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O Heiland, reiß die Himmel auf

Nr. 7 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 41 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Gotteslob

Unter den Adventsgesängen nimmt dieses Lied die Sehnsucht nach dem Erlöser in kraftvollen und ungeduldigen Bildern auf. Der Textverfasser, Friedrich Spee, war ein couragierter Kämpfer für Menschenrechte. Die evangelische Jugend- und Singbewegung hat das lang vergessene Lied ausgerechnet in der Zeit um den Ersten Weltkrieg wiederentdeckt.

Text:

Friedrich Spee (*1591–†1635), 1622

Strophe 7 (nur im EG) bei David Gregor Corner 1631

Melodie:

Augsburg, 1666

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Wissenswertes zu "O Heiland, reiß die Himmel auf"

Der Liedtext von Spee entstand im Rahmen einer für den Unterricht (Kinderkatechese) angelegten, weihnachtlichen Liedersammlung und erschien ohne eine besondere Überschrift und anonym 1622 in Würzburg in „Das Allerschönste Kind in der Welt“. Später wurde die 7. Strohe hinzugefügt, erstmalig zu finden in der 1630 in Würzburg auf Anweisung des dortigen Fürstbischofs Philipp Adolf von Ehrenberg erschienenen Sammlung „Alte und Newe Geistliche Catholische außerlesene Gesäng“ und ein Jahr später auch im 1631 in Nürnberg gedruckten „Groß Catolisch Gesangbüch“ des David Gregor Corner. Das Lied hat immer wieder Wort- und Zeilenveränderungen erfahren sowie neue Strophen erhalten. Als erste Melodie war die phrygische Melodie des Hymnus „Conditor alme siderum“ dem Text zugeordnet. Bereits im „Geistlichen Psalter“, Köln 1638, findet sich eine neue Melodie, die sich aber nicht durchsetzte. Diese enthält Melodiebausteine der heutigen Fassung. Als eine direkte Vorlage wird auch das gregorianische „Rorate caeli“ angesehen und somit die Melodie von „O Heiland, reiß die Himmel auf“ als Gegenstück oder Kontrafaktur zur Introitusantiphon der Missa Rorate am 4. Advent bezeichnet. Seit dem 17. Jh. verbreitete sich der Gesang rasch über rheinische, katholische Gesangbücher. Von Protestanten wurde es lange als katholisches Adventslied abgelehnt und erst 1950 in das Evangelische Kirchengesangbuch aufgenommen. Letztlich hat es sich über die Singbewegung am Anfang des beginnenden 20. Jahrhunderts zu einem überkonfessionellen Lied entwickelt.

Spee hat religiöse, spirituelle, mystische Texte, die ihn alltäglich umgaben, verdichtet und zu einem poetischen Ganzen geformt. Thema des Liedes ist die Sehnsucht nach dem verheißenen Heiland. Spee orientiert sich außerdem an der katholischen Adventsliturgie seiner Epoche, etwa an den sieben "O-Antiphonen", auf die die vielen Imperative des Gesangs Bezug nehmen. Die Interjektionen sind aber auch ein Zeichen tiefer seelischer Erregung und stehen in enger Verbindung miteinander. Mit immer neuen Rufen und Imperativen sucht der Singende den Erlöser in unsere Gegenwart hineinzusingen. In den Versen sind es vor allem die Verben, die für eine starke Dynamik stehen. Die Darstellung der Affekte ist ein typisches Anliegen der Barockzeit. Neu ist, dass der Mensch nun seine persönlichen, seelischen Zustände einbringt. Die zahlreichen biblischen Motive lassen die Strophen konkret und anschaulich werden, siehe Jes 45,8; Jes 60,1ff; Jes 63,19; Lk 1,79. Die 7. Strophe enthält einen Lobpreis, der die Spannung des „noch-nicht“ auflöst. Vermutlich hat Spee das sicher nicht so beabsichtigt

Die Melodie entspricht ihrem Typus nach eher einem Oster- als einem Adventslied (vgl. „Erschienen ist der herrlich Tag“ oder „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ“), z.B. mit der Aussetzung in einer dorischen Kirchentonart, dem schwungvollen Dreiertakt und den Terzschritten der Melodie. In einem großen Spannungsbogen wird der Oktavraum durchschritten. Die einzelnen Zeilen haben höchstens einen Quintumfang. Mit vielen Wort-Ton-Entsprechungen passt die Melodie sehr gut zu dem älteren Text. Sie hat im gemeinsamen Singen eine klare, kraftvolle und belebende Wirkung.

Das Lied gehört mit seiner Sehnsuchts- und Erwartungshaltung in die Adventszeit. Es lässt sich gut im Unterricht (Schule, Konfirmandenunterricht) verwenden, da es insbesondere durch die bildhafte Sprache leicht erlernbar ist. Auch die Fremdheit und Poesie der alten Sprache kann für junge Menschen anregend sein (vgl. populäre aktuelle Fantasy-Verfilmungen mit einer Verwebung von Elementen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), wenn Brücken zu heutigen Lebenswelten gelegt werden. Ebenso hilft die pädagogisch geeignete und bewährte Strophenform (Ambrosianische Hymnenstrophe mit je vier Zeilen zu acht Silben im jambischen Versmaß), das Lied sich rasch anzueignen.

Aufnahmen von "O Heiland, reiß die Himmel auf"

O Heiland, reiß die Himmel auf
mit Vokalensemble

Vocal Concert Dresden, Leitung: Peter Kopp

aus: CD "Lob, Ehr und Preis sei Gott" ℗ Edel Germany GmbH

O Heiland, reiß die Himmel auf
mit Vokalensemble und Instrumentalbegleitung

Vokalkapelle der Theatinerkirche München, Leitung: Robert Mehlhart, Gambenconsort St. Kajetan

aus: CD "Advent und Weihnachten" ℗ Resonando

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Liedvorschau mit Noten
Choralandacht

aus der Reihe des WDR 3

„Es gibt Melodien, die mich sofort in eine bestimmte Zeit ziehen, an einen Tag oder einen Moment erinnern; Melodien, die sofort eine bestimmte Stimmung aufkommen lassen“, so beginnt der Autor dieser Choralandacht. Ein adventlicher Impuls, der mit Musik und Gedanken die Frage stellt, was im Advent wirklich wichtig ist.

 

 

Zum Beitrag

Quelle: www.kirche-im-wdr.de

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Beitrag aus der Reihe "SWR2-Weihnachtslieder"

Quelle: www.swr.de