Wie sollen wir es fassen
Nr. 163 • EGplus
- Durch Hohes und Tiefes /
- Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder /
- Singt von Hoffnung
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Dieses Lied ist ein moderner Klagepsalm. Es entstand aus der Erfahrung, dass traditionelle Bestattungslieder angesichts plötzlicher und erschütternder Todesfälle – besonders bei Kindern und Jugendlichen – oft nicht ausreichen. Es gibt der sprachlosen Fassungslosigkeit Raum, indem es die drängenden Fragen und die Unerträglichkeit des Geschehens ehrlich benennt. Eine große Stärke des Liedtextes ist, dass er „aushält, was nicht zu fassen ist“, und so diakonisch an der Seite der Traumatisierten steht. Der Bezug zu einer vertrauten alten (Lehn-)Melodie vermittelt zudem Geborgenheit.
Text:
Melodie:
nach der Melodie "Befiehl du deine Wege" bei Georg Philipp Telemann 1730

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Wissenswertes zu "Wie sollen wir es fassen"
Eugen Eckert beobachtete vor dem Hintergrund zahlreicher Katastrophen und insbesondere bei Beerdigungen von Kindern und Jugendlichen ein starkes Ungenügen an den traditionell verwendeten Bestattungsliedern. Deshalb schrieb er eine Reihe neuer Lieder für solche Trauersituationen, darunter 1998 „Wie sollen wir es fassen“. Es erschien im Chor- und Bandbuch „Die Zeit färben“ (1999), mit der oben angegebenen Melodie in einem Chorarrangement von Horst Christill; die vierte Strophe (Ausführungsangabe: „Choral“) steht zur Melodie „Herzlich tut mich verlangen“ / „O Haupt voll Blut und Wunden“. Der Text verbreitete sich über das Musical „Emmaus“ (2001, Musik: Thomas Gabriel), das Mennonitische Gesangbuch (2004, mit einer Melodie von Fritz Baltruweit) sowie über Durch Hohes und Tiefes, EG-Beihefte sowie Jugend- und Bestattungsliederbücher.
- Liedrecherche von Elisabeth Fillmann -
Wo der Tod mit Macht eintritt, sind kurze Sätze angemessen für die Fassungslosigkeit, die beinahe die Worte verschlägt („in uns herrscht … Schweigen“). Die Häufung von Fragen – Wie, wohin, wozu, warum, was, wer, hilfst du, hast du? – bildet die emotionale Situation und die typischen mentalen Reaktionen realistisch ab. Der jähe Todesfall und das vorherige Leben werden in Bildern und Begriffen kontrastiert: Das Leben ist flüchtig, das Lachen erstickt, die Farbe des Himmels ist der grau erscheinenden Welt gewichen, heller Tag wird zu tiefster Nacht, Kälte reicht bis zur inneren Leere. Auch die umgestürzten Zeiterfahrungen werden widergespiegelt.
Eine große Stärke des Liedes ist, dass es die Unerträglichkeit benennt und aushält, „was nicht zu fassen ist“. Dadurch steht es diakonisch an der Seite der Traumatisierten. Die Anrufung „O Gott“ markiert einen Wendepunkt: Die ratlosen, quälenden Fragen finden einen Adressaten. Das Lied bleibt dabei seiner Stärke treu: Auch die Wendung an Gott geschieht in Frageform. Den Singenden wird keine vorschnelle Gewissheit in den Mund gelegt. In der letzten Strophe bleiben die Lebensbedrohungen bestehen, die der unbegreifliche Tod auch für die Zurückbleibenden bedeutet: das Versinken im übergroßen Schmerz, das Aus-der-Bahn-Geworfensein (stolpern, hinken). Doch als Bitte erscheint die Hoffnung auf Bewahrung (halten, nicht loslassen). In den beiden letzten Zeilenpaaren wird Gottes lebensbergendes Wesen zugleich für die Toten und die Überlebenden als Hoffnung angeboten – eine Hoffnung, die so fragil ist, dass auch Hilfe nötig ist, um sie zu ergreifen. Das Lied stellt den (Ver-)Zweifelnden als Möglichkeit des Trostes die Gewissheit vor Augen, dass der Macht des Todes der Segen Gottes entgegenwirkt.
Das Lied wurde auch als moderner Klagepsalm bezeichnet. Der Rückgriff auf die Tradition solcher Klagelieder kann helfen, die verlorene Sprachfähigkeit wiederzuerlangen; und diese Formung, hier zusätzlich in jambischen Reimen, ist ein erster Ansatz zur Bewältigung des Unfassbaren.
Die existenzielle Erschütterung, die die Worte beschreiben, wird durch die ruhige, in kleinen Schritten fortschreitende Melodie nicht nachgezeichnet; vielmehr setzt die Melodie des Liedes „Befiehl du deine Wege“ dem durch ihre Assoziation mit dem Text unaufdringlich etwas entgegen: einen Schutzraum der Hoffnung, die in ihr mitklingt. Auf diese Weise kann die Musik (vermittelt) die Funktion übernehmen, gottesdienstlich und theologisch angemessen mit traumatischen Todeskonfrontationen umzugehen: Hoffnung wird angeboten, ohne aufgedrängt zu werden.
Eckert selbst verfolgte von Anfang an die Absicht dieser melodischen Rahmung der vielen Fragen des Textes und steht Neuvertonungen daher eher reserviert gegenüber. Dem folgend könnte das Lied jedoch auch auf anderen Melodien gleichen Versmaßes erklingen, etwa auf „Herzlich tut mich verlangen“ oder „O Haupt voll Blut und Wunden“.
Das Lied kann für (individuell) trauernde Angehörige sowie Trauergemeinden, aber auch für kollektiv trauernde bzw. entsetzte Gottesdienstgemeinden und rituelle Versammlungen der Gesamtgesellschaft bei plötzlichen, tragischen oder gewaltsamen Todesfällen sowie nach Katastrophen und Unglücken eingesetzt werden. Die Strophen 1–3 reflektieren ein aktuelles Geschehen und eignen sich daher eher nicht für das Ende des Kirchenjahres. Die letzte Strophe passt eventuell – unter Verzicht auf die Stärke des Gesamtaufbaus – auch bei Gedenkfeiern mit zeitlichem Abstand.
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