Paul Gerhardts Weihnachtslied ist ein Lied des Staunens. Mit anrührenden Bildern beschreibt es, wie wir Erwachsenen vom wunderbaren Gottesgeschenk überwältigt singend, anbetend und staunend vor der Krippe stehenbleiben.
Spannende Hintergründe zu den beteiligten Personen und ihren Lebenswegen entdecken.
Als segensreich ist die über die gleichzeitige Amtszeit beider an der Berliner Nikolaikirche (1657–1662) hinaus bestehende Freundschaft des Pfarrers und des Kantors zu bezeichnen. Crüger „entdeckte“ Gerhardts Liedtexte und nahm sie in seine Gesangbücher auf. Die erstmalige Aufnahme dieses Liedes erfolgte in der 5. Auflage der „Praxis Pietatis Melica“ (Berlin 1653). Die dort zugewiesene Melodie gehörte ursprünglich zum Lied „Nun freut euch, lieben Christen gmein“ (im EG steht sie beim Lied „Es ist gewisslich an der Zeit“). Sie wurde von Bach noch 1734 in der sechsten Kantate seines Weihnachtsoratoriums zu „Ich steh an deiner Krippen hier“ verwendet. Die heute zugeordnete Melodie findet sich erstmals im Gesangbuch von Georg C. Schemelli (Leipzig 1736). Dass sie von Bach komponiert wurde, kann wissenschaftlich jedoch nicht eindeutig bewiesen werden.
Gerhardt dichtete 15 Strophen in der Form der sogenannten Lutherstrophe (mit 7 Zeilen zu 8.7.8.7.8.8.7 Silben), poetisch äußerst kunstvoll und aufwendig gestaltet. Als „schönes“ Lied soll es „wohlgefallen“ und Ausdruck „meiner“ Hingabe an den schenkenden Gott sein. Luthers „Vom Himmel hoch“ mag ebenfalls ein Anknüpfungspunkt gewesen sein (vgl. Strophe 6–9), doch erweitert Gerhardt die lutherisch-kirchlichen Sichtweisen über die Geburt hin zu mystischen, andächtigen, teils geradezu schwärmerischen Betrachtungen über das Jesuskind. Glauben ist bei Gerhardt individuelle Erfahrung und innere Bewegung (vor allem im „singen“). Nicht zuletzt soll die spirituelle Praxis solcher Krippenandacht bei Gerhardt ethische Konsequenzen haben – in einer persönlichen Veränderung und im alltäglichen Handeln.
Die Melodie gehört zur Gattung der barocken „Aria“. Kennzeichen sind eine solistische Melodieführung (hier mit Punktierungen auf den Hauptakzenten, Achtelnoten und dem Aufsteigen der Melodie zum Schlusston) sowie der harmonische Zusammenhang, der bereits im Gesangbuch durch den Abdruck eines Generalbasses sichtbar wird. Der gesamte Tonumfang umfasst eine None (9 Töne), die einzelnen Zeilen bewegen sich jeweils innerhalb einer Sexte (6 Töne). Die Originaltonart war C-Moll (heute zumeist eine Terz tiefer gesungen).
Obschon der bei Gerhardt typische Gemeindeaspekt in diesem Liedtext fast unberücksichtigt bleibt, ist das Krippen- und Weihnachtslied nicht nur ein betrachtendes „Ich-Lied“, sondern ein gern gesungenes, inniges „Wir-Lied“ geworden, das vor allem in die Stunden der Christnacht gehört. Mit anderen Melodien – wozu der Strophenbau der „Lutherstrophe“ gute Ansätze bietet – lassen sich zudem weiterführende Kontexte erschließen.
Selina (Gesang) und das Ensemble des Projektes "Kinder singen GottesLieder" der EKHN-Stiftung
Ich steh an deiner Krippen hier | Evangelisches Gesangbuch Nr. 37, Strophe 1
Such dir einen ruhigen Ort. Nimm dir ein paar Minuten Zeit. Lies diesen Andachtsimpuls.
Quelle: Hrsg. vom Verband Evangelische Kirchenmusik in Württemberg. München: Strube Verlag, 2023/24, VS 9197
In der Radioserie und im Podcast von SWR Kultur geben die Autorinnen und Autoren spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte bekannter Weihnachtslieder. Sie beleuchten, wie die Lieder entstanden sind, welche historischen und kulturellen Hintergründe sich mit ihnen verbinden und weshalb sie bis heute eine besondere Bedeutung im Weihnachtsbrauchtum haben.
Ein Beitrag aus der Reihe "SWR2-Weihnachtslieder"
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