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Mit Ernst, o Menschenkinder

Nr. 10 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 46 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

In der dritten Adventswoche richtet sich unser Blick nach innen. Dieses Lied ruft — ernst und zugleich hoffnungsvoll — zur Besinnung und inneren Umkehr auf. Es lädt uns ein, unser Leben im Licht des kommenden Christus zu prüfen, alte Lasten abzulegen und uns auf Gottes Ankunft vorzubereiten.

Text:

Valentin Thilo (*1607–†1662), 1642 (Str. 1–3) bzw. 1657 (Str. 4)

Melodie:

Lyon, (1557) 1563

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Wissenswertes zu "Mit Ernst, o Menschenkinder"

Das Lied Valentin Thilos erschien mit eigener vierter Strophe und verbunden mit einer Chorsatzmelodie von Johann Stobäus erstmals 1642 in Elbing im ersten Teil der Preußischen Fest-Lieder unter der Überschrift „Am Vierden Sontag deß Advents. Parate viam Domino“. Tatsächlich nimmt das Lied die Ankündigung des Messias durch Johannes den Täufer auf, die Gegenstand des „alten“ Evangeliums des 4. Adventssonntags, Johannes 1,19–28, ist und dort wie auch in den synoptischen Parallelen Jesaja 40,3 zitiert: „Bereitet dem Herrn den Weg …“ Diese Thematik ist in der aktuellen Textordnung zum 3. Sonntag im Advent gewandert, zu dem „Mit Ernst, o Menschenkinder“ heute als Wochenlied gehört. In Verbindung mit der Melodie zu „Von Gott will ich nicht lassen“ (seit 1657) hat sich das Lied über den evangelischen Bereich hinaus ökumenisch verbreitet.

Die Dichtung aktualisiert die Ankündigung des Messias durch Johannes den Täufer für die Christenheit, die sich auf das Christfest vorbereitet. Die zweite Strophe paraphrasiert nahezu wörtlich den vom Täufer zitierten Appell aus Jesaja 40, 3f., dem Kommenden den Weg zu bereiten. Die Erhöhung der Täler und die Erniedrigung der Berge wird in der dritten Strophe auf Demut und Hochmut bezogen; das Ebnen der Wege („macht alle Bahnen recht“) wird gedeutet als das Bereiten „eines Herzens, das richtig ist“.

 

Die vierte, später hinzugefügte Strophe antwortet dem Aufruf, dem Herrn den Weg zu bereiten (Strophe 2,1) und sich „recht [zu] bereiten“ (Strophe 3,7), mit einem demütigen Gebet: Nun soll – gleichsam in umgekehrter Richtung – der kommende Jesus selbst die Frommen bereiten: „Ach mache du mich Armen … Herr Jesu, selbst bereit“ (Strophe 4,1.4). Die ursprüngliche vierte Strophe Valentin Thilos griff hingegen noch einmal das Thema des Täufers als Gerichtsprediger auf, indem sie an den Liedanfang „mit Ernst“ anknüpfte: „Das war Johannis Stimme, / das war Johannis Lehr: / Gott strafet den mit Grimme, / der ihm nicht gibt Gehör“, um dann erst in ein Gebet zu münden: „O Herr Gott, mach auch mich / zu deines Kindes Krippen, / so sollen Herz und Lippen / mit Ruhm erheben dich.“

Die Melodie, zu der Ludwig Helmbold im Jahr 1563 „Von Gott will ich nicht lassen“ gedichtet hat, passt zu Valentin Thilos Lied „Mit Ernst, o Menschenkinder“, mit dem sie erst sekundär verbunden wurde, wie angegossen. Sie wirkt wie die Bahn, die im Lied selbst bereitet werden soll: „gleich und schlicht“, aber keineswegs eintönig, vielmehr „eine Verbindung aus ernster Stille und innerlicher Fröhlichkeit“ (Karl Christian Thust). Charakteristisch sind die überwiegend kleinen Tonschritte; lediglich am Ende des Stollens – also des ersten, zweimal gesungenen Teils einer Strophe in der Barform – findet sich ein markanter Quintfall, im Übergang zum Abgesang ein Oktavsprung. Die Zeilen sind rhythmisch gleichmäßig gebaut: Fünf Viertel führen jeweils auf eine Halbe zu. Im achtzeiligen Strophenschema der Barform weist die erste Hälfte einen Kreuzreim (A–B–A–B), die zweite einen umarmenden Reim (C–D–D–C) auf, wobei die A- und D-Zeilen auf klingende, die B- und C-Zeilen auf stumpfe Reime enden.

Zusammen mit „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper, der Valentin Thilos Lied besonders schätzte, ist „Mit Ernst, o Menschenkinder“ das Lied der 3. Adventswoche. Als Gebet kann die 4. Strophe in der ganzen Adventszeit, aber auch noch in der Christvesper oder in der Christnacht (z. B. mit Bezug auf die Weihnachtsgeschichte Lukas 2 mit dem „introvertierten“ V. 19 und dem „extrovertierten“ V. 20) gesungen werden. Reizvoll wäre, das Lied mit „Kam einst zum Ufer“, der Nachdichtung eines Liedes von Huub Oosterhuis durch Jürgen Henkys (Tageslied des Johannistages 24. Juni), zu kontrastieren.