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Ich will, solang ich lebe

Nr. 276 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 96 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Es ist ein Bekenntnis- und Bittlied, ein Lied von der Treue Gottes, die zum lebenslangen Lob ermutigt und den Text von Psalm 34 deutet. Im klangschönen Satz von Heinrich Schütz kommt dies besonders eindrücklich zur Geltung.

Text:

Cornelius Becker (*1561–†1604), 1602
Christhard Mahrenholz (*1900–†1980), 1953

Strophe 5

Melodie:

Heinrich Schütz (*1585 getauft–†1672), 1628

Satz:

Heinrich Schütz (*1585 getauft–†1672), 1628

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Wissenswertes zu "Ich will, solang ich lebe"

Johann Beckers Originalausgabe (1602) erschien ohne Melodien, ist jedoch im Versmaß so gestaltet, dass die Texte strophenweise auf bekannte Melodien des lutherischen Kirchenliedrepertoires gesungen werden konnten. Zu Lebzeiten von Heinrich Schütz erschienen drei Ausgaben des Psalters nach Cornelius Becker: 1628 der Originaldruck der Erstfassung (später als Opus V in das Schütz-Werke-Verzeichnis [SWV, 1647] aufgenommen), eine inhaltlich identische Neuauflage (Güstrow 1640) sowie schließlich die von Schütz selbst erweiterte und revidierte Zweitfassung (Dresden 1661, Opus XIV im SWV).

 

Johann Georg IV. von Sachsen (1668-1694)  führte die Psalmvertonungen am Hof sowie in Schulen und Kirchen Kursachsens ein.

 

Im Evangelisches Kirchengesangbuch (1950) wurde die Melodie (im Choralbuch der Satz) zu den Texten „Kommt her, mit Fleiß zu schauen“ von Otto Riethmüller und „Kommt, Kinder, lasst uns gehen“ von Gerhard Tersteegen verwendet. Im Evangelisches Gesangbuch (1993) wurde der Satz mit dem Becker-Text zu Psalm 34 verbunden.

 

- Liedrecherche Markus Leidenberger -

Das Thema des Psalms ist das Lob Gottes, der tröstet, Menschen in Not schützt, ihnen gnädig ist und sie von Schuld befreit. Die ersten vier Liedstrophen folgen Psalm 34: Strophe 1 entspricht den Versen 2–3, Strophe 2 den Versen 4–5, Strophe 3 den Versen 6–8 und 16–18, Strophe 4 den Versen 20 und 23. In der abgedruckten gereimten Fassung sind damit die Psalmverse 9–15 ausgespart.

 

Bei Heinrich Schütz (SWV 131) sind 1628 zwölf Strophen abgedruckt; der Text beginnt dort mit den Worten: „Ich will bei meinem Leben rühmen den Herren mein.“ Das neue Evangelisches Gesangbuch übernimmt die Strophenauswahl und die Textvariante aus dem Evangelischen Kirchengesangbuch (1950).

 

Die von Christhard Mahrenholz hinzugefügte fünfte Strophe schließt den Psalm mit der kirchlich üblichen Doxologie, der Ehre der Dreieinigkeit Gottes. Sie fasst die Thematik der ausgewählten Strophen zusammen: Dabei erfolgt ein Übergang von der persönlichen Sprache („Ich will“, „meiner Not“) zur gemeinschaftlichen Sprache („Ihn wolln wir ewig loben“, „führ uns aus aller Not“). Zugleich betont sie die reformatorisch zentrale Erkenntnis der Gnade, die bereits in den Strophen 3 und 4 anklingt.

Die Vertonung des Becker-Psalters ist von Heinrich Schütz als vierstimmiger Satz angelegt. Die Vertonungen waren als mehrstimmiger Kantorei- oder Chorgesang für Gottesdienste oder Hausandachten gedacht. Der spätere Gemeindegesang verwendet die ursprüngliche Oberstimme als Melodie. 

 

Der Wechsel zwischen 6/4 (3/2) und 2/2 verleiht dem Anfang des Satzes einen schwebenden Charakter. Die Melodie beginnt in mittlerer Lage, um zunächst zum Grundton (Es) zu führen. Anschließend öffnet sie sich zum dritten Ton der Tonleiter (g), der mit der Durmediante (C-Dur) farbig harmonisiert ist. Nach der Wiederholung der ersten beiden Melodiezeilen mit fortgeführtem Text folgt der Höhepunkt der Melodie, der mit dem letzten 6/4-Takt verknüpft ist. Darauf folgen gleichmäßige 2/2-Takte, die stufenweise abwärts führen. Jede Silbe erhält einen Akkord. Eine auffällige Ausnahme bildet das Ende des vorletzten Abschnitts, in dem das jeweilige Schlusswort durch drei halbe Noten hervorgehoben wird. Hier öffnet sich die Melodie noch einmal nach oben; es entsteht ein retardierendes Moment, bevor die Wiederholung des letzten Textteils zur Ausgangsharmonie zurückführt. 

Das Lied ist in der Perikopenordnung nicht als Wochenlied vorgesehen. Allerdings werden Verse aus Psalm 34 im Kirchenjahr mehrfach aufgegriffen: als Psalm am dritten Sonntag der Passionszeit (Okuli) und am ersten Sonntag nach Trinitatis, als Halleluja-Vers am zweiten Sonntag nach Epiphanias, am 25. März (Verkündigung der Geburt Jesu), am zwölften und fünfzehnten Sonntag nach Trinitatis sowie als Spruch des Tages am 29. September (Erzengel Michael und alle Engel). Außerdem erscheint der Psalm als weiterer Text zum 27. Januar (Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus).

 

Das Lied birgt zahlreiche existenzielle Aspekte des Glaubenslebens in sich. Vom Lob Gottes ausgehend führt es über Trost und Freude, über Not und Leiden hin zu Gnade und Erlösung. Es ist ein Bekenntnis- und Bittlied, ein Lied von der Treue Gottes, die zum lebenslangen Lob ermutigt. In dieser Weite ist es zu vielfältigen Gelegenheiten einsetzbar.