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Ich liege, Herr, in deiner Hut

Nr. 486 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 30 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Gotteslob

Das Abendlied von Jochen Klepper verbindet schlichte Sprache mit tiefer biblischer Verwurzelung und lädt zu Ruhe und Vertrauen am Tagesende ein. Seine eindringlichen Bilder aus Psalm 4 machen es bis heute zu einem Lied persönlicher Zuversicht und stiller Meditation, das auch die Ängste der dunklen Stunden aufnimmt. Der Liedtext kann ebenso gut als Gebet gesprochen werden.

 

Text:

Jochen Klepper (*1903–†1942), 1938

Melodie:

Fritz Werner (*1898–†1977), (1938) 1951

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Wissenswertes zu "Ich liege, Herr, in deiner Hut"

Nach Kleppers Tagebucheintragungen ist die Entstehung des Liedes auf den 7. Mai 1938 zu datieren. Der erste Abdruck erfolgte im Gedichtband „Kyrie“, Berlin 1938, noch ohne Vertonung. (Für den Autor könnte der Gedanke an die Melodie „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“ bzw. „Ich dank dir schon durch deinen Sohn“ eine Rolle gespielt haben.) Fritz Werner schuf noch im selben Jahr eine Melodie, die er zusammen mit weiteren Vertonungen von Klepper-Gedichten an den Dichter sandte. Der erste Druck dieser Fassung erschien in „Kyrie eleison. Neue Lieder für evangelische Gemeinden“ (Berlin 1951).

 

„Ich liege, Herr, in deiner Hut“ ist die erste der Dichtungen Kleppers, die – mit einer Melodie von Willy Burkhard – in ein Gesangbuch aufgenommen wurde, nämlich in das „Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz“. Dies belegt zugleich die frühe und breite Rezeption Kleppers auch in der Schweiz.

Ausgangspunkt des Liedtextes ist Psalm 4. Dieser wird in der benediktinischen Komplet vor jeder Nachtruhe gesungen; Luther nennt ihn „Davids Abendgebet“. Aus dem letzten, neunten Vers des Psalms – „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden“ – entwickelt Klepper eine Meditation in elf Gedichtstrophen voller biblischer Bezüge (z. B. 2. Mose 6,6; 3. Mose 26,6; Ez 34,28; Ps 103,2; Röm 11,33). An zwei Stellen sind die Strophen als Doppelstrophen besonders eng verbunden (Strophe 4–5 und Strophe 7–8). In Kleppers Gedicht sowie in seiner Gebets- und Glaubenshaltung zeigt sich ein unverbrüchliches Vertrauensverhältnis zu Gott (vgl. Strophe 9–11 mit dem intensivierten Ich-Du-Verhältnis). Und trotz vieler alter Begriffe bleibt der Text verständlich, schlicht und nachvollziehbar. Das liegt auch am Strophenbau mit vier Zeilen (8.7.8.7 Silben) im jambischen Versmaß und im Kreuzreim, der die „Vagantenstrophe“ aufnimmt – eine seit dem Spätmittelalter beliebte Strophenform.

Die vier Bögen der Melodie bewegen sich in kleinen Intervallschritten und innerhalb überschaubarer Tonräume: In der ersten Zeile spannt sich der melodische Rahmen über eine Quinte (Fünftontraum), in den drei folgenden Zeilen bleibt er im Bereich einer Quarte (Viertontraum). Zusammen mit dem ruhigen, kaum aufgebrochenen Viertelnoten-Rhythmus und der dorisch geprägten Tonart entsteht ein vertrauensvoller, zuversichtlicher Klang. So gewinnt das Lied jene schlichte Ruhe, die gut zu seinem Charakter als Abendlied passt.

 

Der Text hat zahlreiche Komponist:innen zu neuen Melodievertonungen angeregt, darunter Willy Burkhard 1939, Rudolf Zöbeley 1941, Horst Görsch 1946, Johannes Petzold, Hans Schmidt-Mannheim 1967, Gerd Watkinson 1968 sowie Ina Lohr (für die niederländische Übertragung durch Ad den Besten).

Das genuine Abendlied lässt sich zugleich als „Leselied“ verstehen (Tappolet): Es lädt zum persönlichen Nachvollzug ein und eröffnet Raum für stille Meditation. Ebenso eignet es sich als Vertrauenslied der gottesdienstlichen Gemeinde, als biblischer Gesang – vgl. auch die „Biblischen Erzähllieder“ – sowie als Lied zu Themen wie „Zuversicht“ oder „Geborgenheit in Gottes Liebe“.