
Warum singt der Mensch?
Von den Ursprüngen des Singens bis heute
Warum singt der Mensch?
Von den Ursprüngen des Singens bis heute
Singen ist eine universelle menschliche Ausdrucksform. Ob Wiegenlied, Nationalhymne, Arbeiterchor oder Stadiongesang – überall dort, wo Menschen zusammenkommen, erklingt Gesang. Doch warum ist das so? Was macht das Singen zu einer so kraftvollen Form menschlicher Interaktion? Und welche Bedeutung hat es – gerade heute – für unsere Gesellschaft?
Anthropologische Grundlagen: Der Ursprung des Singens
Es gibt keine bekannte menschliche Zivilisation, die nicht singt. Die Vermutung liegt also nahe, dass Singen für den Menschen adaptive Vorteile hatte, sodass es im Lauf der Evolution zu einer festen Größe im Verhaltensrepertoire des Menschen wurde.
Forscherinnen und Forscher haben verschiedene Theorien dazu, wie das Singen dem Menschen Überlebensvorteile verschafft haben könnte:
- Soziale Bindung: Gemeinsames Singen könnte in frühen Menschengruppen für den sozialen Kit gesorgt haben, damit Menschen sich zu größeren Gruppen zusammenzufinden konnten. Während an einer Unterhaltung nur eine kleine Anzahl von Menschen gleichzeitig teilnehmen kann, lassen sich mit Hilfe gemeinsamer Gesänge zahlreiche Individuen zu einer Gemeinschaft verbinden. Größere Gruppen wiederum bieten dem Einzelnen mehr Schutz. Das gemeinsame Singen könnte innerhalb der Gruppe sowohl zur rhythmischen Koordination gemeinsamer Aktivitäten beigetragen haben (vgl. Arbeitslieder) als auch eine Möglichkeit gewesen sein, den Gemütszustand der Gruppenmitglieder in Einklang zu bringen (vgl. War Songs, Klagelieder, Jubelrufe).
- Partnerwerbung: Auch bei der Umwerbung eines Partners könnte das Singen eine Rolle gespielt haben. Zum einen demonstriert ein guter Sänger körperliche Fitness, zum anderen stärkt gemeinsames Singen durch die Ausschüttung des Botenstoffs Oxytocin die Bindung.
- Eltern-Kind-Interaktion: Dass ein sanftes Wiegenlied beim Einschlafen helfen kann, haben die meisten Eltern schon erlebt. Über diese wichtige Funktion der Erregungs- und Emotionsregulation hinaus kann das Singen auch den Spracherwerb kleiner Kinder fördern und die Bindung zwischen Eltern und Kindern stärken.
- Einsatz als Heilmittel: In vielen Kulturen ist gemeinsames Musizieren ein begleitender Bestandteil der Therapie – und das nicht ohne Grund. Singen stärkt beispielsweise die Abwehrkräfte und kann Stress und Angst reduzieren.
Gemeinsames Singen könnte unseren Vorfahren also in verschiedenen Bereichen Überlebensvorteile gebracht haben. Aber warum singen wir heute und welche Bedeutung hat gemeinsames Singen in unserer Gesellschaft?
„Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen.“ Yehudi Menuhin, britischer Geiger und Dirigent
Individuelle Stimmungsregulation: Singen als Instrument für gute Laune
Befragt man Chorsängerinnen und Chorsänger nach den Effekten des Singens auf ihr persönliches Wohlbefinden, zeigt sich ein eindeutiges Bild: Singen macht glücklich, reduziert Stress, Ängste und negative Gefühle und hat insgesamt einen positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit der Studienteilnehmer. Einige Sängerinnen und Sänger berichten auch vom „Singer‘s-High“, einem Flow-Gefühl, das sich beim Singen einstellt und an das „Runner‘s-High“ erinnert.
Singen scheint dabei nicht nur temporär gute Laune zu machen, sondern auch eine wichtige sinnstiftende Aktivität zu sein, die zur persönlichen Entwicklung beiträgt. So geben Sängerinnen und Sänger in Studien an, dass sich durch das Singen ihr Selbstbewusstsein verbessert und es ihnen eine Möglichkeit bietet, sich weiterzuentwickeln und gehört zu werden.
Soziale Verbundenheit: Singen schafft Gemeinschaft
Auch heute noch profitieren wir von der gemeinschaftsverbindenen Kraft des Singens. Denn besonders beim gemeinsamen Singen kommt es zu einer Reihe neurophysiologischer Reaktionen:
- Ausschüttung von Oxytocin (Bindungshormon) – reduziert Stress und fördert ein Gefühl von Verbundenheit.
- Synchronisation von Herzschlag und Atmung bei Chorsänger*innen.
- Stressreduktion durch Cortisol-Abbau.
In nahezu allen Kulturen werden Lieder gesungen, wenn Menschen gemeinsam fühlen, kämpfen, feiern oder trauern. Die Fähigkeit zur emotionalen „Resonanz“ wird durch das gemeinsame Singen intensiviert: Man hört nicht nur sich selbst, sondern wird Teil eines größeren Ganzen.
Empirische Studien bestätigen:
- Bereits kurzes gemeinsames Singen (z. B. in Workshops) kann Fremdheitsgefühle abbauen und Vertrauen fördern.
- In der Gruppenpädagogik gilt Singen als wirksames Mittel zur Förderung von Sozialverhalten, Empathie und Gruppendynamik.
Besonders stark zeigt sich diese gemeinschaftsbildende Wirkung bei rituellem oder feierlichem Singen: Lieder bei Beerdigungen, Friedensmärschen, Demonstrationen oder in Gottesdiensten strukturieren kollektive Erfahrung und geben ihr emotionalen Ausdruck.
Das chorische Prinzip: Gleichklang bei Individualität
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die gemeinschaftsverbindende Kraft des Singens im Chorgesang. Der Chor lebt von einem Grundparadox: Viele Stimmen – ein Klang. Die Einzelstimmen verschwinden nicht, sondern formen sich zu einem Ganzen, in dem jede Stimme wichtig ist.
Dieses chorische Prinzip hat auch gesellschaftliche Bedeutung: Es ist ein Sinnbild für Demokratie, für gelingende Vielfalt, für gemeinsame Verantwortung. Wer im Chor singt, erfährt, dass Zusammenklang nicht Einförmigkeit, sondern bewusste Abstimmung bedeutet.
Die Arte-Doku „Coole Chöre“ zeigt die gemeinschaftsverbindende Kraft und die gesellschaftlichen Potenziale des Singens:
Quellen
Altenmüller & Kopiez (2011): Ein Beitrag zum evolutionären Ursprung der Musik: Was kann uns die Gänsehaut lehren?
Beck, R. (2000). Choral Singing, Performance Perception, and Immune System Changes in Salivary Immunoglobulin A and Cortisol. UC Irvine: Center for Learning in the Arts, Sciences and Sustainability.
Huron, D. (2001): Is Music an Evolutionary Adaptation? In: Annals of the New York Academy of Sciences.
Koelsch, S. (2013): Brain and Music. Wiley-Blackwell.
Kreutz, G. et al. (2004): Does Singing Facilitate Social Bonding?, Music Perception.
Pearce, E. et al. (2015): Singing together promotes social bonding. In: Royal Society Open Science.
Vickhoff, B. et al. (2013): Music structure determines heart rate variability of singers. Frontiers in Psychology.