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Herbei, o ihr Gläub'gen

Nr. 45 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 73 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Es ist vielleicht das meistgesungene Weihnachtslied weltweit – noch vor „Stille Nacht“ – und hat es auf die Tonträger vieler Weihnachtsmärkte und Warenhäuser zur Adventszeit geschafft. Die etwas pathetisch anmutende Melodie verbreitet ohne Frage festliche Atmosphäre. Im Kern jedoch ist es zuerst ein Anbetungslied, das mit seinem dreimaligen Staunen („O!“) im Kehrvers dazu einlädt, das Wunder der Christgeburt zu sehen und gemeinsam an die Krippe zu gehen.

Text:

Friedrich Heinrich Ranke (*1789–†1876), (1823) 1826

nach “Adeste fideles” von John Francis Wade (?) 1743 und Étienne-Jean-François Borderies (?) um 1790

Melodie:

John Reading (*1667–†1764), 17. Jh.

(?)

Satz:

Friedrich Silcher (*1789–†1860)

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Wissenswertes zu "Herbei, o ihr Gläub'gen"

Die Autorschaft des deutschen Textes sowie der zugehörigen Melodie in ihrer heutigen Fassung lässt sich verlässlich auf zwei Personen zurückführen, die vorhandene Vorlagen bearbeiteten. Wie diese Vorlagen aussahen und wer ihre Urheber waren, lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei klären. 

So viel scheint sicher: Friedrich Heinrich Ranke übersetzte einen Weihnachtshymnus aus England: „Adeste fideles“. John Francis Wade (um 1711–1786) gilt als Autor der lateinischen Fassung der Strophen 2–4; ganz sicher sind sich die Fachleute dabei allerdings nicht. Es existieren lateinische Frühformen und Nebenfassungen anderer Autoren, zum Teil mit noch mehr Strophen. Den lateinischen Text veröffentlichte Wade 1751 in seinem Werk „Cantus Diversi“. Auch die Melodie geht zunächst auf John Francis Wade zurück. Ob er dabei auf eine Vorlage des Londoner Organisten John Reading (1667–1764) oder eine Fassung des römisch-katholischen Bischofs Étienne-Jean-François Borderies zurückgriff, ist jedoch unsicher. 

 

Friedrich Heinrich Ranke wird das Lied „Adeste fideles“ im musizierfreudigen Haus Karl von Raumers kennengelernt haben, mit dem er seit 1823 an der Nürnberger Privatschule von Heinrich Dittmar tätig war. Raumers Schwiegervater Johann Friedrich Reichardt hatte das Lied von einer Reise nach England mitgebracht. Ranke schrieb den deutschen Text für den Musik- und Religionsunterricht seiner Schule, vermutlich im Jahr 1823. In Liedsammlungen für den Schulgebrauch verbreitete sich das Lied und fand über die Rubrik „Geistliche Volkslieder“ Eingang in offizielle kirchliche Gesangbücher. Nicht zuletzt wegen seiner Melodie, die „schmetternd und gefühlig zugleich“ ist, gewann das Lied große Popularität. In der englischen Fassung „O come, all ye faithful“ ist das Lied international verbreitet.

Aus der lateinischen Vorlage erwuchs Rankes Umdichtung ins Deutsche. Das Lied reiht sich ein in die große Zahl der Lieder mit Aufforderungscharakter (u. a. „Kommt und lasst uns Christus ehren“, „Lobt Gott, ihr Christen all zugleich“, „Ihr Kinderlein, kommet“, „Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun“). Es ist eine gesungene Einladung, eine musikalische Verlockung, wahrzunehmen und anzubeten, was mit Christi Geburt geschah. In einem schönen Wechsel laden die Strophen eins und drei zum Kommen und Loben ein, während in den Strophen zwei und vier mit schlichten Grundeinsichten des Glaubens Gott gerühmt wird. Den motivierenden Passagen wird breiter Raum eingeräumt; die theologischen Formulierungen bleiben standardisiert. Das meint: Wichtiger als die Einsichten des Intellekts ist die Teilnahme des Herzens am Weihnachtsgeschehen.

Die etwas pathetisch anmutende Melodie (allermeist in G-Dur) beginnt fröhlich beschwingt mit Auftakt und kurzem „Trittfassen“ auf der Unterquarte (vgl. ähnlich „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“); ihr sind Zielwort und Zielort „Bethlehem“ zugeordnet. Man ist angelangt, „unten“ auf der Erde bei den Menschen. Jetzt aber gilt es, „die Häupter zu erheben“ (Lukas 21,28 – ebenfalls ein Adventstext), und die Melodie bildet dies ab: Der „Bethlehem-Ton“ wird durch Oktavierung nach oben gleichsam „transzendiert“. „Erhobenen Hauptes sehend“ erkennt man im Erdengeschehen das göttliche Wirken.

Das Staunen („O!“) innerhalb der Strophen und zu Beginn des Refrains ist dem Grundton zugeordnet. Die dreifache Aufforderung zur Anbetung im Refrain steigert sich im zweiten Durchgang um eine Terz nach oben; im dritten Durchgang wird wiederum der Grundton umspielt. Dass der Refrain mit acht Takten fast so lang ist wie die Strophen (zwölf Takte), fördert die Mitsingmöglichkeit. Der Refrain endet mit einem Hoheitstitel, für den es eine kleine Abweichung in der Melodieführung gibt: Im drittletzten Takt ist das letzte Intervall eine Quarte nach oben, volkstümlich gesprochen eine Sekunde.

Lieder, die es bis auf die Tonträger der Warenhäuser zur Adventszeit geschafft haben, treffen offenbar den Geschmack vieler. Man findet dieses Lied in den Medien daher zum Teil auch unter der Rubrik „Volkslieder“. Es ist vielleicht das meistgesungene Weihnachtslied weltweit – noch vor „Stille Nacht“.

Es bietet sich an, die Strophen einer kleinen Gruppe zuzuordnen und den Refrain (keine Liedblätter erforderlich!) einer größeren Gruppe zu übertragen, die zudem noch unterteilt werden kann, da der Refrain dreimal zur Anbetung aufruft. Das Lied eignet sich auch zur Strukturierung eines Gottesdienstes durch die Charakteristik seiner Strophen: die erste zum Versammeln und Staunen, die zweite zur eingehenden Betrachtung, die dritte zur Anbetung, die vierte als reflektierte Zusammenfassung und Lob. Zusammenhängend musiziert, passt es eher an den Beginn eines Gottesdienstes.

Die Melodieführung ist „bläseraffin“ – das Zusammenspiel mit Posaunenchören bietet sich an.

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