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Es ist ein Ros entsprungen

Nr. 30 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 56 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Gotteslob

Irdisch Sichtbares soll Gleichnis, soll Zeichen für göttlich Verborgenes werden. Sanft und gewaltlos verbindet sich diese Melodie mit dem Text eines klösterlichen Gebetbuchs von 1587/88. Bis heute darf das Lied im Reigen der Weihnachtslieder nicht fehlen und ist für viele Menschen – gerade im mehrstimmigen Satz von Praetorius – ein Herzenslied.

Text:

Friedrich Layriz (*1808–†1859), 1844

Strophe 3

Strophe 1 und 2 Trier 1587/1588

Melodie:

16. Jh., Köln 1599

Satz:

Michael Praetorius (*1571–†1621), 1609

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Wissenswertes zu "Es ist ein Ros entsprungen"

Die Strophen 1–2 stammen aus dem Umfeld der Devotio moderna und entstanden wahrscheinlich im 15./16. Jahrhundert im Kontext eines Kartäuserklosters in der Eifel. Handschriftlich belegt sind diese Strophen in dem Gebetbuch (um 1587/88) des Bruders Conradus, des späteren Prokurators der Kartause Mainz. Der erste Druck erfolgte 1599 in „Alte Catholische Geistliche Kirchen-geseng“, Köln. Die geographische Herkunft des Liedes liegt demnach im Gebiet von Mosel und Mittelrhein. Die dritte Strophe steht im Zusammenhang mit der hymnologischen Arbeit von Friedrich Layriz an „Kern des deutschen Kirchenlieds“ (Nördlingen 1844). Bereits kurz zuvor hatte Carl von Winterfeld 1843 in „Der evangelische Kirchengesang und sein Verhältnis zur Kunst des Tonsatzes“ den Satz von Praetorius neu publiziert. Layriz fügte den dort veröffentlichten Fassungen weitere Strophen hinzu. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Lied dann als „geistliches Volkslied“ allgemein bekannt. Im evangelischen Bereich fand es erst 1915 Aufnahme in das „Deutsche Evangelische Gesangbuch“. Katholische und evangelische Singpraxis unterscheiden sich dabei im Text der Strophen.

Das vorreformatorische, vielstrophige Erzähllied (23 Strophen) gehört in die Praxis der klösterlichen, meditativen und individuellen Andacht. Stilistisch ist es – wie „Es kommt ein Schiff geladen“ – als Allegorie-Lied zu bezeichnen. Solche Lieder nähern sich dem göttlichen Geheimnis in ungewöhnlichen Bildern und rätselhaften Andeutungen. Ihre Sprache entstammt der Ausdruckswelt der Mystik und sucht künstlerisch nach transparenten Bildern für innere Seelenvorgänge. Irdisch Sichtbares soll Gleichnis, soll Zeichen für göttlich Verborgenes werden.

 

Die erste Strophe setzt als Rätsel ein: Eine Wurzel – ein Ros (d. h. ein Rosenstock oder Rosenstrauch) – ein Blümlein (d. h. die Knospe, die Blüte daran). Assoziationen zu einem Gesang der mitternächtlichen Weihnachtsvigil, „Virga Jesse floruit“, stellen sich ein, ebenso zum weiblichen Vornamen Rosmarie. „Jesse“ ist Isai, der Vater des Königs David (vgl. Jes 11,1). Die zweite Strophe bringt die Lösung: Das Röslein, das Blümlein ist das neugeborene Kind.

 

Auffällig ist die kunstvolle Strophengestaltung in den ersten beiden Strophen mit der häufigen Verwendung des Vokals a, etwa in: zart, Art, Alten, kalten, bracht, Nacht, sagt, Magd, Rat.

Als Bausteine dienen im Wesentlichen nur zwei Viertongruppen; lediglich in der fünften Zeile durchläuft die Melodie den Tonraum einer Sexte. Der gleichbleibende Rhythmus aus Halbe- und Viertelnoten sowie die häufigen Tonrepetitionen entsprechen dem ruhigen, erzählenden Duktus des Textes. Der Charakter der gesamten Liedmelodie passt damit in besonderer Weise zum Inhalt des Liedes und fördert eine verinnerlichte, mitfühlende Haltung der Singenden.

 

Die Melodie wird auch mit anderen Texten verbunden, etwa mit „O Jesu Christ, mein Leben“ von Meta Heuser (Reformiertes Kirchen-Gesangbuch 323). Melodie und Satz wurden erstmals 1609 in den „Musae Sioniae VI“ von Michael Praetorius veröffentlicht.

In einem frühen Druck trägt das Lied die Überschrift „Das alt Catholisch Trierisch Christliedlein“. Es ist ursprünglich für die Christnacht bestimmt, gehört aber ebenso in weihnachtliche Zusammenhänge, die Meditation, Ruhe und Besinnung über das Weihnachtsgeschehen betonen. Mit seinen zahlreichen Strophen aus dem 16. Jahrhundert kann es an den Weihnachtstagen auch als Verkündigungsspiel gestaltet werden.

Liturgisch eignet sich das Lied darüber hinaus für den 8. September, den Festtag der Geburt Mariä; es ist dabei angelehnt an den in der Nokturn verwendeten Gesang „Stirps Jesse“.

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Es ist ein Ros entsprungen
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Hintergrundwissen

Radioserie und Podcast zum Lied

Inspiriert von einer Prophezeihung des Jesaja dichtete ein Geistlicher aus Trier Ende des 16. Jahrhunderts dieses Rätsellied: Wer ist die Wurzel, wer die Rose und wer ist die Blume?

 

In der Radioserie und im Podcast von SWR Kultur geben die Autorinnen und Autoren spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte bekannter Weihnachtslieder. Sie beleuchten, wie die Lieder entstanden sind, welche historischen und kulturellen Hintergründe sich mit ihnen verbinden und weshalb sie bis heute eine besondere Bedeutung im Weihnachtsbrauchtum haben.

 

Ein Beitrag aus der Reihe "SWR2-Weihnachtslieder"