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Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Nr. 56 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 81 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Dieses Lied ist weit mehr als ein Weihnachtslied. Es entfaltet seine Kraft auch in schwierigen Lebenssituationen und in Krisen des Selbstbildes und kann als Vertrauens- oder Nachfolgelied gesungen werden. Entstanden in der Zeit der Friedensgebete im geteilten Deutschland der 1960er Jahre, richtet es seinen Blick auf Menschen am Rand der Gesellschaft – auf Obdachlose, Vertriebene und Verfolgte. So hat es bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Text:

Dieter Trautwein (*1928–†2002), 1963

Melodie:

Dieter Trautwein (*1928–†2002), 1963

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Wissenswertes zu "Weil Gott in tiefster Nacht erschienen"

Das Lied sollte der konkreten Situation einer ökumenischen Christmette in Frankfurt im Jahr 1963 gerecht werden: Der Liedautor Dieter Trautwein war zu dieser Zeit Stadtjugendpfarrer in Frankfurt und gestaltete den Gottesdienst mit. Die Gottesdienstgemeinde setzte sich sehr heterogen zusammen: Jugendliche aus Frankfurter Gemeinden, Mitglieder der griechisch-orthodoxen und der amerikanischen (Militär-)Gemeinde, aus der DDR geflüchtete – teils straffällig gewordene – Jugendliche sowie Obdachlose rund um die Hauptwache. Zunächst entstand die Melodie des Kehrverses. Die letzte Strophe reagiert auf Berichte von Stadtjugendpfarrern in der DDR über die Ablehnung von Dialogversuchen durch die FDJ sowie über die Verfolgung von Jugendlichen aus den Gemeinden. In Werkstattmaterialien wurde das Lied anschließend mehrfach veröffentlicht und später in das Evangelische Gesangbuch (1993), in Schweizer Gesangbücher sowie in zwei Diözesanteile des „Gotteslob“ (2013) aufgenommen.

 

 

- Liedrecherche von Elisabeth Fillmann -  

Für Dieter Trautwein musste dem „Missverständnis … vorgebeugt werden“, Weihnachten sei „nur eine Art sentimentaler Waffenstillstand“.* Sein Lied mit den knappen, zweizeiligen Strophen verzichtet bewusst auf sentimentalitätsanfällige Elemente der Weihnachtserzählung – nur die Nacht bleibt als zentrales Bild.

 

Gerade vielen Besuchern der Christmette, die fern von Heimat oder auch innerlich heimatlos waren, konnte diese Nacht besonders bedrückend erscheinen. Das wiederkehrende „kann nicht traurig sein“ setzt dem jedoch antithetisch einen hellen Horizont entgegen und begründet ihn aus dem Evangelium. Mehrere Strophen lassen sich etwa an Johannes 1 anknüpfen. Botschaft und gegenwärtige Realität – mit ihrem Auftrag in den Strophen vier und fünf – werden im Schlusskehrvers zusammengeführt in der Verheißung, dass die „Nacht nicht endlos“ ist.

 

* Dieter Trautwein, Komm, Herr, segne uns, Frankfurt/M. ²2003, S. 75.

Die Melodie steht auf den ersten Blick den Weihnachtserwartungen näher als der Text. Der beschwingte Sechsachteltakt trägt den formulierten Zuspruch mit Leichtigkeit und überwindet so die benannten Traurigkeiten. Das Dreiermaß reiht sich in die Tradition weihnachtlicher Cantionen wie „In dulci jubilo“ ein. Die Melodie ist leicht fasslich und nahezu ohne Halbtonschritte aufgebaut. Sie steht in einer Dur-Tonalität; da die Strophen auf der tiefen Dominante B enden, streben sie musikalisch nach einer Fortführung zurück zum Kehrvers. Dieser Ton wird im Kehrvers aufgegriffen und schließlich zum Grundton Es geführt. Die schnell erfassbare Form und das gelungene Zusammenspiel zwischen dem knappen, ernsten Text und der weichen, hoffnungsvollen Melodieführung ergänzen sich hervorragend.

Es ist besonders für diejenigen unter den Singenden, die von Traurigem oder Unglücklichem in Anspruch genommen sind, hilfreich, auch dann – wenn die fünfte Strophe ausgelassen wird – als letzten Kehrvers „… Nacht nicht endlos …“ zu wählen.

 

Trotz seiner ursprünglichen Zweck- und Zielbestimmung ist „Weil Gott in tiefster Nacht“ nicht nur ein Weihnachtslied, sondern kann auch in schwierigen Lebenssituationen, in Krisen des Selbstbildes (Strophen zwei und drei), als Vertrauens- oder Nachfolgelied gesungen werden.

 

Das Lied eignet sich zudem gut dafür, die Strophen aufzuteilen, sodass Einzelne oder Gruppen die Strophentexte übernehmen, während der Kehrvers von allen gemeinsam gesungen wird.