Göttingen 2006, S. 233).