Ein mittelalterliches französisches Weihnachtslied, verbunden mit einem englischen Osterlied und einer deutschen Passionslied-Neudichtung – der Stoff, aus dem dieses Lied gewebt ist, ist vielschichtig und besonders. Ebenso einzigartig ist seine liturgische Einordnung an der Schnittstelle von Passion und Ostern.
nach dem englischen „Now the green blade rises“ von John Macleod Campbell Crum 1928
„Noël nouvelet“ Frankreich 15. Jahrhundert
Spannende Hintergründe zu den beteiligten Personen und ihren Lebenswegen entdecken.
Jürgen Henkys schuf das Lied 1976 für das 1978 erschienene DDR-Beiheft zum EKG „Neue Lieder“ als Nach- und Neudichtung des vierstrophigen Liedes „Now the green blade rises“ von John Macleod Campbell Crum (1872–1958). Dieses englische Osterlied war bereits mit der Melodie des spätmittelalterlichen französischen Weihnachtsliedes „Noël Nouvelet“ verbunden. Über das Beiheft zum EKG und die Sammlung 36 „Neue Lieder“ (Kassel 1986) fand das Lied schließlich Aufnahme in den Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs.
Wie die vierstrophige englische Vorlage meditiert das Lied das Jesuswort Joh 12,24: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Daher wird die geheimnisvolle Verbindung von manifestem Tod und erhofftem Leben, von Passion und Ostern, bedacht. Das in die Erde, in den Tod versinkende Korn wandelt sich unerklärlich in den Keim der Liebe, der im Morgen aufgeht: „Liebe lebt auf, die längst erstorben schien“ (Strophe 1). Mit der Hinrichtung und dem Begräbnis Jesu hat „die Welt“ die in ihm erschienene Liebe Gottes endgültig ausgeschlagen (Strophe 2). Auch bei uns geht seine Saat nicht auf, sondern – in einer kurzen Einblendung des Gleichnisses vom vierfachen Acker – verliert sich ins Vergebliche. Doch: „Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien“ (Strophe 3). Jede Strophe mündet in den kleinen Refrain: „Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.“
Die dorische Melodie mit ihrer charakteristisch erhöhten sechste Ton (Sext), die in den identischen aufstrebenden und abfallenden Melodiebögen der Zeilen 1, 2 und 4 jeweils dreifach erklingt, erzeugt einen archaischen Klang, der uns atmosphärisch in das spätmittelalterliche Frankreich von „Noël Nouvelet“ versetzt.
Die wiederkehrenden, gleichförmigen Auf- und Abwärtsbewegungen der Melodie und Wiederholungen erzeugen eine schwebende, kreisende Atmosphäre, die weniger zielgerichtet als vielmehr meditativ wirkt.
Eine weitere raumzeitliche und zugleich ökumenische Beziehung besteht zur anglikanischen Kirche Englands, in der diese Melodie vor gut 100 Jahren mit einem Text verbunden wurde, der Lebensverheißung und Lebenserwartung unlöslich mit der Todeserfahrung verknüpft.
Als Lied der Woche am Sonntag Lätare erklingt es besonders auch zur Todesstunde Jesu am Karfreitag, am Tag der Grabesruhe Jesu am Karsamstag und in der Osternacht mit dem österlichen Ruf: „Hin ging die Nacht.“
Julia Hedtfeld (Sopran), Almut Stümke (Alt), Helmut Hoeft (Tenor), Christian Ohly (Bass), Gunter Kennel (Orgel)
Eine Produktion der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz. Mit freundlicher Unterstützung der Erbengemeinschaft Henkys.
Anne Schumann (Gesang), Katharina Reibiger (Orgel)
Wie in einem Bilderbuch führen die Bildkarten Schritt für Schritt durch das Lied. Beim gemeinsamen Singen können Eltern und Kinder so Strophe für Strophe entdecken und das Lied gleichsam „singend durchblättern“. Die Zeichnung ist bewusst schlicht und kindgerecht gehalten. Ihre offene Gestaltung lädt dazu ein, eigene Assoziationen einzubringen, die Motive weiterzudenken und die Bilder vielleicht sogar selbst kreativ zu ergänzen oder eigene Bilder zu gestalten.
Die Vorlagen lassen sich ausdrucken und bunt gestalten: So entstehen kleine Leporellos oder sogar Lied-Memorys. Wer mit den Bildern und den entsprechenden Liedstrophen spielen möchte, kann auf mitsingen.de Lieder erraten oder seine Textsicherheit bei einem Bildermemory testen.
Viel Spaß beim Blättern!
Quelle: Ein Projekt der Arbeitsstelle Kirchenmusik in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens (EVLKS), Fachbeauftragte für Chor- und Singarbeit Martina Hergt www.kirchenmusik-sachsen.de
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