Bleib bei mir, Herr! | Abide with me
Nr. 488 •
Evangelisches Gesangbuch
Nr. 22 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)
- freiTöne
Dieses Lied verbindet eine innige Bitte und eine ergreifende Melodie zu einem zeitlosen Gebet, das Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen berührt und ihnen Trost, Tiefe und Hoffnung schenkt. In der deutschen Nachdichtung des englischen Klassikers ist es längst zu einem ökumenischen Kulturerbe geworden.
Text:
Melodie:
mit dem Liedtitel „Eventide“
Satz:
Landkarte der Liedschöpfer:innen
Spannende Hintergründe zu den beteiligten Personen und ihren Lebenswegen entdecken.
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Wissenswertes zu "Bleib bei mir, Herr! | Abide with me"
„Abide with me“ wurde durch seine Aufnahme in der Kirchenliedersammlung „Hymns Ancient and Modern“ (1861) rasch weit verbreitet in Großbritannien, im British Empire und in den Vereinigten Staaten. Als zur Nacht hinführendes Abendlied wie auch als Trostlied in Krisenzeiten und bei Trauerfeiern wird es konfessionsübergreifend gesungen, vor allem nachdem es im Liederbuch zur Stockholmer Weltkirchenkonferenz 1925 in mehreren Sprachen veröffentlicht wurde. Persönliches Erleben sowie mediale Inszenierungen bei Staatsakten in England und in Filmen ließen es zum Inbegriff eines Vertrauensliedes werden. Besonders bei Posaunenchören – wie schon bei den Blaskappellen der Heilsarmee – ist es zum Schluss der abendlichen Probe sehr beliebt. Gewiss kurios, aber bedeutend ist, dass „Abide with me“ jährlich vor dem englischen Fußball-Pokalfinale gesungen wird.
Dieses Abendlied blickt der Nacht entgegen und bietet alle Bitten der Komplet: um Gottes Anwesenheit auch in der Nacht (Strophe 1 und letzte Zeilen), um seinen Schutz vor dem Versucher (Strophe 3), um Schutz in Bedrängnis (Strophe 4 und 5). Am Ende jeder Strophe wird die Bitte wiederholt, die das Lied auch eröffnet: Bleib bei mir, Herr! (siehe Lk 24,29) Diese gleichbleibende Bitte führt verschiedene Bekenntnisformulierungen in den Strophen jeweils weiter. Die erste Strophe benennt den Abend als Tageszeit, die zweite macht den vergehenden Tag transparent für die Vergänglichkeit des Lebens, indem Selbst- und Welterfahrungen des alternden Menschen als Dämmerung inszeniert werden, in der dritten Strophe ist der alte und müde bittende Mensch ganz bei sich und bei seinem Vertrauen auf Gottes Macht und Treue, die auch durch die Nacht des Tages und des Lebens führt, ja auch vom Tod nicht verletzt werden kann, was im englischen Original den Beter „triumphieren“ macht. Der eigene Tod wird nicht als Gottesferne erwartet, sondern als Nähe zum gekreuzigten Herrn (Lied und Bitten richten sich also an Christus).
Schon die erste Zeile (mit der Bitte um Gottes Gegenwart und der Situation des Abends) zeigt die Bewegung des Liedes: Von der Terz, die abends und angesichts des Todes media in vita abholt, geht es abwärts – wie zur Nacht und in den Tod (im englischen Original ist das „me“ ganz unten, nicht der „Herr“) –, um sich mit einer Quint in die Dominante aufzuschwingen, die sofort in ein Seufzermotiv (über eine große Sekunde) geführt wird. Die Zeile endet, wie sie begonnen hat, auf der Terz. Seufzend klingen in der dritten Zeile die abwärts führenden Sekundligaturen, vertrauensvoll die langen Noten des Schlusses. Die Melodie vermittelt eine große Ruhe und ist in ihrem Verlauf leicht nachzuvollziehen.
Es legt sich nahe, dieses Lied in einem Abendgottesdienst zu singen; diese sind allerdings nicht zahlreich, allenfalls ist an den Altjahresabend und an Buß- und Bettag zu denken. Die ernsten Sonntage am Kirchenjahresende, Bestattungsfeiern sowie öffentliche Gedenk- und Trauerfeiern bieten weitere kirchenjährliche und kasuelle Anlässe. Gewiss hat das Lied seelsorgliches Potenzial und könnte mit Sterbenden und Trauernden gesungen werden. Im Lied äußert sich allerdings ein starkes Vertrauen auf Gottes Gegenwart, das auf eine entsprechende Glaubenserfahrung aufsetzt; daher mag das Lied in Zeiten des Zweifels, in Lebens- und Glaubenskrisen als allzu vollmundig und glaubenssicher wahrgenommen werden.
Aufnahmen von "Bleib bei mir, Herr! | Abide with me"
Bleib bei mir, Herr
mit Frauenchor und Orgelbegleitung
Vocalensemble Cantica an St. Johannis Würzburg, Musikalische Leitung und Orgel: Hae-Kyung Jung
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aus der Reihe des WDR 3
Was macht ein Lied so stark, dass es Generationen berührt, auf Trauerfeiern ebenso gesungen wird wie bei Fußballendspielen? Diese bewegende Liedandacht nimmt uns mit in die Geschichte des Chorals „Bleib bei mir, Herr“ – von persönlichen Erfahrungen eines jungen Vikars bis hin zum britischen Volkstrauertag. Ein geistlicher Impuls über die Kraft der Musik, die über Sprachgrenzen hinwegtröstet, Glauben stärkt und sogar den Tod nicht mehr als das letzte Wort erscheinen lässt.
Quelle: www.kirche-im-wdr.de
Kurzandacht zum Abendlied
Wenn der Tag sich neigt und die Dunkelheit näher rückt, wächst in uns die Sehnsucht nach Nähe, Trost und Orientierung. Die Emmausgeschichte erzählt von zwei Jüngern, die genau das erleben – und überrascht werden von der Gegenwart Jesu mitten in ihrer Trauer. In dieser Kurzandacht von Wolfgang Böhm entdecken wir die Kraft eines einfachen Gebets: „Bleib bei mir, Herr!“ – ein Ruf, der durch das Lied wie ein roter Faden klingt.
Such dir einen ruhigen Ort und nimm Dir ein paar Minuten Zeit, um dich auf einen biblischen Textimpuls zum Lied einzulassen.
Eine Einladung zum Hören, Lesen, Weiterdenken
Das Lied „Bleib bei mir, Herr“ (EG 488) nimmt auf verschiedene biblische Texte Bezug – besonders aber auf Lukas 24,29: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Dieser Vers stammt aus der Emmausgeschichte: Zwei Jünger begegnen dem auferstandenen Jesus, erkennen ihn jedoch zunächst nicht. Als der Tag sich dem Ende zuneigt, laden sie ihn ein, bei ihnen zu bleiben.
Neben diesem zentralen Bezug finden sich im Lied weitere biblische Anklänge:
- Psalm 23 – besonders in der vierten Strophe: „Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid …“ erinnert an: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“
- 1. Korinther 15,55–57 – im Blick auf den Tod: „Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir!“ nimmt Bezug auf:„Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“
- Römer 8,38–39 – die Gewissheit, dass nichts uns von Christus trennen kann: „Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir!“ erinnert an: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden kann von der Liebe Gottes.“
- Psalm 121,8 – am Schluss des Liedes: „Du segnest unsern Ausgang und Eingang in Ewigkeit.“
Such dir einen ruhigen Ort und nimm Dir ein paar Minuten Zeit, um dich auf einen biblischen Textimpuls zum Lied einzulassen:
- Welche Verse aus dem Lied sprechen dich besonders an – und warum?
- Welche biblischen Worte oder Lieder sind für dich zu „geistlichen Begleitern“ geworden?
- Welche Abendrituale sind für dich wichtig geworden?
von Wolfgang Böhm
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