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Du meine Seele, singe

Nr. 302 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 203 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • freiTöne

Wer diesen kraftvollen, fanfarenartigen Weckruf einmal im Ohr hat, wird ihn kaum wieder los: Wie ein musikalischer Aufbruch ruft das Lied – nach Psalm 146 – zum Singen, Loben und Vertrauen auf Gott. Mit seiner mitreißenden Melodie und dem selbstbewussten „Ich will“ entfacht es eine ansteckende Freude am Gotteslob, die weit über den ersten Ton hinaus nachklingt.

Text:

Paul Gerhardt (*1607–†1676), 1653

Melodie:

Johann Georg Ebeling (*1637–†1676), 1666

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Wissenswertes zu "Du meine Seele, singe"

Das beliebte und kraftvolle Lied zu Psalm 146, eine von 27 Psalmübertragungen Paul Gerhardts, erschien erstmals in der fünften Auflage von Johann Crügers Gesangbuch Praxis pietatis melica und wurde dort einer Weihnachtsliedmelodie Johann Crügers zugewiesen. In Ebelings Gerhardt-Werkausgabe (Heft 10, 1667) erhielt es eine eingängige eigene Melodie im Tripla-Takt (Dreier-Rhythmus), die sich jedoch nicht durchsetzte. Die bekannte und verbreitete Strophenform (Hildebrandston – eine Strophenform mit abwechselnd längeren vierhebigen und kürzeren dreihebigen Verszeilen) ermöglichte im Lauf der Zeit die Verwendung zahlreicher bekannter Melodien. Die heutige Melodiezuschreibung (erstmals 1885) greift auf Ebelings Melodie zu Gerhardts Lied Merkt auf, merkt Himmel, Erde (nach 5. Mose 32) zurück und setzte sich im 20. Jahrhundert durch. Der fanfarenartige Beginn und die Tonart B-Dur (EKG, EG) erwiesen sich als besonders bläsergeeignet. Das Lied gehört zu den ö-Liedern (ohne Strophen 2–3), steht jedoch nur vereinzelt in den Regionalteilen des Gotteslob.

Während am Beginn des Psalms zweimal das Verb loben steht und danach lobsingen folgt, setzt Gerhardt bewusst mit einer Selbstermunterung zum Singen ein. Das Stilmittel der Alliteration prägt die Formulierung „Seele, singe / singe schön“; der helle Vokalklang (e/i/i/ö) verstärkt die Wirkung. Erst am Ende der ersten Strophe erscheint das Loben aus dem Psalm als Pointe (o-Klang: droben – loben – solang). Ähnlich wie im Morgenlied Wach auf, mein Herz, und singe steht dieser Anfang mottohaft für Gerhardts gesamtes Liedschaffen als Ermunterung zum Singen. Wesentlich ist dabei die biblische Redeform des Gelübdes („Ich will“), vgl. Psalm 104,33: „Ich will dem Herrn singen mein Leben lang …“.

 

Im Psalm folgt gleich zu Beginn (Vers 2) als Gegenpol zum Gotteslob die Mahnung, sich nicht auf menschliche Machthaber zu verlassen, da sterbliche Menschen keine verlässliche Hilfe garantieren können. Gerhardt setzt dies sprachlich sehr drastisch um, sodass Gesangbuchredaktionen lange meinten, die Gemeinde davor schützen zu müssen. Auf „Fürstengunst“ reimt er als Negativum „Dunst“, und zum „Tod“ findet er die Doppelwendung „Erd und Kot“. Umso stärker tritt die Seligpreisung in Strophe 4 hervor: „Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil.“

 

In fünf Strophen – zweimal mit dem ausdrücklich genannten „Hier“ (beim Gott Jakobs), dreimal mit dem majestätsbezogenen „Er“ (vgl. im Psalm „der Herr“) – entfaltet Gerhardt Gottes verlässliche Fürsorge für seine Geschöpfe, besonders für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Dabei verwendet er affektreiche Worte und Bilder, teilweise noch stärker als der Psalm selbst. Zugleich nimmt er neutestamentliche Motive auf, die auf das Handeln Jesu verweisen (Mt 11,5; vgl. Strophe 7–8). Die letzte Strophe hebt noch einmal die Spannung zwischen menschlicher Nichtigkeit und Gottes ewigem Königtum hervor (vgl. Strophe 2–4), betont aber zugleich, dass Christen schon jetzt zur himmlischen Gemeinschaft der Gottlobenden gehören. Das im Psalm genannte Zion verbindet Gerhardt alliterierend mit dem „Zelt“ (statt der „Hütte Gottes bei den Menschen“, Offb 21,3). Beginnend mit einem eindringlichen „Ach“ und endend in dieser Z-Z-Doppelwendung ist die Schlussstrophe als Totalitätssymbol gestaltet – von A bis Z.

Der von Ebeling als kraftvolle und fanfarenartiger Weckruf („Merkt auf“, gemeint: Passt auf, hört hin) konzipierte Liedanfang ist mit seinem großen Tonumfang sängerisch eine Herausforderung, korrespondiert aber gerade dadurch mit dem jetzigen Text: „… und singe schön“. Gottes Lob zu singen ist nicht ohne bewusste („Ich will“) Anstrengung und einen gewissen sängerischen Ehrgeiz zu haben. Die Absenkung der Melodie in der Gesangbuchausgabe  (bei Ebeling noch C) erleichtert das Singen etwas. Die Pointierung des Wortes „loben“ (1. Strophe, vorletzte Zeile) durch den Spitzenton wirkt sehr überzeugend, ebenso das Melodieende auf der oberen Oktave. 

Wie alle Psalmlieder sollte auch dieses Lied als „Introitus“-Gesang profiliert werden. Alle zehn Strophen mit der sängerisch anspruchsvollen Melodie durchzusingen, ist im Gemeindegesang allerdings kaum praktikabel. Hier ist kreative Gestaltung gefragt – siehe dazu die weiteren Vermittlungsideen.

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