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Mitten wir im Leben sind

Nr. 518 • Evangelisches Gesangbuch

  • Gotteslob

Das Lied ist ein einzigartiges poetisch-musikalisches Gesamtkunstwerk.

Text:

Martin Luther (1483 – 1546), 1524

Strophe 1: Martin Luther nach der Salzburger Übertragung 1456 der Antiphon „Media vita in morte sumus“ aus dem 11. Jh.

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Wissenswertes zu „Mitten wir im Leben sind“

Ursprünglich ist die mittelalterliche Antiphon „Media vita in morte sumus“ der Rahmenvers (Antiphon) für das „Nunc dimittis“, den Lobgesang des Simeon, in der Komplet der Fastenzeit. Autor ist einer Legende zufolge Notker Balbulus, der den Gesang im 11. Jh. gedichtet haben soll, als er beim abenteuerlichen Bau einer Brücke über den Martins-Tobel bei St. Gallen Bauarbeiter gefährlich über dem Abgrund schweben sah. Die Antiphon löst sich aus ihrem liturgischen Kontext und wird bei vielerlei Anlässen gern als selbständiger Gesang gesungen, insbesondere bei Prozessionen, bei Begräbnissen, in Notzeiten und von Soldaten vor Schlachten. Man glaubt eine Zeit lang sogar, mit diesem Lied missliebigen Zeitgenossen Schaden ansingen zu können.

 

Unter dem Eindruck eines tödlichen Bootsunfalls auf der Elbe im Sommer 1524 überträgt Martin Luther den Text der Antiphon ins Deutsche und dichtet zwei weitere Strophen hinzu. Luther soll dazu angeregt worden sein, als der gerade ertrunkene Wilhelm Nesen aus dem Wasser gezogen wurde. Erstmals gedruckt wird das Lied 1524 im Geistlichen Gesangbüchlein unter der Nummer III. Durch die Jahrhunderte zählt das Lied zum Kernbestand der evangelischen Gesangbücher. Sogar die bearbeitungswütigen Aufklärungsgesangbücher lassen diesen anspruchsvollen Gesang einigermaßen ungeschoren.

Das Lied ist ein einzigartiges poetisch-musikalisches Gesamtkunstwerk. In Anknüpfung an die mittelalterliche Vorlage formt Luther ein dichtgedrängtes Kompendium des evangelischen Glaubens. Er setzt an der unmittelbaren Erfahrung der immer wieder plötzlich hervortretenden Endlichkeit des Lebens an und eröffnet einen Tiefenblick, der die Angst vor dem Tod bannt.

 

Alle drei Strophen gehorchen derselben Struktur: Die Beschreibung der Bedrohung löst einen Hilferuf in Frageform aus, der katechismusartig durch das stetige Bekenntnis beantwortet wird: das bist du / das tust du, Herr, alleine, … zu dir, Herr Christ, alleine. Wenn man die Strophentexte untereinanderlegt und die wesentlichen Stichwortpaare von oben nach unten liest, wird der Gedankenfortschritt evident. Einmal: Leben – Tod / Tod – Hölle / Hölle – Sünde. Alsdann: Hilfe – Gnade / solche Not – frei und ledig / fliehen – bleiben.

 

Die erste Strophe geht von der unmittelbaren Erfahrung von Sterben und Tod aus. Die zweite Strophe präzisiert diese Sterbe- und Todeserfahrung als Angst vor dem Höllenrachen. Angesichts virtuos-apokalyptischer Höllenbilder in der Welt des Horrorfilms, von KI-generierten Bildern ganz zu schweigen, steht Luther hier wie ein Waisenknabe da. Die dritte Strophe führt durch die furchterregenden Höllenphantasien aller Zeiten hindurch zum Grund all dessen: „unsre Sünd’“ treibt uns da hinein, also unsere Gottesvergessenheit. Jede Zeile der zweiten und dritten Strophe vertieft und erweitert die entsprechende Zeile der jeweils vorangehenden Strophe. In der dritten Strophe wechselt das Lied aus dem Präsens der jetzigen Erfahrungen ins Perfekt: Der Tod ist uns zugut durch den Tod Christi überwunden worden. Refrainartig setzen sich alle Strophen im Dreimal-Heilig-Lobpreis fort, um in ihren Schlusswendungen noch einmal die gedankliche Entwicklung des Liedes in drei Zentralworten zu konzentrieren: des Todes Not, der Höllen Glut und – worauf es schließlich und endlich ankommt – des Glaubens Trost. Alle drei Strophen enden mit Kyrieleison. Das Lied ist nicht bloß eine gesungene Dogmatik, sondern Gebet.

Johann Walter hat die Melodie des Salzburger Antiphonenliedes von 1456 so weitreichend und kongenial zu Luthers Text bearbeitet, dass man von einer „Neuschöpfung mit vorgefundenen Elementen“ (Martin Rößler) sprechen muss. Sie beginnt „mitten“ zwischen höchstem und tiefstem Ton. Dann bewegen sich die Worte „Mitten wir im Leben sind“ in einem Viertonraum. Die Worte „mit dem Tod umfangen“ gehen nach oben wie nach unten über diesen Viertonraum des Lebens hinaus, „umfangen“ ihn also. In der Musik geschieht, wovon im Text die Rede ist. Die oben genannten Stichwortpaare lassen erklingen, wie eins das andere steigert bzw. „umfängt“. Sodann fällt in allen drei Strophen bei „das bist/tust du, Herr, alleine“ und „zu dir, Herr Christ, alleine“ das Wort „alleine“ auf das einzige Vorkommen des Grundtons in der Melodie. Der nachfolgende Achtelauftakt auf demselben Ton ist lediglich ein Echo. Einmal der Grundton, ein Grund des Glaubens, allein Christus. Wieder: In der Musik geschieht, wovon im Text die Rede ist. Refrain- und litaneiartig laufen die Strophen im Dreimal-Heilig weiter. Der Spitzenton in der Schlusswendung lässt in der ersten Strophe das Wort „bitter“ noch einmal schärfer klingen, hebt in der zweiten die Tiefe der Hölle hervor und betont in der dritten den rechten Trost des Glaubens.

Liedrecherche: Bernhard Leube

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