Gedanken zum Lied
Textimpuls aus 500 JAHRE EVANGELISCHES GESANGBUCH
Das Gesangbuch schlage ich nicht auf, wie ich einen IKEA-Markt betrete. Eher wie einen Antiquitätenladen. Nichts gegen IKEA! – auf die Zweckmäßigkeit, Pfiffigkeit und Modernität von IKEA-Artikeln möchte ich nicht verzichten. Aber bei einem Antiquitätenladen ist die Einstellung anders: etwas Zeit, eher absichtslos schlendernd, auf Überraschungen gefasst. Wer sich im Antiquitätenladen umtut wie Goethe im Walde – „… und nichts zu suchen war mein Sinn …“ – dem kann auch hier plötzlich etwas Bezauberndes ins Auge springen: „Da sah ich …“ – „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ ist so eine Antiquität, eine poetisch-musikalische Preziose von unwiderstehlichem Reiz. Am Ende des Reformationsjahrhunderts in dunkler Zeit von Philipp Nicolai, einem aufrechten, von der Mystik durchdrungenen Lutheraner, geschrieben, verwickelt das Lied seine Sänger in eine innige Jesus-Minne – verstörend vielleicht, aber mit Wurzeln, die auch in dürrer Zeit bis in die Tiefe, bis zu den Quellen des Lebens reichen.
Idee: