Lied entdecken

Die Nacht ist vorgedrungen

Nr. 16 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 46 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Gotteslob

Dieses Lied ist für viele Menschen ein Herzenslied im Advent – gerade weil es sich quer zur sonst üblichen vorweihnachtlichen Stimmung stellt. Kurz vor der Entstehung des Textes schrieb Jochen Klepper 1937 in sein Tagebuch: „Gott will im Dunkel wohnen, und das Dunkel kann nur durchstoßen werden durchs Gebet.“

Text:

Jochen Klepper (*1903–†1942), 1938

Melodie:

Johannes Petzold (*1912–†1985), 1939

Landkarte der Liedschöpfer:innen

Spannende Hintergründe zu den beteiligten Personen und ihren Lebenswegen entdecken.

zur Landkarte

Passende Stichworte zum Weiterstöbern

Wissenswertes zu "Die Nacht ist vorgedrungen"

Der Liedtext wurde am 18. Dezember 1937 geschrieben und erschien im darauffolgenden Jahr in dem Gedichtband „Kyrie. Geistliche Lieder“ (Berlin 1938), noch ohne eine Melodiezuweisung, aber durchaus zum Singen gedacht. Die Melodie wurde, angeregt durch den Gedichtband, 1938 in Unterwürschnitz (Vogtland) komponiert und erschien dann in „Krippe und Kreuz“ (Berlin 1939) sowie in „Neue Weihnachtslieder“ (Kassel 1939). Das Lied verbreitete sich rasch, wurde bereits in das 1950 erschienene EKG aufgenommen und steht seither sowohl in kirchlichen als auch in nichtkirchlichen Weihnachtsliedsammlungen. Heute gehört es zum Grundbestand ökumenischen Liedguts.

Programmatisch für das Gedicht sind die vorangestellten Bibelverse (Römer 13, 11f), die Anfangsworte der damaligen Epistellesung zum 1. Advent. Klepper übernimmt fast wörtlich den biblischen Kernsatz. Auch im weiteren Verlauf erstellt er ein dichtes Gewebe von Bibel- und der evangelischen Gesangbuchtradition entlehnten Zitaten. Hinter den Bildern von Nacht, Finsternis und Dunkel steht das Thema von Not und Bedrängnis, vom Ausgeliefertsein und vom Versagen des Menschen in der Welt. Deshalb ist es für Klepper notwendig, auch im Horizont des fröhlichen Weihnachtsfestes die reformatorische Botschaft von der „Rechtfertigung des Sünders“ aufleuchten zu lassen. Die Strophen sind im sogenannten „Hildebrandston“ gedichtet, einem typischen Kirchenliedmetrum mit 8 Zeilen zu 7.6.7.6.7.6.7.6 Silben (vgl. Paul Gerhardt, aber auch andere Lieder von Klepper). In den Strophen wird mit Gott geredet und mit ihm gerungen. Das Heilshandeln Gottes wird schließlich („nun“) von der Gemeinde beantwortet.

Drei jeweils zwei Zeilen verbindende, schwungvolle Bögen kennzeichnen die Melodie. Sie geben Halt und Sicherheit. Die Kirchentonart (hypophrygisch) klingt altertümlich und rückwärtsgewandt, doch aus stets vier Tönen werden Bausteine geformt (phrygischer Tetrachord), die eingängig und einprägsam sind. Auch dadurch, dass der gesamte Tonumfang des Liedes von einer Dezime (10 Töne) innerhalb der einzelnen Melodiezeilen deutlich niedriger gehalten ist, entsteht zusammen mit Rhythmik und Kadenzierung der Zeilen eine „gemeindegeeignete“ Melodie. Sie ist diesbezüglich vergleichbar mit der Melodie Johann Crügers zu „Zieh ein zu deinen Toren“ oder auch mit der Melodie Hans Leo Hasslers zu „Herzlich tut mich verlangen“ (O Haupt voll Blut und Wunden). Petzolds starker Textbezug (melodische Fortschreitung, Intervalle, Akzente) entspricht der singbewegten Praxis seiner Zeit, mit Musik – ähnlich wie in der Barockmusik – zu „reden“ und die Sprache zu vertiefen.

Klepper selbst gibt dem Lied die Überschrift ‚Weihnachtslied‘. Durch das Motiv des Morgensterns ist es jedoch in die Adventszeit gerückt – in die Zeit der Erwartung und der Vorfreude auf das kommende Licht. Oft ist das Lied in Liederbüchern zur Bestattung zu finden; zugleich ist es ein Lied des Trostes und der Hoffnung auf Errettung.

Aufnahmen von "Die Nacht ist vorgedrungen"

Die Nacht ist vorgedrungen
mit Vokalensemble

Orpheus Vokalensemble, Leitung: Michael Alber

aus: CD "Weihnachtslieder Vol. 2" ℗ 2021 Carus