Dieser adventliche Choral aus dem Elsass zählt zu den ältesten und bis heute beliebtesten deutschsprachigen geistlichen Gesängen. Seit über 400 Jahren erklingt er in jener Melodie, mit der er erstmals im Druck erschien. Wer sie einst geschaffen hat, bleibt im Verborgenen.
Köln, 1608
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Die Überschrift des Liedes bei Sudermann lautet: „Ein vraltes Gesang, So vnter deß Herren Tauleri Schrifften funden, etwas verständlicher gemacht.“ Johannes Tauler († um 1361) wirkte im Straßburger Dominikanerinnenkloster St. Nicolaus in Undis. Von dort stammt die erste Liedhandschrift, die um 1450 zu datieren ist, jedoch wohl älter sein dürfte und auf die sich Sudermann bei seiner Bearbeitung bezieht. Der alte Text wurde häufig mit neuen und veränderten Strophen versehen. Das Kölner Gesangbuch von 1608, in dem die Melodie zu finden ist, bietet beispielsweise acht Strophen und sogar eine lateinische Übertragung. Der heutige Liedtext erschien erstmals in Sudermanns Gesangbuch „Etliche Hohe geistliche Gesänge“ (Straßburg, zwischen 1626 und 1628). Die Melodie findet sich erstmals im Gesangbuch „Catholische Geistliche Gesänge“ (Köln 1608) zum Lied „Uns kommt ein Schiff gefahren“ und seiner lateinischen Übertragung „En navis institoris“. Seit der von Friedrich Layriz herausgegebenen Sammlung „Kern des deutschen Kirchengesangs“ (Nördlingen 1853) sind Text und Melodie in der Form miteinander verbunden, wie sie im heutigen Evangelischen Gesangbuch vorliegt.
Sprachduktus und Gedankenwelt der Liedvorlage, die zu den ältesten geistlichen Gesängen deutscher Sprache gezählt werden darf, verweisen auf den Kreis der Straßburger Gottesfreunde und den Schwesternkonvent der Dominikanerinnen. Besonders die Strophen 1–3 stehen den Predigten des Mystikers Johannes Tauler nahe. In ihnen beschreiben jeweils zwei Zeilen die Bewegung des Schiffes, während die folgenden zwei Zeilen eine theologische Deutung bieten. Die Verben stehen im Präsens (einmal auch im Perfekt): Jetzt, heute und in mir begegnen sich Himmel und Erde, Gott und Mensch. (Auch für diese Vereinigung steht in der Mystik das Bild des Schiffes.) Sudermann nimmt lediglich geringfügige Änderungen in Wortwahl und Orthographie der vorhandenen vierzeiligen Strophen vor (jeweils 7.6.7.6 Silben). Das vordergründig als Allegorie auf Maria gedichtete Lied wird jedoch durch Sudermanns neue Strophen in seinem mystischen Anliegen erweitert: „Unio mystica“ bedeutet nun, den Weg des Kindes bis zum Kreuz mitzugehen.
Schreitend, gleichsam in Wellen bewegt, zieht die Melodie ihre Bahn. Der Taktwechsel in der Mitte wird als Symbol der Menschwerdung gedeutet: Gott (Dreiertakt) kommt auf die Welt (Vierertakt). Der Tonumfang erstreckt sich über eine Oktave, die einzelnen Zeilen umfassen höchstens eine Sexte (5–5–6–5). Zur besonderen Fremdartigkeit und Tiefe für heutige Hörgewohnheiten trägt der archaische Klang der dorischen Kirchentonart bei.
Das Lied mag inhaltlich eher Weihnachten als dem Advent zugeordnet werden, doch entspricht die Ruhe der Melodie mit ihrem zweimaligen Auf- und Abschwingen der Bögen der immer neuen Hoffnung, der Sehnsucht und Erwartung der Adventszeit. Einzelne Strophen in andere kirchenjahreszeitliche Kontexte zu stellen, kann zudem spannende neue Sichtweisen eröffnen. Besonders eignet sich das Lied für kleinere Gottesdienstformate, Andachten, Meditationen oder Liedpredigten.
Calmus Ensemble: Elisabeth Mücksch (Sopran), Maria Kalmbach (Alt), Friedrich Bracks (Tenor), Jonathan Saretz (Bariton), Michael B. Gernert (Bass)
Es kommt ein Schiff, geladen | Evangelisches Gesangbuch Nr. 8, Strophe 1
In der Radioserie und im Podcast von SWR Kultur geben die Autorinnen und Autoren spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte bekannter Weihnachtslieder. Sie beleuchten, wie die Lieder entstanden sind, welche historischen und kulturellen Hintergründe sich mit ihnen verbinden und weshalb sie bis heute eine besondere Bedeutung im Weihnachtsbrauchtum haben.
Ein Beitrag aus der Reihe "SWR2-Weihnachtslieder"
Wie in einem Bilderbuch führen die Bildkarten Schritt für Schritt durch das Lied. Beim gemeinsamen Singen können Eltern und Kinder so Strophe für Strophe entdecken und das Lied gleichsam „singend durchblättern“. Die Zeichnung ist bewusst schlicht und kindgerecht gehalten. Ihre offene Gestaltung lädt dazu ein, eigene Assoziationen einzubringen, die Motive weiterzudenken und die Bilder vielleicht sogar selbst kreativ zu ergänzen oder eigene Bilder zu gestalten.
Die Vorlagen lassen sich ausdrucken und bunt gestalten: So entstehen kleine Leporellos oder sogar Lied-Memorys. Wer mit den Bildern und den entsprechenden Liedstrophen spielen möchte, kann auf mitsingen.de Lieder erraten oder seine Textsicherheit bei einem Bildermemory testen.
Viel Spaß beim Blättern!
Quelle: Ein Projekt der Arbeitsstelle Kirchenmusik in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens (EVLKS), Fachbeauftragte für Chor- und Singarbeit Martina Hergt www.kirchenmusik-sachsen.de
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