O Herr, mein Gott | Glory to Thee (Kanon)
Nr. 150 •
EGplus
Nr. 19 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)
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Dieses Lied gehört zu den großen englischen Abendliedern des 17. Jahrhunderts. Gerade in seiner Schlichtheit entfaltet es bis heute eine besondere Kraft: Es lädt ein, den Tag bewusst abzuschließen, Sorgen loszulassen und sich vertrauensvoll in Gottes Hände zu begeben – ein Bild, das zugleich über die Nacht hinaus als Sinnbild für das Leben verstanden werden kann.
Text:
Melodie:
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Wissenswertes zu "O Herr, mein Gott | Glory to Thee (Kanon)"
Durch die Aufnahme in das bedeutende Gesangbuch „Hymns Ancient and Modern“ von 1861 fand das Abendlied weite Verbreitung, über die Episcopal Church auch in den Vereinigten Staaten. Gewöhnlich wird es mit der Melodie von Tallis/Ravenscroft gesungen – jener Melodie, an die wohl auch Thomas Ken selbst gedacht hat –, wobei die doxologische Schlussstrophe bisweilen allein mit der Genfer Psalm-134-Melodie (vgl. EG 300) erklingt. Neben dem Abendlied verfasste Ken auch ein entsprechendes Morgen- und Mittagslied; allen drei Liedern ist die gemeinsame Schlussstrophe eigen. Durch das Gesangbuch der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa Colours of Grace (2006, Nr. 151) wurde das Abendlied zudem in den Kirchen des europäischen Festlandes in Übersetzungen weiter bekannt.
Bischof Ken orientierte sich in seinem Abendlied an den traditionellen Inhalten der Komplet: Dank für den am Tage erfahrenen Segen, Bitte um Vergebung der begangenen Sünden sowie Bitte um erholsamen Schlaf. In alldem erweist sich das Lied zugleich als Einübung in die „ars moriendi“, insofern der Tod als ‚Bruder des Schlafes‘ verstanden wird. Ars moriendi (lat. „die Kunst des Sterbens“) bezeichnet eine Gattung von Texten und eine geistlich-praktische Tradition, die im späten Mittelalter entstand. Sie sollte Menschen darauf vorbereiten, gut zu sterben – also im christlichen Glauben, mit Vertrauen auf die Erlösung durch Christus und ohne Verzweiflung. Der Abend, mit seinem dankbaren Rückblick und der Aufgabe des Loslassens, wird damit mehrschichtig deutbar. Nacht und Tod sind so eng miteinander verknüpft, dass sich Strophe 4 sowohl auf den bevorstehenden Nachtschlaf als auch auf den Todesschlaf beziehen lässt – beide mit der Hoffnung verbunden, „to serve my God when I awake“. In der deutschen Übertragung fehlt die doxologische Anrufung des dreieinigen Gottes aus der sechsten Strophe.
Die Dur-Melodie bewegt sich schlicht innerhalb einer Oktave (Tonraum von acht Tönen) in kleinen Schritten, ohne große Sprünge. Sie entstammt Tallis’ polyphonem „Archbishop Parker’s Psalter“ und wurde als Morgenlied „Praise the Lord, O ye Gentiles all“ von Thomas Ravenscroft (The Whole Booke of Psalmes, London 1621) bearbeitet sowie in einem Kantionalsatz mit Cantus firmus im Tenor harmonisiert. Die einstimmig vorgetragene Melodie wirkt ruhig, ausgewogen und beinahe meditativ – passend zum Abendthema oder zur inneren Sammlung bei einem Gebet. Die häufig wiederholten Primen (gleiche Töne in Folge) verleihen dem Gesang etwas Festes und Vertrauenerweckendes. In den abwärts gerichteten Linien lässt sich die Bewegung des Tagesendes, aber auch des Lebensendes hören, je nach Deutung. Der Aufschwung in der letzten Zeile hingegen wirkt wie ein Aufatmen oder eine Geste der Hoffnung – im Einklang mit Kens Bitte um Schutz in der Nacht und der Ausrichtung auf die Auferstehung. Die Anlage als Kanon verstärkt die Klangwirkung der Melodie: Mehrstimmig gesungen entfaltet sich eine schlichte, aber zugleich eindringliche Polyphonie, die das Gemeinschaftliche betont.
Eine Abendandacht findet mit diesem feinen Lied einen ernsten und glaubensgewissen Abschluss. Zugleich eignet sich die fließende Melodie auch für das gesungene persönliche Abendgebet im „stillen Kämmerlein“. Viele Singende sind im Alltag einer Fülle lauter Geräusche ausgesetzt. Umso empfehlenswerter ist es, bei dieser Melodie auf Klangreduktion und bewusste Stille zu setzen: Ohne Harmonisierung und Begleitung tritt die Linie der Melodie in den Vordergrund, wird von der Akustik des Kirchenraums getragen und eröffnet spirituelle Begegnungsräume. Schlichtheit, Ruhe und auch die Spannung der Tonfolge werden so intensiver erlebt – und heben sich wohltuend von den Klangkulissen des Alltags ab.
Aufnahmen von "O Herr, mein Gott | Glory to Thee (Kanon)"
O Herr, mein Gott
mit Frauenchor
Vocalensemble Cantica an St. Johannis Würzburg, Musikalische Leitung und Klavier: Hae-Kyung Jung
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