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Solang wir Atem holen | Zolang wij ademhalen

Nr. 147 • Singt Jubilate
Nr. 84 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder /
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Dieses Lied stellt sich als ein europäisches Gemeinschaftswerk dar: ein niederländischer Autor, ein deutscher Nachdichter und eine britisch-walisische Volksliedmelodie. Der Theologe Jürgen Henkys übertrug es 2010 ins Deutsche. Es entstand zunächst als Auftragsarbeit für ein Kirchenliedseminar und fand – sicher auch aufgrund seiner besonderen Text- und Melodiefärbung sowie seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten – rasch weite Verbreitung.

Text:

Jürgen Henkys (*1929–†2015), 2010

deutsche Textfassung

Sytze de Vries (*1945), 1985

niederländische Textfassung

Melodie:

Wales 1865 - Volksliedmelodie „Llangloffan“

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Wissenswertes zu "Solang wir Atem holen | Zolang wij ademhalen"

Das Lied „Solang wir Atem holen“ erweist sich als ein europäisches Gemeinschaftswerk: ein niederländischer Autor, ein deutscher Nachdichter und eine britisch-walisische Melodie. Der niederländische Theologe und Dichter Sytze de Vries verfasste 1985 das Lied „Zolang wij ademhalen“, das Jürgen Henkys 2010 ins Deutsche übertrug. Es entstand als Auftragsarbeit für das Kirchenliedseminar im Kloster Kirchberg. Bereits 2012 wurde es in das Gesangbuch „Singt Jubilate“ aufgenommen, wo es in der Rubrik „Leben im Glauben“ (Angst – Vertrauen – Geborgenheit) steht. In Henkys’ vierter, von seinen Söhnen posthum herausgegebener Gedichtsammlung „Du hebst die Erde an das Licht“ (2016) ist das Lied der Rubrik „Singen und Danken“ zugeordnet.

 

 

- Liedrecherche von Bernhardt Schmidt -  

„Solang wir Atem holen“ ist ein Loblied auf den Gesang, auf den göttlichen Urauftrag an den Menschen und auf die Kraft des gemeinsamen Singens. Das Lied weist zahlreiche biblische Bezüge und Anklänge auf. Bereits das Initium „Solang wir Atem holen, erweckt uns Gottes Ruf“ verweist sowohl auf Psalm 150,6 als auch auf Jesaja 50,4 („Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören“). Dass dem Menschen das Leben gegeben ist, um seinen Schöpfer zu preisen, erinnert an Psalm 100 sowie an zahlreiche weitere Psalmen (z. B. Ps 95; 96 u. ö.). Dabei sind wir nicht allein: Wir stimmen ein in den vielfarbigen Chor der Schöpfung („Alles, was Odem hat“) und in den vielstimmigen Chor der Menschen, in dem jede und jeder eine eigene Klangfarbe einbringt. Im „Chor des Lebens“, der alle Lebewesen umfasst, sind die Menschen – und insbesondere die Gläubigen – „die Stimme tiefen Danks“, denn unter Gottes Geschöpfen vermag allein der Mensch die Gabe und die Gaben des Lebens dankbar zu reflektieren (vgl. Ps 106,1 u. ö.).

 

 

Zum Loben, Preisen und Singen braucht es Luft und Atem. Nur wer Atem hat, kann leben; nur wer Odem hat, kann loben. Oft wird uns das erst bewusst, wenn wir beides entbehren. Atemnot stellt eine existentielle Bedrohung dar. Umso bemerkenswerter ist der Gedanke, dass Liebe und Hilfe nicht nur pflegerisches Handeln meinen, sondern ein füreinander Dasein – bis hin zum Singen füreinander, sogar am Sterbebett. Die zweite Strophe ist die persönlichste des Liedes, was sich auch an der Sprachform der ersten Person Singular zeigt. Ihre zentrale Aussage lautet: Atemnot kann vergehen, wenn ein „Lied auf andern Lippen“, ein Hoffnungslied, erklingt.

 

 

Dass Lieder auch in der – doppeldeutig verstandenen – Nacht angestimmt werden können, bezeugen zahlreiche biblische Geschichten. Die „Psalmen in der Nacht“ erinnern etwa an Jonas Gebet im Bauch des Fisches (Jona 2) oder an den Gesang von Paulus und Silas im Gefängnis (Apg 16,25). Wo solche „Psalmen in der Nacht“ erklingen, weicht das Dunkel, es wird licht – „selbst Mauern können fallen“. Hier klingt die Geschichte von Jericho (Jos 6,20) an; zugleich mag der deutsche Nachdichter an den Fall der Berliner Mauer und die Friedliche Revolution von 1989 gedacht haben, die von Kerzen, Gesängen und Gebeten getragen war. Singen erscheint so als eine göttliche Kraft. Entsprechend richtet sich die Bitte an Gott, es möge nie an „Weisen und Gesang“ fehlen – „das liebe Leben lang“.

 

 

Die letzte Strophe greift das Hoffnungsmotiv der zweiten Strophe wieder auf. Das Lied der Frommen gleicht einem Vogel, der zum Himmel aufsteigt und dabei die Grenzen von Endlichkeit und Todesfurcht überwindet. Im Singen werden die Grenzen zwischen Gott und Welt, zwischen Himmel und Erde durchlässig. Das Lied „atmet deinen Geist“ – dies ist zugleich die einzige direkte Anrede Gottes im ganzen Lied. Unser Singen mündet ein in das himmlische Halleluja; zugleich klingt in unserem irdischen Gesang schon „von fern“ das endzeitliche Hochzeitslied an (vgl. Offb 19,6 f.), das einen Vorgeschmack auf den himmlischen Lobgesang gibt. So verbindet das Halleluja die Schöpfung und ihre Geschöpfe (Ps 150) mit dem himmlischen Hochzeitslied (Offb 19).

Die walisische Volksliedmelodie „Llangloffan“ aus dem Jahr 1865 erinnert – zumindest in den ersten vier Zeilen – suggestiv an die deutsche Volksweise „Wenn alle Brünnlein fließen“ sowie an den Beginn der Arie des Papageno („Ein Mädchen oder Weibchen“) aus Mozarts Zauberflöte. Im Unterschied zu diesen Vorbildern wirkt sie jedoch schlichter und ist in Moll (g-Moll) gehalten, wodurch sie eher Ernst und Nachdenklichkeit ausstrahlt.

Formal umfasst die Melodie acht Verszeilen zu je zwei Takten. Dreihebige Jamben mit unbetonter und betonter Endsilbe wechseln einander ab. Die betonten Endsilben der Verse 2 und 4 (Ruf – erschuf) sowie 6 und 8 (Klangs – Danks) bilden jeweils einen Endreim.

Die Melodie bewegt sich im Umfang einer Oktave und kreist um den Grundton g¹. Die Melodiezeilen 3 und 4 werden in den Zeilen 7 und 8 wieder aufgenommen. Insgesamt ist die schlichte, eingängige Melodie von einem hymnisch schreitenden, gleichsam britisch anmutenden Pathos geprägt.

Aufgrund seiner thematischen Fülle lässt sich das Lied vielfältig verwenden: sowohl in allgemeinen Lob- und Dankgottesdiensten, am Sonntag Kantate oder bei Einführungshandlungen – etwa von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern – als auch kasuell in der Seelsorge bis hin zum Einsatz am Kranken- und Sterbebett.

 

Umgekehrt lassen sich insbesondere die erste und die vierte Strophe („einander zugewiesen“, „von fern das Hochzeitsfest“) auch in einem Traugottesdienst gut verorten.