Voller Freude über dieses Wunder
Nr. 212 • Evangelisches Gesangbuch
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Staunen, Freude, Bangen … Das norwegische Lied verbindet auf eindrückliche Weise die Freude über neues Leben mit der Erfahrung von Unsicherheit und Vergänglichkeit. Entstanden vor dem Hintergrund persönlicher Trauer, bringt es die ambivalenten Gefühle von Eltern und Gemeinde bei der Taufe zur Sprache. Heute gilt es als ein Schlüsselwerk moderner Taufhymnik und hat die neuere Kirchenliedtradition nachhaltig geprägt.
Text:
deutsche Textfassung nach dem norwegischen »Fylt av glede over livets under« von Svein Ellingsen (1971) 1973
Melodie:

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Wissenswertes zu "Voller Freude über dieses Wunder"
Das norwegische Lied „Fylt av glede over livets under“ gehört zu den bekanntesten Taufliedern des 20. Jahrhunderts in Skandinavien. Der Text stammt von dem norwegischen Dichter und Kirchenliedautor Svein Ellingsen (1929-2020) aus Saltrod und entstand im Jahr 1971. Die Entstehung des Liedes ist eng mit Ellingsens persönlicher Lebensgeschichte verbunden. Nachdem er 1969 seine Tochter bei einem Unfall verloren hatte, schrieb er den Text im Spannungsfeld von Trauer und neuer Hoffnung: Während er noch um das verstorbene Kind trauerte, erwartete die Familie zugleich ein weiteres Kind. Diese existenzielle Situation prägt das Lied zutiefst – es verbindet die Freude über neues Leben mit einer leisen Ernsthaftigkeit angesichts von Vergänglichkeit und Tod.
Eine erste Veröffentlichung erfolgte im Kontext der liturgischen Erneuerungsbewegung in Norwegen, unter anderem im Probesalmenbuch „Salmer 1973“. In den folgenden Jahren verbreitete sich das Lied rasch international. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und fand Eingang in viele Gesangbücher, etwa in das Evangelische Gesangbuch (1993). Die deutsche Nachdichtung von Jürgen Henkys, Theologieprofessor aus Berlin, entstand 1982 und erschien erstmals in der Sammlung Frühlicht, erzählt von dir. Neue geistliche Lieder aus Skandinavien (München 1990).
- Liedrecherche von Ulf Pankoke und Martina Hergt -
Um das Lied in seiner Intention und künstlerischen Gestaltung zu erfassen, lohnt sich ein Blick auf das norwegische Original. Dort trennen drei Sternchen die Strophen 3 und 4. Die ersten drei Strophen, die die Gefühlslage derjenigen in den Mittelpunkt stellen, die ein Neugeborenes zur Taufe bringen, sind offenbar für die Zeit vor der Taufhandlung gedacht, während die Strophen 4–6 danach erklingen.
Die Strophen 1–3 beginnen zudem mit derselben Formel:
- Fylt av glede (Voller Freude)
- Fylt av beven (Voller Bangen)
- Fylt av undring (Voller Staunen)
Die Begriffe „Freude“, „Bangen“ und „Staunen“ fallen im Original musikalisch auf denselben Schwerpunkt. Sie stehen dadurch gleichwertig nebeneinander und prägen zugleich den besonderen Ausdruck und Charakter der Melodie. Die titelgebende „Freude“ erscheint hörbar nicht überschwänglich – es handelt sich nicht um jubelnde Ausbrüche mit großen Tonsprüngen oder rhythmischen Kapriolen. Vielmehr mischen sich von Beginn an auch Sorge angesichts einer unsicheren Zukunft sowie eine staunende Gewissheit der Nähe Gottes in die musikalische Gestaltung.
Die deutsche Nachdichtung von Jürgen Henkys ist in enger Abstimmung mit Svein Ellingsen entstanden und spricht inhaltlich eine ähnliche Sprache, setzt jedoch eigene Akzente. So verweist bereits der Beginn im Deutschen auf den Täufling („über dieses Wunder“), während Ellingsen mit der Formulierung „livets under“ das Wunder des Lebens im Allgemeinen anspricht.
Heute gilt das Lied als ein Schlüsselwerk moderner Taufhymnik: Es verbindet persönliche Erfahrung, liturgische Funktion und eine theologisch verdichtete Sprache und hat dadurch die neuere Kirchenliedtradition nachhaltig geprägt.
Die heute verbreitete Melodie wurde vom norwegischen Komponisten Egil Hovland geschaffen (meist datiert auf 1976/1977). Sie zeichnet sich durch eine schlichte, ruhige und meditative Tonsprache aus, die den Charakter eines Taufgottesdienstes widerspiegelt. Hovland selbst beschrieb, dass ihn die Vorstellung einer Taufprozession im Kirchenraum inspirierte – daraus entstand eine bewusst „stille“ und „lichte“ musikalische Gestalt.
Das Lied lässt sich insgesamt gut singen. Der Tonumfang ist relativ gering, die Zeilen enden jeweils auf langen Notenwerten und auf abwärts geführten, unbetonten Silben. Die Notation in Vierteln und Achteln im Original legt eine fließende und leichte Musizierweise nahe, während im Evangelischen Gesangbuch durch Halbe und Viertel eher ein ruhiges Metrum betont wird. Eine besondere Wirkung entfaltet der aufwärts gerichtete Tonsprung in den Zeilen 3 und 4. Hier werden zentrale Worte zusätzlich hervorgehoben, etwa „til deg“ (zu dir) oder „vårt barn“ (unser Kind).
Das Lied lässt sich aufgrund seines Inhalts und seiner musikalischen Gestalt sehr vielseitig einsetzen. Seine besondere Stärke liegt darin, Freude, Unsicherheit und Vertrauen miteinander zu verbinden – also genau die Spannungen, die viele Lebens- und Glaubenssituationen prägen.
Der ursprünglich intendierte Ort des Liedes ist die Taufe:
- vor der Taufe (Strophen 1–3): Ausdruck der Gefühle von Eltern und Gemeinde
- nach der Taufe (Strophen 4–6): Deutung des Geschehens im Licht von Gottes Zusage
- als Prozessionslied (Einzug mit Tauffamilie)
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