Für Paul Gerhardt war nichts selbstverständlich. 1653, fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, dichtete er diese Liedverse. Warmherzig beschreibt er darin das menschliche Leben: es wächst, blüht, entfaltet sich – und vergeht. Doch das Vergängliche ist nicht das ganze Leben. Am Ende zählt, was ewig bleibt.
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Es darf angenommen werden, dass Paul Gerhardt das Lied während seiner Amtszeit in Mittenwalde zwischen 1651 und 1653 verfasste. Ob er dabei bereits eine passende Melodie im Kopf hatte, ist nicht bekannt. In der ersten Publikation, der 5. Auflage der Praxis Pietatis Melica von 1653, ordnete Johann Crüger dem Liedtext die Melodie „Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich“ zu; diese Melodie ist jedoch eine andere als die heute gesungene Fassung im Evangelischen Gesangbuch von 1993. Die heute zu „Ich singe dir mit Herz und Mund“ gesungene Melodie steht in Crügers Gesangbuch bei dem Lied „Nun danket all und bringet Ehr“. Er schuf sie durch eine Kombination von Melodieteilen des Genfer Psalters, jenes Gesangbuchs, das französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) nach Berlin mitgebracht hatten. Crüger verwendete Bausteine, wie sie vor allem in Psalm 118 (Melodie von Loys Bourgeois, 1551), aber auch in den Psalmen 89 (Melodie von Pierre Davantès, 1562), 75 und 97 vorkommen. Die Verbindung von heutigem Text und heutiger Melodie kam ab dem 18./19. Jahrhundert zustande, zuerst wohl im „Deutschen Evangelischen Kirchen-Gesangbuch. In 150 Kernliedern“ von 1854.
Kern dieses Lobgesangs ist Gottes wohlgeordnete Natur, sein Handeln und Wirken in der Welt. Gottes Schöpfung wird durch das kunstvoll gestaltete Gedicht Gerhardts abgebildet. In drei Teilen zu je sechs Strophen werden a) die Menschenwelt (das „Ich“ rühmt Gott), b) die Gotteswelt (seine Wohltaten für die Menschen) und c) Gottes Rettung des in Krisen befindlichen Menschen besungen. Die Beziehung zwischen Zahlensymbolik und Dichtung ist deutlich und ein barockes Kennzeichen der Literatur – auch bei Gerhardt. In bibelgesättigten Anspielungen, mit Metaphorik und auffallend vielen rhetorischen Kunstfiguren sind die Strophen gestaltet, deren Form ab dem 18. Jahrhundert als Chevy-Chase-Strophe (mit 8.6.8.6 Silben im Kreuzreim) bezeichnet wird.
Die Melodie entzieht sich einer durchgehenden Taktorganisation und weist – bis auf die langen Noten am Ende der zweiten und vierten Zeile – mit Viertel- und Halbenoten nur zwei Notenwerte auf (vgl. die Melodien des Genfer Psalters). Sie wird üblicherweise ohne Taktstriche notiert, suggeriert jedoch ein 3/2-Taktschema; dabei gilt die erste Silbe jeder Zeile jeweils als Auftakt. Der Tonumfang der Melodie beträgt eine None (9 Töne); die einzelnen Zeilen bewegen sich innerhalb des Rahmens von Sexten und Quinten (6 und 5 Töne). Das macht sie leicht erlernbar und gemeindegeeignet. Zusammen mit der klaren Zweiteilung des Melodieverlaufs hinsichtlich Harmonisierung (d. h. die gesetzten Akkorde zur Melodie) und Kadenzierung (d. h. die spezifische Harmoniefolge zu den Zeilenenden) vermittelt die Melodie Klarheit und Verlässlichkeit – ein Charakterzug, der ihre häufige Verwendung in Gesangbüchern erklärt, wo sie mit zahlreichen Texten aus unterschiedlichen Generationen verbunden wurde.
Das Lied ist eines der beiden Tageslieder zum Erntedankfest. Als Loblied mit starkem Schöpfungsbezug und als vergewisserndes Danklied passt es ebenso zu anderen Sonn- und Festtagen. Auch für Tauf- und Kindergottesdienste ist es gut geeignet.
Wenn wir von etwas oder jemandem begeistert sind, reden wir nur noch von dieser Sache oder von dieser Person. Wir erzählen von all dem Guten und wollen damit nicht mehr aufhören. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, heißt es in einem Sprichwort. Genau so ist es. Und genau so ist es auch mit diesem Lied. In allem Leid in all den vielen schweren Stunden seines Lebens hat der Liederdichter Paul Gerhardt erfahren, dass Gott ihn durch diese Zeiten trägt. Weil er Hilfe erfahren hat, kann er voller Dankbarkeit zurückblicken – und auch nach vorne schauen. Auf die Zeiten, die vielleicht wieder etwas rauer sind. Und so fordert er sein Herz dazu auf, zu singen und zu springen, guten Mut zu haben.
Ein singendes, springendes Herz: Lebensfreude pur. Nicht oberflächlich, weil die schweren Zeiten nicht ausgeklammert werden. Dafür aber um so lebendiger. Mit einem solchen singenden, springenden Herz durchs Leben gehen können – das ist mein Wunsch.
Quelle: Hrsg. vom Verband Evangelische Kirchenmusik in Württemberg. München: Strube Verlag, 2023/24, VS 9197
Wie in einem Bilderbuch führen die Bildkarten Schritt für Schritt durch das Lied. Beim gemeinsamen Singen können Eltern und Kinder so Strophe für Strophe entdecken und das Lied gleichsam „singend durchblättern“. Die Zeichnung ist bewusst schlicht und kindgerecht gehalten. Ihre offene Gestaltung lädt dazu ein, eigene Assoziationen einzubringen, die Motive weiterzudenken und die Bilder vielleicht sogar selbst kreativ zu ergänzen oder eigene Bilder zu gestalten.
Die Vorlagen lassen sich ausdrucken und bunt gestalten: So entstehen kleine Leporellos oder sogar Lied-Memorys. Wer mit den Bildern und den entsprechenden Liedstrophen spielen möchte, kann auf mitsingen.de Lieder erraten oder seine Textsicherheit bei einem Bildermemory testen.
Viel Spaß beim Blättern!
Quelle: Ein Projekt der Arbeitsstelle Kirchenmusik in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens (EVLKS), Fachbeauftragte für Chor- und Singarbeit Martina Hergt www.kirchenmusik-sachsen.de
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