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Du schöner Lebensbaum des Paradieses | Paradicsomnak te szép élő fája

Nr. 96 • Evangelisches Gesangbuch

Das Bild des Lebensbaumes als Kreuzesbaum Jesu ist tief in die christliche Überlieferung eingegangen. In diesem Lied aus Ungarn wird das Motiv in dunklem Moll aufgegriffen und verbindet sich hoffnungsvoll mit der Gestalt Christi.

Text:

Dieter Trautwein (*1928–†2002), 1974

nach dem ungarischen „Paradicsomnak te szép élö fája“ von Imre Péczeli Király vor 1641

Vilmos Gyöngyösi (*1915–†1995), 1974

Melodie:

Klausenburg, 1554 und 1744

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Wissenswertes zu "Du schöner Lebensbaum des Paradieses | Paradicsomnak te szép élő fája"

Das ungarische Lied stammt von Imre Pécseli Király und entstand vor seinem Todesjahr 1641, wahrscheinlich mit eigener Melodie. Handschriftlich belegt ist es im Graduale von Kecskemét, vermutlich zwischen 1638 und 1652 entstanden; im Druck erscheint es im Debrecener Gesangbuch von 1700. Dieter Trautwein suchte als Mitglied des Redaktionskreises des ÖRK für eine neue Ausgabe des ökumenischen, vielsprachigen Liederbuchs Cantate Domino nach einem typischen Lied aus Ungarn. Auf Empfehlung des aus Ungarn stammenden Pfarrkollegen Vilmos Gyöngyösi übertrug er daraufhin das Lied „Paradicsomnak te szép élő fája“.

Der ungarische Text mit ursprünglich 20 Strophen ist nach den Sieben Worten Christi am Kreuz gegliedert und entfaltet die traditionsreichen Bilder des Lebensbaums (1. Mose 2,9) und des Gotteslamms (Joh 1,29; Offb 22,1). Über alle Zeiten hinweg spannt sich ein Bogen vom alten bis zum neuen Paradies („Paradicsomnak“ lautet das erste Wort des ungarischen Liedes). Auch in der gekürzten deutschsprachigen Fassung wird ein Weg beschritten: von der andächtigen Betrachtung der Passion Jesu hinein in die Gegenwart – zu unserem Bekenntnis, zu unserem Handeln, zu unserer Umkehr im Alltag. Bitten und Flehen, Loben und Danken gehören ebenso dazu wie die Gewissheit, dass Gott Vergebung, Trost, Frieden und ewige Freude schenken wird. Die „sapphische Strophenform“ der antiken Dichtung (mit jeweils vier Zeilen zu 11.11.11.5 Silben) war in der Barockzeit wiederentdeckt worden und wurde auch in der Kirchenlieddichtung gern verwendet (vgl. Johann Heermann, Paul Gerhardt). Im vorliegenden Liedtext wird allerdings auf den Endreim verzichtet.

Die wohl aus dem 16. Jahrhundert stammende ungarische Melodie ist im äolischen Modus verfasst. Dieser Modus wurde im 16. Jahrhundert dem System der Kirchentonarten hinzugefügt und entspricht in etwa einem melodischen A-Moll. Er steht für Traurigkeit, Kummer und Sehnsucht und findet auch in der Popmusik Verwendung (vgl. In the Air Tonight von Phil Collins). Der Tonumfang (Ambitus) liegt innerhalb einer Septime (7 Töne), die einzelnen Zeilen bewegen sich in noch engerem Tonraum (4–6–4–6). Rhythmisch sind die Zeilen 1–3 gleich gebaut; die verkürzte Schlusszeile entspricht der ersten Hälfte der übrigen Zeilen. Das verleiht der Melodie etwas Ruhiges, Gleichförmiges, Meditatives. In den ungarischen Gesangbüchern steht sie im 2/4-Takt. Mit dieser Abfolge von Schwer und Leicht, von Auf und Ab, von Gewicht und Leichtigkeit ist sie sicher in einem langsamen Puls zu singen.

Das Lied ist eines der beiden Wochenlieder zum Sonntag Reminiszere, an dem das Gebet für verfolgte Christ:innen im Mittelpunkt stehen kann. Im Kontext von Fürbitten lassen sich einzelne Strophen verwenden. Über die Passionszeit hinaus eignet es sich auch für Buß- und Beichtgottesdienste. Schließlich bietet es sich an für einen Wechselgesang zwischen Chor und Gemeinde.

Aufnahmen von "Du schöner Lebensbaum des Paradieses | Paradicsomnak te szép élő fája"

Du schöner Lebensbaum des Paradieses
mit Gesang, Klavier- und Flötenbegleitung

Hae Min Geßner (Sopran), Dominik Schneider (Low Whistle), Johannes Geßner (Piano)

Du schöner Lebensbaum des Paradieses
mit Chor

Junger Chor Sindelfingen, Klaus Roller (Leitung)

aus: CD "Singt dem Herrn ein neues Lied" ℗ 2023 haenssler classic

Du schöner Lebensbaum des Paradieses
mit Gesang und Orgelbegleitung

Svenja Andersohn (Gesang und Orgel)

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Hintergrundwissen

Das Lied in der Originalsprache (Ungarisch) anhören

Die schöne Einspielung des Liedes mit dem ungarischen Originaltext findet sich auf dem Kanal Evangélikus Kántorképző Intézet des Mandák-Hauses in Fót. 

Choralandacht

aus der Reihe des WDR 3

Noch bevor das Lied ertönt, lädt diese Choralandacht ein, sich auf starke Symbole einzulassen: Der „Lebensbaum“ als Bild für Erlösung und neues Leben, das „Gotteslamm“ als Zeichen für Hingabe und Sinnsuche. In unseren Zeiten großer Unsicherheit greifen Text und Musik auf überlieferte religiöse Bilder zurück – und eröffnen dabei ein Hoffnungsfeld, in das wir treten dürfen. Aus dem Ungarn des 17. Jahrhunderts kommend, verbindet dieses Lied Vertreibung wie Verheißung, Tod und Auferstehung, Angst und Frieden.  

 

 

Zum Beitrag

 

Quelle: www.kirche-im-wdr.de

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Eine Theologin und Kirchenmusikerin im Gespräch