Meine engen Grenzen
Nr. 584 • EG-Regionalteil Hessen-Nassau
- Durch Hohes und Tiefes /
- EG-Regionalteil Österreich /
- Himmel, Erde, Luft und Meer /
- Gotteslob /
- Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder /
- Singt Jubilate /
- EG-Regionalteil Kurhessen-Waldeck /
- EG-Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe /
- Singt von Hoffnung /
- EG-Regionalteil Württemberg
- 0 Besucher lieben dieses Lied
- 0 Besucher hören dieses Lied gerne
- 0 Besucher singen dieses Lied gerne
- 0 Besucher kannten dieses Lied noch nicht
Ohnmachtserfahrungen sind schwer auszuhalten. In diesem Lied wird menschliche Begrenztheit im Angesicht von Leid, Tod und Angst jedoch nicht verdrängt, sondern vor Gott gebracht und im Vertrauen auf seine verwandelnde Kraft neu gedeutet. Das stimmige Zusammenspiel der wenigen Worte, die zurückhaltende Klangwelt der Melodie und das uralte „Kyrie eleison“ verweben sich zu einem persönlichen Klage- und Gebetslied, das die Singenden tragen kann.
Text:
Melodie:
Satz:

Landkarte der Liedschöpfer:innen
Spannende Hintergründe zu den beteiligten Personen und ihren Lebenswegen entdecken.
Passende Stichworte zum Weiterstöbern
Wissenswertes zu "Meine engen Grenzen"
Die Entstehung steht in einem konkreten biografischen Zusammenhang: Der Text wurde vom evangelischen Theologen Eugen Eckert aus Frankfurt verfasst, der sich unter anderem in der Studierendenarbeit, in der Arbeit im Umfeld des Fußballs sowie für Menschen am Rande der Gesellschaft engagierte. Eckert arbeitete 1981 zudem als Pfarrer bzw. Betreuer in einem Heim für Mädchen in schwierigen Lebenssituationen. Dort machte er erstmals die Erfahrung, mit seiner Arbeit, seinem guten Willen und seinem Glauben an Grenzen zu stoßen. Ein ihm anvertrautes junges Mädchen, das er angesichts ihres schwierigen familiären Hintergrunds und ihres Einstiegs in die Berufsausbildung begleiten sollte, nahm sich das Leben. Eugen Eckert beschreibt später, dass er in diesem Gebetstext seine eigenen Grenzerfahrungen vor Gott bringt – getragen von dem Vertrauen, dass Gott mit seiner Ohnmacht umgehen kann, sie verwandelt und ihm neue Perspektiven für sein Leben eröffnet.
Noch im selben Jahr wurde der Text von dem katholischen Kirchenmusiker Winfried Heurich vertont. Das Lied verbreitete sich zunächst in Jugendgruppen, Gottesdiensten und kirchlichen Projekten, bevor es später in größere Liedsammlungen und schließlich in das Evangelische Gesangbuch (EG 584) aufgenommen wurde.
- Liedrecherche Cordula Scobel und Martina Hergt -
Inhaltlich greift das Lied das Thema einer Ohnmachtssituation auf: Es bringt menschliche Begrenzungen und Unzulänglichkeiten vor Gott und verbindet sie mit der Bitte um Verwandlung und Weitung des eigenen Lebenshorizonts. Es ist als persönliches Klage- und Gebetslied angelegt. Menschliche Begrenztheit wird nicht verdrängt, sondern vor Gott gebracht und im Vertrauen auf seine verwandelnde Kraft neu gedeutet.
So entfaltet der Liedtext in vier Strophen eine Bewegung vom Aussprechen menschlicher Begrenztheit hin zur Hoffnung auf göttliche Verwandlung. Im Zentrum stehen dabei grundlegende Erfahrungen des Menschseins: Enge, Ohnmacht, Angst, verlorenes Vertrauen und die Sehnsucht nach Geborgenheit. Diese werden jeweils in der Ich-Form vor Gott gebracht und damit bewusst als persönliche, existenzielle Erfahrungen formuliert.
Charakteristisch ist die klare Zweiteilung jeder Strophe: Zunächst werden menschliche Schwächen und Belastungen benannt, anschließend folgt die Bitte, dass Gott diese verwandelt. So wird aus Enge Weite, aus Ohnmacht Stärke, aus Angst Wärme und aus Sehnsucht Heimat. Diese Struktur macht deutlich, dass das Lied nicht bei der Klage stehen bleibt, sondern auf Veränderung und Hoffnung ausgerichtet ist. Der wiederkehrende Ruf „Herr, erbarme dich“ greift die alte liturgische Kyrie-Tradition auf und verleiht dem Lied einen stark gebetshaften Charakter. Dadurch wird es nicht nur zum persönlichen Ausdruck von Grenzerfahrungen, sondern zugleich zu einem gemeinschaftlich singbaren Gebet im Gottesdienst.
Die Melodie ist bewusst schlicht gehalten und unterstützt den meditativen, gebetshaften Charakter des Textes. Sie bewegt sich zunächst in einer ruhigen, eher abwärts gerichteten Linienführung in Moll-Tonalität, die die im Text angesprochenen Erfahrungen von Enge, Ohnmacht und Begrenztheit musikalisch nachzeichnet. Auffällig ist, dass zentrale Begriffe wie „Grenzen“, „Ohnmacht“, „Zutrauen“ oder „Sehnsucht“ durch längere Notenwerte (Halbe) hervorgehoben werden. Die Melodie arbeitet mit kleinen Tonschritten und einer begrenzten Spannweite, was den Eindruck von Zurückhaltung und innerer Sammlung verstärkt. Erst im zweiten Teil der Strophe gewinnt sie an Bewegung und Dynamik und führt auf den zweiten Melodieteil hin, der wiederholt wird. Wie ein Seufzer oder ein Durchatmen setzt dieser in der höchsten Tonlage ein und führt anschließend ruhig abwärts. Auch hier sind entlang der Melodieführung zentrale Worte der Textaussage durch längere Notenwerte hervorgehoben, etwa „Weite“, „Stärke“, „Wärme“ und „Heimat“. Im Text vollzieht sich dabei eine Wandlung – beispielsweise wird aus „Grenzen“ „Weite“ (Strophe 1) –, die auch musikalisch aufgegriffen wird. Durch eine harmonische Wendung entsteht der Eindruck von Weite und Aufhellung. Diese musikalische „Verwandlung“ entspricht der inhaltlichen Bitte des Textes, dass Gott menschliche Begrenztheit in neue Möglichkeiten verwandelt. So steht die Melodie in engster Verbindung zum Text und verstärkt dessen Aussage: Sie führt hörbar von Enge zu Weite und macht so die theologische Grundbewegung des Liedes – von der Klage zur Hoffnung – auch musikalisch erfahrbar.
Das Lied eignet sich besonders für gottesdienstliche Situationen, in denen menschliche Begrenztheit, Schuld, Ohnmacht oder Klage thematisch im Mittelpunkt stehen. Im Evangelischen Gesangbuch ist es dementsprechend im Zusammenhang von Beichte und Umkehr eingeordnet und im Kirchenjahr als Wochenlied dem 11. Sonntag nach Trinitatis zugeordnet. Dessen Perikope stellt die Einsicht in den Mittelpunkt, dass der Mensch sich nicht durch eigene Leistung, Frömmigkeit oder moralische Überlegenheit vor Gott rechtfertigen kann, sondern allein auf Gottes Gnade (sola gratia) angewiesen ist.
Darüber hinaus eignet sich das Lied besonders für meditative Gottesdienstformen, Andachten oder thematische Feiern, die sich mit persönlichen Krisen, Grenzerfahrungen oder der Hoffnung auf Veränderung befassen. Auch in der Seelsorge, in Trauerfeiern oder in schulischen Kontexten kann es eingesetzt werden, da es individuelle Erfahrungen anspricht und zugleich eine gemeinsame Gebetssprache anbietet.
Seine einfache musikalische Struktur und die klare Textgestaltung ermöglichen zudem eine flexible Verwendung: Es kann einstimmig, mehrstimmig oder in Wechselgesang gesungen werden und lässt sich gut mit gesprochenen Texten oder freien Gebeten verbinden.
Noch mehr entdecken!
Der Wochenliederpodcast aus Sachsen
Lieder anhören – kennenlernen – verstehen
Eine Theologin und Kirchenmusikerin im Gespräch
Spielen
Teste dein Wissen zu den Liedern des Evangelischen Gesangbuchs im Emoji-Quiz.