Konfessionalismus und Barockkultur
Gesangbücher im 17. Jahrhundert
Konfessionalismus und Barockkultur
Gesangbücher im 17. Jahrhundert
Die Erschütterung durch den Dreißigjährigen Krieg
Im frühen 17. Jahrhundert wurde das konfessionelle Gegeneinander zum mörderischen Machtkampf. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) war eine fundamentale Erschütterung und wurde von den Zeitgenossen auch so erlebt. Die Reaktion besteht in einem Lebensgefühl, in dem beides zugleich präsent ist: Vergänglichkeit und Sinnenfreude, Todessehnsucht und Lebensgenuss, Endzeitbewusstsein und Zuversicht. Dies zeigt sich auch in den Liedern. Ein bekanntes Beispiel ist Valet will ich dir geben (EG 523), in dem die Singenden der „bösen, argen Welt“ fröhlich „Lebewohl“ sagen. Von einem Pfarrer für seine Gemeinde in Zeiten der Pest gedichtet, spendete es vielen Menschen Trost und wurde bald bekannt und beliebt. Valerius Herberger hat sich selbst ins Lied eingeschrieben, die Anfangsbuchstaben der Strophen bilden seinen Namen: ValeRIVS. Zweckfreies Spiel in schwerer Zeit.
Eine neue Fülle an Gesangbüchern und Trostliedern
Neue Schwerpunkte und Zielgruppen
Im 16. Jh. hatten sich die grundlegenden Formen des Gesangbuchs herausgebildet; im 17. Jh. entsteht auf dieser Grundlage nun eine große Fülle an neuen Gesangbüchern. Ein neuer Schwerpunkt sind die vielen Trostlieder, die in dieser schweren Zeit entstehen. Weil die Gesangbücher immer mehr Lieder enthalten, werden sie oft auch ohne Noten gedruckt, um im Umfang handhabbar zu bleiben. Steigende Auflagen ermöglichen es, dass in bürgerlichen Kreisen immer mehr Menschen ihr eigenes Gesangbuch besitzen. Wie bisher waren die Gesangbücher bestimmt für die Nutzung in Gemeindegottesdienst, Unterricht und privatem Gebrauch. Hinzu kommen nun weitere Zielgruppen. Es entstehen Gesangbücher zur persönlichen Erbauung, für Frauen oder für den Hof (für das Militär erst im 18. Jh.).
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Kupferstich im Dresdner Hofgesangbuch von 1676 (Geistreiches Gesang-Buch … für die Churfl. Häuser und Capellen): Innenansicht der Dresdner Schlosskapelle mit Heinrich Schütz im Kreise der Kantorei.
Titelseite des Gesangbuchs von Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt (1683)
Gesangbücher von Frauen für Frauen: Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt
Veröffentlichungen von Literatur war nicht nur Sache von Männern. Es entstanden auch Lieder und Gesangbücher von Frauen. Diese wendeten sich meist wiederum gezielt der Lebensbegleitung von Frauen zu. Im Selbstverständnis der Zeit bedeutete dies eine Fokussierung auf Themen rund um die Geburt und Erziehung von Kindern. Da diese Bücher nicht breit rezipiert wurden, sind sie bis heute kaum im Bewusstsein. Ein prominentes Beispiel ist Gräfin Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt (1637–1706), die allein ca. 600 Lieder dichtete. Bekannt ist ihr Lied Bis hierher hat mich Gott gebracht (EG 329), weniger bekannt ihr Gesangbuch: Geistliches Weiber-Aqua-Vit von 1683. Frauen bekommen hier Lieder und Gebete an die Hand, die sie bei „Erlangung Göttlichen Ehe-Segens, Wie auch Bey andern darbey sich begebenden Fällen“ nutzen können: Schwangerschaft, nahende Geburt, „wenn es gefährlich mit Mutter und dem Kinde steht“, glückliche Geburt, Taufe, Fehlgeburt, Totgeburt; auch Gebete für Hebammen und ein „Fürbitt-Lied des Vaters und auch der Umstehenden“ sind dabei.
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Kirchenleitendes Interesse am Liedbestand: Das Hannoversche Gesangbuch (1646)
Noch zu Beginn des 17. Jh. verdanken sich neue Gesangbücher vornehmlich der Initiative von Einzelnen. Je mehr neue Lieder entstehen und in kleinen Sammlungen kursieren, desto stärker versucht man vonseiten der Kirchenleitungen, den Liedbestand zu vereinheitlichen und die Herausgabe von Gesangbüchern selbst in die Hand zu nehmen. Ein Beispiel: Für Hannover erarbeiten Justus Gesenius (1601–1673) und David Denicke (1603–1680), beide kirchenleitend tätig, im Jahr 1646 ihr New Ordentlich GesangBuch. Auf dem Titelblatt wird eigens vermerkt, dass das Buch „mit fuͤrstlichem Privileg“ gedruckt wurde, also keine weitere private Sammlung ist, sondern ein landesherrlich autorisiertes Gesangbuch.
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Die Initiatoren des Hannoverschen Gesangbuchs von 1646, Denicke und Gesenius, hatten nicht nur ein Interesse an einem einheitlichen Liedbestand, sondern auch an einer zeitgemäßen poetischen Sprache der Lieder. Die modernen Regeln poetischer Qualität hatte Martin Opitz (1597–1639) in seinem Buch von der deutschen Poetery (1624) gültig dargelegt, sein Buch wirkte normgebend. Konkret geht es z.B. Merkmale, die bis heute für ein klassisches Gedicht als selbstverständlich gelten: Unreine Reime und Wortverkürzungen werden vermieden, Wortakzent und Versmaß entsprechen einander (die Sprache „holpert“ nicht). Denicke und Gesenius bearbeiteten die älteren Lieder ihres Gesangbuchs nun nach Maßgabe der modernen Regeln, um sie in ihrer Zeit leichter singbar zu machen. Dieses Vorgehen war seinerseits Impuls für weitere Liedrevisionen. Ein bekanntes Lied, das Denicke selbst dichtete, ist das Lied zu Psalm 100: Nun jauchzt dem Herren alle Welt (EG 288).
Unter den vielen Trostliedern dieser Zeit war eines schon damals besonders bekannt und beliebt: Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369). Der Autor Georg Neumark (1621–1681) war erst zwanzig Jahre alt, als er es dichtete. Zuvor hatte er eine schlimme Zeit durchlebt: Er war 1640 aus seiner thüringischen Heimat zum Jurastudium nach Königsberg aufgebrochen, auf der Reise aber Opfer eines Raubüberfalls geworden; völlig mittellos zog er im norddeutschen Raum umher und versuchte sich zu verdingen, monatelang. Als er 1641 schließlich eine Stellung als Hauslehrer in Kiel fand, war er so glücklich und dankbar, dass er sein Lied dichtete. So berichtet es der Sechzigjährige im Rückblick. Das Lied – geschrieben aus subjektivem Erleben und zugleich allgemeingültig formuliert – verbreitete sich rasch. Erst sechzehn Jahre später brachte Neumark sein Lied im Druck heraus, in seiner Sammlung Fortgepflantzter Musikalisch-Poetischer Lustwald von 1657. Auch die Melodie stammt von Neumark.
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Johann Crüger: Praxis Pietatis Melica 1647
Ein Gesangbuch als Jahrhundertprojekt
Das Gesangbuch von Johann Crüger (1598–1662) ist ein Meilenstein in der Gesangbuchgeschichte. Über Jahrzehnte war es in lebendigem Gebrauch und prägte das kirchliche Singen, von Berlin aus weit verbreitet im deutschsprachigen Raum. Mit 45 Auflagen in knapp 100 Jahren (von 1640 bis 1736) war es kein statisches Buch, sondern ein dynamisches Projekt, von seinen Herausgebern stets erweitert, erneuert, aktualisiert und an die Bedürfnisse der Gemeinden angepasst. Allein zu Johann Crügers Lebzeiten erschien es in zehn Auflagen.
Johann Crüger und Paul Gerhardt
Als Johann Crüger 1640 die erste Ausgabe seines Gesangbuchs veröffentlichte, war er erfolgreicher Kantor an der Berliner Nikolaikirche. Wenig später lernt er den Dichtertheologen Paul Gerhardt (1607–1676) kennen, der seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer verdiente. Später wurde Gerhardt Pfarrer an derselben Kirche. Das Zusammenwirken der beiden ist ein Glücksfall in der Geschichte des Kirchenlieds. Etliche Gedichte Paul Gerhardts hat Crüger vertont und in sein Gesangbuch aufgenommen, ihre Anzahl wuchs von Ausgabe zu Ausgabe. Bis heute werden sie gesungen. Gerhardts Wirken steht zugleich exemplarisch für die Dialektik seiner Zeit, in der beides zugleich präsent war: Konfessionalismus und Barock-Kultur, dogmatischer Streit und poetische Innigkeit. Als überzeugter Lutheraner stand Gerhardt in scharfer Auseinandersetzung mit seinem calvinistischen Landesherrn; zugleich zeugt seine Dichtung von barocker Subjektivität und frühpietistischer Innerlichkeit: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesulein, mein Leben!“ (vgl. EG 37).
Sprechendes Titelblatt: Merkmale des Gesangbuchs im 17. Jh
Ab der zweiten Auflage 1647 hieß Johann Crügers Gesangbuch Praxis Pietatis Melica (wörtlich: „Lyrische Einübung in die Frömmigkeit“). Das ist nur sein Kurztitel. Der ausführliche Titel hat barocke Ausmaße, verrät dafür aber auch Wesentliches. Auf dem Titelblatt sind alle Merkmale genannt, die für das evangelische Gesangbuch in dieser Zeit maßgeblich sind: Die bleibende Autorität der Lutherlieder und die Aktualität durch neue Lieder; die verstärkte Nutzung zu individueller Erbauung; der landesherrliche Anspruch auf die Herausgabe von Gesangbüchern; die musikalische Aktualität in Form des Generalbassliedes.
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Titelblatt der Praxis Pietatis Melica, 5. Auflage von 1653
Das Titelblatt der Praxis Pietatis Melica (PPM)
PRAXIS PIETATIS MELICA. Das ist: Vbung der Gottseligkeit in Christlichen und trostreichen Gesaͤngen, Herrn D. Martini Lutheri fuͤrnemlich, wie auch anderer vornehmer und gelehrter Leute: Ordentlich zusammen gebracht, Vnd, uͤber vorige Edition, mit gar vielen schoͤnen, neuen Gesaͤngen (derer ingesamt 500) vermehret: Auch zu Beforderung des so wol Kirchen- als Privat-Gottesdienstes, mit beygesetzten Melodeyen, nebst dazu gehoͤrigem Fundament / verfertiget Von Johann Cruͤgern ... Mit Churf. Brand. Freyheit nicht nachzudrucken.
„D. Martini Lutheri fuͤrnemlich“: Kanonisiertes und Neues
Der Titel der PPM führt unübersehbar Luthers Namen auf. Nach wie vor, 100 Jahre nach Luther, sind dessen Lieder maßgeblich, sein Name autorisiert die Liedsammlung und macht ihre konfessionelle Identität als evangelisch-lutherisches Gesangbuch deutlich. Zugleich zeigt der Titel den Anspruch auf Aktualität: Auch andere anerkannte Autoren sowie neue und erstmals veröffentlichte Lieder gehören dazu. Konkret meint das z.B. auch die Lieder Paul Gerhardts.
„Privat-Gottesdienst“: Subjektivität in der Barock-Kultur
Laut Titel der PPM ist das Gesangbuch nicht nur für den Gemeindegottesdienst in der Kirche da, sondern auch für die private Andacht zuhause. Dem entspricht das Gesangbuch mit seinem Aufbau: Es beginnt nicht, wie bis dahin üblich, mit Liedern zum Kirchenjahr, sondern mit Morgen- und Abendliedern für die Andacht im Alltag, erst dann folgen Festtagslieder, Katechismusgesänge und anderes. Tatsächlich werden Gesangbücher im 17. Jahrhundert vermehrt zur persönlichen Erbauung genutzt. Dahinter steht auch ein neues Empfinden in der Barock-Kultur und im Frühpietismus der Zeit: Wichtig ist das Individuum in seiner Subjektivität, christlicher Glaube ist nicht nur objektive Lehre der Gemeinschaft, sondern auch subjektive Bewegung des eigenen Herzens – mit Paul Gerhardt gesprochen: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden (EG 112), Wach auf, mein Herz und singe (EG 447), Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503).
„Mit Churf. Brand. Freyheit“: landesherrliches Kirchenregiment
Das Titelblatt der PPM macht auch eine Angabe zum Copyright: Das Buch ist mit Churfürstlich Brandenburgischer Freyheit herausgegeben und ohne solche Freigabe nicht nachzudrucken. War die Herausgabe eines Gesangbuchs im 16. Jh. die Sache von Privatpersonen gewesen, so änderte sich das im 17. Jahrhundert. Schon bald gehörte es zu den Privilegien des Landesherrn, ein eigenes Gesangbuch für sein Territorium herauszubringen bzw. die Hoheit über die Herausgabe auszuüben. Die Profilierung dessen, was die Gemeinden singen, ist von kirchenleitendem Interesse, und die Leitung der Kirche gehörte zu den Aufgaben des Landesherrn.
„nebst dazu gehoͤrigem Fundament“: Lieder mit Generalbass
Wie der Titel der PPM ankündigt, werden die Melodeyen nicht isoliert, sondern nebst dazu gehoͤrigem Fundament abgedruckt: Zur Melodie im Diskant (Sopran) tritt das Fundament im instrumentalen Bass, der Generalbass. In der PPM sieht man diese Praxis sehr schön in der Notation von jeweils zwei Notenzeilen (Diskant und Bass). Die Generalbasspraxis, seit dem beginnenden 17. Jh. in der Musik präsent, prägt auch das Kirchenlied. Dahinter steht eine bestimmte Art, musikalisch zu fühlen und zu denken: Die Melodie entfaltet sich und wird vom Bass begleitet, und zugleich ist die harmonische Struktur, wie sie der Bass vorgibt, grundlegend und prägt die Melodie. Beide Stimmen bedingen sich wechselseitig und machen das Wesentliche der Musik aus.
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