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Den die Hirten lobeten sehre

Nr. 29 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 67 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Aus drei spätmittelalterlichen, lateinischen Liedern entstand ein Gesang, der bildreich und klangschön das Weihnachtsevangelium erzählt. Bereits im 16. Jahrhundert finden sich deutsche Fassungen – die bekannteste stammt von Michael Praetorius. Der Brauch des „Quempas-Singens“ bezog auch andere Liedkombinationen mit ein und wird bis heute gepflegt.

Text:

Michael Praetorius (*1571–†1621), 1607

eine Kombination von drei spätmittelalterlichen, lateinischen Liedern: „Quem pastores laudavere“, „Nunc angelorum gloria“ und „Magnum nomen Domini“

Melodie:

Michael Praetorius (*1571–†1621), 1607

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Wissenswertes zu "Den die Hirten lobeten sehre"

Beim Wort „Quempas“ handelt es sich um eine für das Lateinische eigentlich unübliche Zusammenziehung und Abkürzung der beiden ersten Worte von „Quem pastores laudavere“. Das Lied ist eine neue Komposition aus drei Gesängen, die zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert entstanden sind. Die Quellen des 15./16. Jahrhunderts weisen in den böhmischen und süddeutschen Raum. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts „ist der „Quempas“ auch in mitteldeutschen Quellen enthalten, sowohl in evangelischer wie in katholischer Tradition. Beide, der lateinische und der deutsche Text, begegnen in unterschiedlichen Fassungen; eine ‚Urform‘ feststellen zu wollen, ist so unmöglich wie sinnlos.“ (Andreas Marti: Kurzkommentar zum Reformierten Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz, 2013)

 

Liedquelle 1: Das spätmittelalterliche Weihnachtslied „Quem pastores laudavere“ ist erstmals in einer Handschrift um 1450, aufbewahrt im Zisterzienserkloster Hohenfurt (Vyšší Brod, Tschechien), zu finden und war in Böhmen im 15. Jahrhundert bekannt. Deutsche Übertragungen dieser typischen Cantio sind seit der Mitte des 16. Jhs. tradiert, z.B. in „Psaltes ecclesiaticus“ (Georg Witzel), Mainz 1550, mit zweizeiligen Strophen, später auch im „Missale“ (Matthäus Ludecus), Wittenberg 1589. Diese Fassung hat sich in der Folgezeit durchgesetzt.

 

Liedquelle 2: Die Cantio „Nunc angelorum gloria“, zuerst erwähnt im 14. Jahrhundert in zwei Handschriften aus der Steiermark und aus Bayern, ist auch in mehreren böhmischen Handschriften des 15. Jahrhunderts bezeugt, in denen sie auch schon mit Liedquelle 1 kombiniert auftaucht. Deutsche Übertragungen stehen in „Ein Schlesich Singebüchlein (Valentin Triller), Breslau 1555, und mit der heutigen Fassung in „Die Sontags Evangelia“ (Nikolaus Herman), Wittenberg 1560.

 

Liedquelle 3: Die seit dem 15. Jahrhundert belegte Cantio „Magnum nomen Domini Emanuel“ geht auf die gereimte Antiphon „Ecce nomen Domini Emmanuel“ aus dem 9. Jahrhunderts zurück. Sie verband sich spätestens im 14 Jahrhundert mit der Cantio „Resonet in laudibus“. Die deutsche Fassung „Gottes Sohn ist Mensch geborn“ stammt wohl von Michael Praetorius und hat eine klare Refrainfunktion; erster Druck, auch der Gesamtfassung, in „Musae Sioniae“, Teil V, Wolfenbüttel 1607.

Das biblische Weihnachtslied ist zum einen eine gereimte und gesungene Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, zum anderen und gleichzeitig die Interpretation und Aneignung der frohen Botschaft. Strukturbestimmend für die Strophen ist die Rollenverteilung des Textes: Einzelne Stimmen, der gesamte Chor, die ganze Gemeinde. Die von Strophe zu Strophe wechselnde Silbenverteilung ist den Übersetzungen und Übertragungen des Liedtextes geschuldet. 1930 wurde das lateinische Kunstwort „Quempas“ (aus „Quem pastores“) als Titel für das weitbekannte Lied gewählt.

Zum Typus der Cantio gehören der wiegende Dreiertakt, die Melodieführung über Terzen im Quintraum und die Hinzuziehung des sechsten Tons über dem fünften Ton der Tonleiter und eine klare harmonische Struktur. Die Kombination von drei Melodien (siehe Liedentstehung) im „Quempas“ ist sehr gelungen, weil das Ganze durch Analogien einheitlich wird: Es entsprechen die Anfänge der Tonfolgen in Liedquelle 1 und 2; der Anfang von Liedquelle 3 ist eine Spiegelung des Anfangs der Liedquellen 1 und 2; der Stimmungswechsel im Abgesang von Liedquelle 2 erzeugt eine Spannung, die dem folgenden Liedquelle 3 als Refrain eine eindrucksvolle Schlusswirkung verleiht und ihn symmetrisch wieder an den Anfang bindet.

Auf die Melodie der Liedquelle 1 dichtete Paul Gerhardt 1667 das Weihnachtslied „Kommt und lasst uns Christum ehren“. Im katholischen „Gotteslob“ ist es mit dem 1971 von Markus Jenny gedichteten Text „Hört, es singt und klingt mit Schalle“ vertreten.

Beim Singen wechseln sich traditionell vier Gruppen oder Solisten (oft in den vier Ecken einer Kirche stehend) zum Anfang der Liedstrophen ab – häufig in Dialogform: Engel, Hirten, Menschen antworten einander. Dann folgt Chorgesang und im Refrain stimmt die Gemeinde (mehrstimmig) ein. In Siebenbürgen, Thüringen und Sachsen ist diese Tradition noch heute lebendig. Im Erzgebirge hat sich der Brauch des „Umsingens“ in der Christmette am Weihnachtsmorgen noch erhalten. Zuerst wurde das Lied in Lateinschulen Böhmens, Mitteldeutschlands und Schlesiens bzw. im städtischen Kontext, zu dem solche Schulen gehörten, in den Weihnachtsgottesdiensten gesungen. In verschiedenen Gottesdienstordnungen des 16. Jahrhunderts wird das Quempassingen der Weihnachtsmesse, der Christmette oder Christvesper zugeordnet. Eine Wiederbelebung des Brauchs erfolgte durch die Singbewegung des 20. Jahrhunderts und mit der 1930 erfolgten Ausgabe der Weihnachtsliedersammlung „Das Quempas-Heft“ wurde das Lied millionenfach verbreitet. Noch heute heißt es: „Der Quempas geht um“ und das „Quempas-Singen“ steht auch für gemeinsames weihnachtliches Liedersingen. 

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Den die Hirten lobeten sehre | Evangelisches Gesangbuch Nr. 29, Strophe 1
 

 

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