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Nun komm, der Heiden Heiland

Nr. 4 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 55 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Dieser Gesang gehört zu den theologisch und historisch bedeutendsten Chorälen des evangelischen Kirchenliedes. In ihm verbinden sich die altkirchliche Hymnentradition, Luthers reformatorisches Liedverständnis und die Verkündigung des Adventsevangeliums in einzigartiger Dichte. Bis heute sprechen die Fremdheit und die Tiefe der alten Sprach- und Melodiegestalt viele Menschen in besonderer Weise an.

Text:

Martin Luther (*1483–†1546), 1524

nach dem Hymnus “Veni redemptor genitum” des Ambrosius von Mailand um 386

Melodie:

Martin Luther (*1483–†1546), 1524

Klosterneuburg um 1000, Einsiedeln 12. Jh.

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Wissenswertes zu "Nun komm, der Heiden Heiland"

Vorlage für Luthers Übertragung ist ein lateinischer Weihnachtshymnus des Bischofs Ambrosius von Mailand. Dieser entwickelte um 386 ein neuartiges Strophenmodell für das Singen der christlichen Gemeinde: vier Zeilen mit jeweils acht Silben im Versfuß des Jambus. In der klassischen Ausformung war ein Hymnus achtstrophig und schloss mit einer trinitarischen, doxologischen Strophe.

 

Luther hatte 1523 die Absicht, Hymnenübertragungen als Elemente des Gewohnten und Vertrauten der Gemeinde zugänglich zu machen. Dabei folgte er einer bereits im Mittelalter erfolgten Veränderung des ursprünglichen Liedes „Intende qui regis Israel“, das nun mit der Strophe „Veni redemptor gentium“ und dem adventlichen Wort „Veni“ begann. Luther griff in das Metrum ein und gestaltete in sprachlich-poetischer Freiheit, zusammen mit einer Umformung der Melodie, ein Gemeindelied. Dieses Lied stand in den evangelischen Gesangbüchern zumeist am Anfang der Rubrik „Kirchenjahr“; ja, noch im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) von 1950 eröffnete es das ganze Gesangbuch. Zahllose Kompositionen zur Melodie bzw. zum Lied zeigen, dass es über Jahrhunderte als das Adventslied schlechthin angesehen wurde.

Fremd sind uns die verdichtete Dogmatik des Hymnus sowie die Worte und der Sprachrhythmus der Übertragung Luthers. Er veränderte die ursprüngliche Zeilenlänge auf sieben Silben und suchte, im Unterschied zum Hymnus, Reime oder wenigstens Assonanzen zu schaffen. In den heute noch verbliebenen fünf Strophen scheint der Doppelcharakter der Adventszeit auf: Ernst und Zuversicht, Gericht und Gnade, Bußzeit und Freudenzeit. Das „komm“ erinnert an das „Maranatha“ am Ende der Bibel (Offb 22,20). Mit den Heiden (lat. gentes) ist die ganze Völkerwelt gemeint (Jes 11,10), die neben dem bereits auserwählten Volk Gottes nun zu Christus gerufen wird. Kerngedanke des Liedes ist die geheimnisvolle, wunderbare Jungfrauengeburt (Jes 7,14; Lk 2,18) und die damit betonte Göttlichkeit Jesu.

Die Melodie ist sehr alt und reicht vielleicht bis auf Ambrosius zurück. Sie hat nur einen kleinen Tonumfang, ein Kennzeichen frühmittelalterlicher, noch orientalisch geprägter Melodik. Der Gesamtambitus von einer Sexte wird in den Zeilen durch Quarten und Quinten noch unterschritten (4–5–5–4). Die Tonart ist kirchentonal, nicht als Dur oder Moll zu verstehen, wie es erst ab dem 16./17. Jahrhundert der Fall ist.

Der dorisch-hypodorische Beginn zeigt eine Verwandtschaft zu den ebenfalls alten Melodien von „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“. Luther griff auch hier in die Hymnenmelodie ein, indem er etwa die vierte Zeile als Wiederholung der ersten Zeile verwendete und damit das Lied eingängiger gestaltete.

Der lateinische Hymnus hatte seinen Platz im Stundengebet der Mönche, in der klösterlichen Liturgie. Luther gab dem Lied durch seine Umformung einen neuen Platz im Gottesdienst. Es hat sich bis heute behauptet und wird als Wochenlied zum 1. Advent verwendet. Für Orgel, Chöre und Bläserensembles gibt es ungezählte Choralbearbeitungen, Liedsätze, Kantaten usw., sodass das Lied auch rein musikalisch erinnert werden kann. Im Gesangbuch „Gotteslob“ findet sich eine neuere Übertragung des Hymnus durch Markus Jenny aus dem Jahr 1971. „Komm, du Heiland aller Welt“ gilt als ökumenische Fassung, hat sich jedoch nicht recht durchgesetzt, ebenso wenig wie die im Reformierten Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz stehende Übertragung von Fritz Enderlin aus dem Jahr 1952 mit dem fast gleichen Beginn „Nun komm, der Heiden Heiland, als der Jungfrau Kind erkannt“.

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Hintergrundwissen

Radioserie und Podcast zum Lied

"Nun komm, der Heiden Heiland" - diesen Hilferuf verstehen wir, auch wenn er etwas ungewohnt ist in der Wortstellung. Ein Hilferuf, der sagen will: "Komm, Jesus, erlöse uns endlich aus unserer Not, aus unserem Nichtglauben".

 

In der Radioserie und im Podcast von SWR Kultur geben die Autorinnen und Autoren spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte bekannter Weihnachtslieder. Sie beleuchten, wie die Lieder entstanden sind, welche historischen und kulturellen Hintergründe sich mit ihnen verbinden und weshalb sie bis heute eine besondere Bedeutung im Weihnachtsbrauchtum haben.

 

Ein Beitrag aus der Reihe "SWR2-Weihnachtslieder"