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Noch ehe die Sonne am Himmel stand

Nr. 203 • Durch Hohes und Tiefes
Nr. 113 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Gotteslob /
  • EG-Regionalteil Niedersachsen-Bremen

Ein dichter, melancholischer Klang durchzieht diese Melodie. Er trägt in ruhiger Weise eine Textübertragung zu Psalm 90, der in der Leseordnung des Kirchenjahres dem Totensonntag zugeordnet ist. Entdeckt wurde die Melodie von Eugen Eckert, dem Freunde von einer Reise ein Gesangbuch der ukrainischen Baptisten mitbrachten.

Text:

Eugen Eckert (*1954), 1991

Melodie:

Sergej Andrewitsch Bazuk (*1910–†1973), (vor 1973) 1984

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Wissenswertes zu "Noch ehe die Sonne am Himmel stand"

1984 brachten Freunde von einer Reise Eugen Eckert ein Gesangbuch der ukrainischen Baptisten mit. Das Gesangbuch enthielt ein Vorwort von Sergej Andrewitsch Bazuk. Beim Durchspielen aller 423 Lieder begeisterte sich Eckert besonders für Lied Nr. 28 mit russischem Text В ЧАСЫ СКОРБЕЙ. Auf diese Melodie schrieb er 1991 seinen deutschen Text. Die Erstveröffentlichung erfolgte 1991 in der Liederzeitung der Band „Habakuk“ mit einer Auflage von 5000 Exemplaren. Anlass war die Bibelarbeit zu Psalm 90 von Luise Schottroff und Dorothee Sölle beim Evangelischen Kirchentag im Ruhrgebiet 1991. Im Regionalteil des Evangelischen Gesangbuchs für Niedersachsen und Bremen wurde das Lied abgedruckt. 1994 erschien es im Chor- und Bandbuch vom leben singen im Strube Verlag. Im „Gotteslob“ (2013) ist es als ö-Lied unter Nr. 434 enthalten und es fand zudem Eingang in weitere Liederbücher, teils mit unterschiedlicher Notation. (siehe Abschnitt "Zur Melodie”)

 

- Liedrecherche von Markus Leidenberger - 

Der Liedtext ist eng an Psalm 90 angelehnt und zitiert die Verse 1 und 2 teilweise wörtlich. Die erste Strophe beginnt mit Vers 2 des Psalms („Ehe …“) und führt im Kehrvers zum Zitat aus Vers 1 („bist du Gott, unsre Zuflucht für und für“). Die Wendung „Wir gehen von dir zu dir“ nimmt die Aussagen der Verse 3–6 auf. „Dir leben wir, dir sterben wir“ erinnert an Römerbrief Kapitel 14 Vers 8 („Leben wir, so leben wir dem Herrn …“).

 

In der zweiten Strophe wird die Schöpfungsthematik aufgenommen: Nach 1. Mose Kapitel 2 Vers 7 schenkt Gott dem Menschen den Lebensatem; vgl. auch Psalm 104 Vers 30. Die Formulierungen „versagen, irregehn“ greifen Psalm 90 Vers 8 auf. Die Bitte „Vergib uns unsre Schuld“ zitiert das Vaterunser (Matthäusevangelium Kapitel 6 Vers 12).

 

Der Beginn der dritten Strophe nimmt Psalm 31 Vers 16 auf („Meine Zeit steht in deinen Händen“). Psalm 90 Vers 12 („Lehre uns bedenken …“) kann dabei als Mahnung gegen menschlichen Hochmut verstanden werden. Die Bitte um Gnade entspricht den Aussagen von Psalm 90 Verse 13 bis 14.

 

Die vierte Strophe bündelt zentrale Aussagen des Psalms: Sie greift Psalm 90 Vers 3 („Menschenkinder“) auf und verbindet die Bitte um Weisheit („… auf dass wir klug werden“, vgl. Psalm 90 Vers 12) mit dem Lob Gottes (vgl. Psalm 90 Vers 14). Den Abschluss bildet die Bitte um Gottes Nähe am Lebensende.

Die Melodie ist von einem dichten, melancholischen Klang in eher tiefer Singlage geprägt. Verwirrungen ergeben sich durch die unterschiedliche Notation des Liedes in verschiedenen Liedbuchausgaben. Im Gotteslob (2013) ist es in d-Moll notiert. Wie im Original steht es durchgängig im 4/4-Takt. Im drittletzten Takt befindet sich eine Fermate auf der dritten Zählzeit. Die Ersetzung dieser Fermate durch einen 6/4-Takt hält Eugen Eckert selbst für falsch. Die Originaltonart ist c-Moll.

 

Die Melodie beginnt auf der zweiten Stufe der Molltonleiter. Dadurch entsteht beim Aufwärtsgang vom d′ zum es′ der kleinste Schritt unserer Tonleiter, die kleine Sekunde, die die melancholische Grundstimmung des Liedes bereits zu Beginn prägt. Die erste Liedzeile führt nach einer leichten Aufwärtsbewegung zum Ausgangston zurück. Die zweite Zeile setzt einen Halbton höher ein, als die erste Zeile zuvor geführt hatte. Die dritte Zeile erreicht mit einem Sprung den oberen Grundton der Melodie und führt von dort stufenweise abwärts. Die vierte Zeile wiederholt die zweite.

 

Der Kehrvers entfaltet sich in vier aufwärts gerichteten Wellen: Zunächst erfolgt eine stufenweise Bewegung mit Dreitonwiederholung, anschließend erscheinen zweimal der aus der Strophe bekannte Sprung sowie variierte Abwärtsführungen. Die letzte Zeile greift die zweite und vierte Zeile der Strophe auf, endet jedoch – im Unterschied zu diesen – auf dem unteren Grundton.

 

Der Psalm 90 gehört in der Perikopenordnung zum letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Totensonntag. Dort ist er als Psalm (Verse 1–14), als Wochenspruch (Vers 12) sowie als Predigttext in der Reihe VI (Verse 1–14[15–17]) verankert. Auch bei Trauerfeiern wird er häufig gebetet.

 

Das Lied kann die Lesung des Psalms ersetzen; eine Kombination aus Psalmlesung und Liedgesang kann jedoch als vertiefende Erschließung des thematischen Zusammenhangs verstanden werden. Wie der Psalm bedenkt auch das Lied die Vergänglichkeit des Lebens. Zugleich strahlt es – insbesondere im Kehrvers – eine warme Geborgenheit aus.