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Nun lob, mein Seel, den Herren

Nr. 125 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Ein weit gespannter Melodiebogen, kraftvoll und zugleich tröstlich, trägt dieses Psalmlied von der ersten Zeile an. Wer es singt, braucht einen großen Atem. Schon seit dem 16. und 17. Jahrhundert gehört es zum festen Bestand evangelischer Gesangbücher und wird bis heute gern gesungen.

Text:

Johann Gramann (*1487–†1541), (um 1530) 1540

Strophe 5 Königsberg 1549

Melodie:

Hans Kugelmann (*um 1495–†1542)

15. Jh. “Weiß mir ein Blümlein blaue”, geistlich bei Hans Kugelmann (um 1530) 1540

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Wissenswertes zu "Nun lob, mein Seel, den Herren"

Nach einem späteren Bericht hat Herzog Albrecht von Preußen 1525 den von Martin Luther nach Königsberg empfohlenen Gramann gebeten, den 103. Psalm, Albrechts Lieblingspsalm, in ein Lied umzuformen. Im 16. und 17. Jahrhundert gehörte das Lied zum festen Bestand evangelischer Gesangbücher. Nach der Rückeroberung Augsburgs im 30-jährigen Krieg 1632 ließ Gustav Adolf es beim Dankgottesdienst singen, 1648 bliesen es die Stadtbläser anlässlich des Westfälischen Friedens in Osnabrück von den Türmen. Zahlreiche Melodievarianten lassen auf eine breite, auch mündliche Überlieferung des Liedes schließen. 

„Nun lob, mein Seel, den Herren“ ist das erste Lobpreislied der evangelischen Kirche. Die große zwölfzeilige, kreuzgereimte Strophenform wurde zum Vorbild für viele Lob- und Danklieder im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert. Äußerlich entspricht der große Bogen dem innerlich überindividuelle Horizonte öffnenden Inhalt des 103. Psalms. Psalm und Lied sind Spitzentexte über die Barmherzigkeit Gottes. Jeder Anwurf, das Alte Testament enthalte ein Gottesbild, das vom Neuen Testament überboten werde, kann mit diesem Psalm und diesem Lied entkräftet werden. 

 

Der Psalm beschreibt die Heilstaten des Gottes Israels, aber nicht allzu konkret. Auf diese Weise können viele Einzelne, die in den Psalm einstimmen, sich mit ihrer individuellen Erfahrung darin unterbringen. Der Psalm endet mit der Aufforderung zum Lob Gottes an alle himmlischen und irdischen Wesen. Gramann nimmt diesen Zug vom Individuellen ins Allgemeine und wieder zurück genau auf:  das Lied beginnt als Ich-Lied, der Horizont wird in Strophe 2-4 geweitet auf die umfassende göttliche Barmherzigkeit, die die Erfahrung des Ich birgt und übersteigt. Mit der 4. Strophe endet das Lied ursprünglich wieder mit dem Blick auf den Lobgesang des Einzelnen. Die 5. Strophe stammt nicht von Gramann. Sie taucht erstmals auf in einer 1549 in Königsberg gedruckten Predigt des 103. Psalms des Königsberger Hofpredigers Johann Funcken und wird seitdem mit Gramanns Lied zusammen überliefert. Sie entspringt dem liturgischen Bedürfnis nach Abschluss des Psalms mit dem Gloria Patri. 

 

Anders als der Psalm beginnt das Lied mit dem Wörtchen Nun. Gramann zieht damit die Aussagen des Psalms pointiert in die Gegenwart. Mit einigen Zusätzen überträgt er den Psalm sehr genau. 

 

In der 2. Strophe lässt Gramann „Mose“ und die „Kinder Israel“ aus dem Psalm aus und setzt stattdessen uns ein, die, die das Lied singen, also die christliche Kirche. Die Bibel zum eigenen Leben in Beziehung zu setzen ist ein normaler Vorgang, darf aber, wenn Israel durch die christliche Kirche ersetzt wird, das erste Gottesvolk nicht ausblenden. Die negative Formulierung aus dem Psalm „… vergilt uns nicht nach unsrer Missetat“ wird im Lied positiv gewendet in die Gnad tut er nicht sparen

 

Die 3. Strophe bietet den vier Psalmversen 13-16 Raum, während in den anderen Liedstrophen sechs Psalmverse Platz finden müssen. Hier wird Gramann also ausführlicher. Vater und Kinder entsprechen im Psalm Gott und denen, „die ihn fürchten“. Gramann bringt die Singenden dazu, sich mit den Gottesfürchtigen aus dem Psalm zu identifizieren. Das Gemächte in 3,5 hat nichts mit dem sexuellen Bereich des Körpers zu tun, die Lutherbibel gibt mit „Gebilde“ genau wieder, was gemeint ist. Mit dem fallend Laub, das der Wind wegbläst, transformiert Gramann die Wüstenszenerie des Psalms, in der eine Blume im heißen Wüstenwind verdorrt, in die klimatischen Bereiche Mitteleuropas. Der Aspekt der Vergänglichkeit jedenfalls muss Gramann besonders wichtig gewesen sein, denn Sein End, das ist ihm nah fügt er dem Psalmtext noch hinzu.

 

Die 4. Strophe ist eine der großen Gnadenstrophen des Gesangbuchs: Die Gnade steht fest, die Tonwiederholung auf dieser Stelle macht die Aussage zum Erlebnis. 

Die erhabene, monumentale Melodie der zwölfzeiligen Strophe erinnert an die – allerdings nur achtzeilige – Melodie des damals bekannten Liedes „Weiß mir ein Blümlein blaue“ und verlangt einen großen Atem. Sie besitzt eine stabile Grundlage: Von insgesamt 86 Tönen erscheinen der Grundton g′ und die Terz h′ besonders häufig, nämlich 23- bzw. 21-mal. Die ausdrucksstarke Terz prägt durch Tonwiederholungen die jeweiligen Textaussagen eindrücklich, etwa bei: „was in mir ist, vergiss es nicht“, „sein herrlich Recht“, „es mangelt an Erbarmung nicht“, „ob seiner Jugend“, „wenn wir ihn kindlich“, „steht fest und bleibt“, „die steht in seiner Furcht bereit“, „Gott Vater, Sohn“ oder „was er aus Gnaden uns verheißt“.

 

Die Spitzentöne sind sparsam und bewusst im Abgesang (abschließender, hinterer Teil der Strophe) eingesetzt. In kleinen Wellen schwingt sich die Melodie ihrem Höhepunkt entgegen. Der höchste Ton d″ erklingt nur ein einziges Mal; gerade diese Zurückhaltung verleiht ihm besondere Wirkung. Mit Ausnahme der dritten Strophe fällt er jeweils mit zentralen Textaussagen zusammen, etwa: „… mit reichem Trost beschüttet“, „… sein Güt ist hoch erhaben“, „… der Wind nur drüberwehet“, „… dem großen Herrn zu Ehren“ und „… ihm allezeit anhangen“.

Der Lobgesang wächst aus dem gehörten und als befreiend erfahrenen Wort der Vergebung. Daher kommt der hohe Ton dieses grundlegenden Liedes. Das Singen kann zu einer echten inneren Aufrichtung führen, auch wenn die eigenen Kräfte im Moment nicht ausreichen. Die konkreten Bezüge sind weder im Psalm noch im Lied ausdrücklich genannt; sie kommen erst durch das Hören und Deuten der Singenden hinzu. Gerade diese Offenheit macht das Lied oder einzelne Strophen geeignet für Taufen, Abendmahlsfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, Jubiläen, aber auch für Bestattungen und viele andere Anlässe.

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Nun lob, mein Seel, den Herren  | Evangelisches Gesangbuch Nr. 289, Strophe 1
 

 

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