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Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr

Nr. 382 • Evangelisches Gesangbuch

  • freiTöne

Das Suchende und Fragende scheint in das Klanggewebe der Melodie mit ihren vielen Achtelnoten und unruhigen Bewegungen eingewoben. Der Text spricht von der Bedrängnis des Menschen angesichts existenzieller Erfahrungen von Leid und Tod. Über tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit führt der Weg zu Fragen und Bitten – schließlich zu einem Bekenntnis, dass Gott in die eigene Existenz verwoben entdeckt wird: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“

Text:

Lothar Zenetti (*1926–†2019), 1973 nach dem niederländischen „Ik sta voor U in leegte en gemis“ von Huub Oosterhuis 1969

Melodie:

Bernard Maria Huijbers (*1922–†2023), 1964

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Wissenswertes zu "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr"

Ausgangspunkt ist die niederländische Neubearbeitung des (Genfer) Psalters, hier des Psalms 119. Aus dem langen Psalm trennte Bernard Huijbers die letzten drei Strophen heraus und komponierte dafür eine neue Melodie. So entstand ein eigenes Lied mit dem (biblischen) Textanfang „Een smekeling, zo kom ik tot uw troon“, abgedruckt in „150 Psalmen“ (’s-Gravenhage 1961) und in „30 Liederen voor een Nederlandse liturgie“ (Hilversum 1964). Auf diese Melodie und in dieser Strophenform dichtete Huub Oosterhuis 1961/1962 einen neuen Liedtext: „Zo vreindelijk en veilig als het licht“. Anlässlich eines Trauergottesdienstes für einen 26-jährigen Studenten aus der Gemeinde schuf Oosterhuis 1966 auf dieselbe Melodie einen weiteren Liedtext: „Ik sta voor U in leegte en gemis“ (dabei übernahm er – fast wörtlich – die dritte Strophe seines ersten Textes). Er veröffentlichte das Lied zunächst als Teil einer volkssprachlichen Trauerliturgie „In het voorbijgaan“ (Utrecht 1968), kurze Zeit später auch als unabhängigen Liedtext in „Liturgische gezangen voor de viering van de Eucharistie“ (Hilversum 1970). Fasziniert von den niederländischen Liedern von Oosterhuis und Huijbers, die er in Gottesdiensten in Amsterdam kennengelernt hatte, begann Lothar Zenetti, sie für den Gebrauch in seiner Gemeinde – vor allem für Jugendgottesdienste – zu übertragen. Der deutsche Text wurde 1973 gestaltet und erschien erstmals in „Gib mir ein Lied“ (Berlin 1974).

Die „leeren Hände“ stehen zunächst für die Suche nach Gott. Ein Einzelner („Ich“) redet mit Gott und bleibt dem Gegenüber („Du“) doch fern. Oosterhuis löst die Bedrängnis des Menschen angesichts existenzieller Erfahrungen von Leid und Tod nicht einfach auf. Über tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit führt der Weg zu Fragen und Bitten – schließlich zu einem Bekenntnis, dass Gott in die eigene Existenz verwoben entdeckt wird. Der Text steht sowohl inhaltlich als auch formal den „Klagepsalmen des Einzelnen“ und dem Buch Hiob nahe. Er lebt aus der biblischen Tradition und ist dennoch Theologie des 20. Jahrhunderts, die durch die Mittel der Poesie neue Impulse und Lebendigkeit erhält. Alex Stock beschreibt es so: „Die Poesie gibt der Theologie zu denken.“ (Gottesfürchtige Andacht – Lieder aus Amsterdam, Theologische Quartalschrift 167 [1987], S. 48). In den Zeilen werden Bibelstellen auslegend miteinander verbunden, z. B. Ex 3,13 und Ps 77,20 („fremd wie dein Name sind mir deine Wege“) oder auch Mk 9,24 und Hi 30,20f (im niederländischen Originaltext: „Ich glaube, Herr – was stehst Du mir entgegen?“). Die drei Strophen bestehen jeweils aus sechs Zeilen mit 10.11.10.11.10.11 Silben (das entspricht dem Versmaß von Psalm 119 im Genfer Psalter) und sind in drei lange Bögen gegliedert, die teils einen geschlossenen Gedanken entfalten. Auch die Bewegung vom Indikativ über Frage und Bitte bis hin zum zusammenfassend-reflektierenden Abschluss hält die reichen Gedanken des Liedes zusammen, reiht sie aneinander und schließt sie zu einem Kreis. Neben Zenettis Textübertragung gibt es weitere: von Nikolaus Greitemann/Peter Pawlowsky (1976), Alex Stock (1994) und Jürgen Henkys (1994).

Die Melodie ist, sehr passgenau, zu dem neugeformten Psalmlied „Een smekeling, zo kom ik tot uw troon“ komponiert worden. Sie stellt eine moderne Form des Psalmgesangs dar und bildet eine Alternative zur Genfer Psalmliedtradition. Frei schwingend und an keinen Takt gebunden (Taktstriche verstellen eher den Blick auf die ruhig zu singende Achtellinie), entfaltet sie ihren besonderen Charakter. Die Melodie ist aus drei langen Bögen zu je zwei Zeilen gebaut, die sich „melodisch reimen“ (ab cb‘ c‘b) und von einer erkennbaren Zielstrebigkeit getragen werden. Sie weckt den Anschein des Bekannten und leicht Singbaren, ist jedoch keineswegs simpel oder naiv komponiert. Vielmehr entfaltet sich ein großer Reichtum an inneren Bezügen – melodisch, rhythmisch und harmonisch. Das Suchende und Fragende scheint in das Klanggewebe der vielen Achtelnoten und unruhigen Melodiebewegungen stimmig eingewoben.

Aus der Einordnung in die Rubriken unterschiedlicher Gesangbücher lassen sich zahlreiche Verwendungsbereiche ablesen: Leben aus dem Glauben, Vertrauen und Trost, Angst und Vertrauen, Vertrauen und Bitte, Anrufung, Schuldbekenntnis und Vergebung, Gnade und Umkehr, Bitte und Fürbitte, Tod und Sterben. Die Strophen 1–2 können als Bußgebet vor dem Kyrie, die Strophe 3 als Gnadenzusage in vielfältigen Gottesdiensten sinnvoll eingesetzt werden.

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Einladung zu einem Gebet

Guter Gott,

Du sagst mir zu: In Deiner Hand bin ich geborgen. Und ich spüre, dass ich Dir meine Hand reichen darf. Doch wenn ich komme, habe ich oft das Gefühl: „Ich steh ich vor dir mit leeren Händen“.

Wenn ich auf mein Leben blicke, dann sehe ich vieles, was unzureichend ist, zerbrochen. Ich spüre meine Fehler, mein Unvermögen. Die Zerbrechlichkeit des Lebens, meine geringe Kraft. Ich spüre die vielen Zweifel, die mich umtreiben. Meine Sorgen und Fragen um das Morgen, um die ungewisse Zukunft.

Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Gott.

Mein Leben fühlt sich klein an.

Dies Wunder, dass Du dennoch da bist,

ansprechbar, nahbar für mich.

 

Meine leeren Hände,

ich halte sie Dir entgegen, Gott.

Meine Sehnsucht nach Leben.

Meine Fragen nach Zukunft.

Mein Hoffen auf Dein Wort.

 

Ich bitte dich, lass mich spüren,

dass Du es bist, der meine Hände füllt.

Jeden Tag neu will ich Dir wiederbringen,

was ich empfangen habe.

 

Kristina Sänger

Choralandacht

aus der Reihe des WDR 3

Mit seiner behutsamen Annäherung an das Lied lädt uns der Autor dieser Choralandacht ein, innezuhalten und Text, Melodie sowie die Entstehungsgeschichte dieses besonderen Werkes nachzuspüren.

 

 

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Quelle: www.kirche-im-wdr.de