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Wir haben Gottes Spuren festgestellt

Nr. 298 • Durch Hohes und Tiefes

  • Kommt atmet auf /
  • EG-Regionalteil Baden-Pfalz-Elsass-Lothr. /
  • EGplus /
  • EG-Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe /
  • Singt von Hoffnung /
  • EG-Regionalteil Württemberg

Von Wunder, Heilung, Hoffnung und dem Mut zu neuen Wegen singt dieses französische Lied, das im Zuge der Liturgieerneuerungsbewegung in der katholischen Kirche Eingang in viele evangelische Gesangbücher gefunden hat. Es geht um die Erfahrung von Gottes Gegenwart im Alltag und die Gewissheit seines begleitenden Handelns. Es verbindet Erfahrungen auf den „Menschenstraßen“ mit der Erinnerung an biblische „Zeichen und Wunder“ und mündet in die Zusage, dass Gott auch die Wege der Gegenwart begleitet. Auch ein Tanz – angelehnt an den Textinhalt sowie an die begleitende Notiz „Tempo de sirtaki“ des Komponisten – könnte erprobt werden.

Text:

Michel Scouarnec (*1934), 1973

französische Originaltextfassung

Diethard Zils (*1935), 1981

deutsche Textfassung

Melodie:

Jo Akepsimas (*1940), 1973

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Wissenswertes zu "Wir haben Gottes Spuren festgestellt"

Das Lied entstand 1973 mit französischem Text. Der Originaltitel lautet „Nous avons vu les pas de notre Dieu“. Das Lied gehört in den Kontext der liturgischen Erneuerungsbewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die neue, zeitgemäße geistliche Lieder in moderner musikalischer Sprache fördern wollte. Die sechsstrophige französische Fassung findet sich im Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine. Die deutsche dreistrophige Fassung ist durch die Aufnahme in mehrere Lieder- und Gesangbücher weit verbreitet.

 

 

- Liedrecherche von Markus Leidenberger  -  

Die deutsche Textfassung ist – anders als die französische Originalfassung – nur dreistrophig angelegt. Alle Strophen werden jeweils durch eine anaphorische Wendung („Wir haben …“) eröffnet, die das Lied als gemeinschaftliches Glaubenszeugnis kennzeichnet. Das sprechende „Wir“ verleiht dem Text eine kollektive Perspektive und bindet alle Singenden als Zeug*innen in die dargestellten Erfahrungen ein.

 

Charakteristisch ist die Verwendung einer stark verdichteten, bildhaften Sprache, die weniger argumentativ als vielmehr narrativ und visionär angelegt ist. In dichter Folge werden Wahrnehmungen geschildert, die häufig in paradoxen oder überraschenden Bildern erscheinen: Leben wächst, wo es nicht erwartet wird, Unterdrückte erfahren Befreiung, Kranke werden geheilt, Licht durchbricht die Dunkelheit. Diese Bildsprache ist durchzogen von Kontrasten (Kälte und Wärme, Dunkelheit und Licht, Ohnmacht und Befreiung), die die transformative Kraft göttlichen Handelns hervorheben. Die Strophenanlage folgt dabei einem wiederkehrenden Grundmuster: Wahrnehmung gegenwärtiger oder erinnerter Ereignisse, ihre Deutung im Horizont biblischer Überlieferung und schließlich eine implizite oder explizite Verheißung für die Gegenwart der Singenden. So verbindet die erste Strophe Erfahrungen im Alltag („Menschenstraßen“) mit der Erinnerung an biblische „Zeichen und Wunder“ und mündet in die Zusage, dass Gott auch die Wege der Gegenwart begleitet. Die folgenden Strophen entfalten diese Grundidee anhand zentraler biblischer Motive: Die zweite Strophe greift mit dem Bild der durch das Wasser gehenden Sklaven die Befreiungserfahrung des Exodus auf, während die dritte Strophe mit Heilungs- und Lichtmotiven auf die Wunder Jesu und österliche Hoffnungsperspektiven verweist (vgl. etwa das Matthäusevangelium 11,5). Im Kehrvers klingen weitere alttestamentliche Bezüge an, etwa aus Jesaja 35,5f („Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch“) sowie aus 5. Mose 29,2 („Zeichen und Wunder“).

 

In der deutschen Textfassung von 1978 hatte der zweite Satz des Kehrverses noch ein fragendes Ende: „Wird Gott auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen?“ (vgl. z. B. Singt von Hoffnung 73). Die Textfassung von 1981 formuliert stattdessen eine zuversichtliche Aussage: „Gott wird auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“ (vgl. z. B. Durch Hohes und Tiefes 298).

Die regelmäßig gestaltete Melodie mit einem Binnenkehrvers ist durch zahlreiche Durchgangsnoten geprägt, bleibt jedoch gut singbar und eingängig. Sie weist einen klaren dramaturgischen Höhepunkt auf, indem sie die Strophen in einer eher mollgeprägten Klanglichkeit hält und den Kehrvers in eine angedeutete Durfärbung überführt. Auch die Singlage verändert sich: Während die Strophen überwiegend in einer tieferen Lage angesiedelt sind, steigert sich die Melodie im Kehrvers deutlich in der Höhe. Ihren Höhepunkt erreicht sie bei der Textstelle „Gott wird auch unsre Wege mit uns gehen“, wo mit dem Ton d² der höchste Ton erklungen ist und diese Passage dadurch besonders markant hervortritt.

 

 

Im Original der französischen Fassung findet sich die Notiz „Tempo de sirtaki“. Das Lied ist daher mit tänzerischem Charakter auszuführen. Das sukzessive Beschleunigen von Strophe zu Strophe ließ sich in der ursprünglichen sechsstrophigen Anlage naturgemäß besser realisieren als in der dreistrophigen deutschen Fassung. Entscheidend ist jedoch weniger das Tempo als vielmehr die Begleitung: Diese setzt die Bassnoten auf die schweren Taktteile 1 und 3, während die zugehörigen Akkorde auf den leichten Taktteilen 2 und 4 erklingen. Der Komponist wies zudem darauf hin, dass der dritte Ton des Kehrverses nicht f′ – wie in manchen Veröffentlichungen notiert –, sondern unbedingt g′ sein soll. Im Original endet die Strophe auf dem Ton d′; im praktischen Gebrauch hat sich jedoch häufig das dominantisch überleitende c′ durchgesetzt.

Da das Lied biblische Motive aufnimmt und diese in der Gegenwart vergegenwärtigt, kann es ein wertvolles Verkündigungs- oder Predigtlied sein, insbesondere wenn Themen wie Exodus, Heilungen, Hoffnung und Wunder eine Rolle spielen. Die Schlussaussage („Gott wird auch unsre Wege gehen“) eignet sich zudem für den Sendungs- oder Segnungsteil des Gottesdienstes.

 

Da die Melodie der Strophen in Moll und die des Kehrverses in Dur steht, bietet es sich an, bei der Begleitung des Liedes den unterschiedlichen Charakter der Teile durch eine differenzierte Instrumentierung bzw. Registrierung zu unterstreichen. Auch ein Tanz – angelehnt an die Notiz „Tempo de sirtaki“ des Komponisten – könnte erprobt werden.

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