Du hast mich, Herr, zu dir gerufen
Nr. 210 •
Evangelisches Gesangbuch
Nr. 169 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)
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Die Erwachsenentaufe markiert den Beginn eines bewusst gelebten Lebens mit Christus. „Du hast mich, Herr, zu dir gerufen“ entfaltet diese Grundentscheidung als Antwort auf Gottes Ruf und verbindet das persönliche Glaubensbekenntnis mit der Bitte um Kraft für den weiteren Weg. Obwohl das Lied aus Anlass einer Erwachsenentaufe entstand, richtet es sich nicht nur an Täuflinge. Es gibt auch der Gemeinde Worte für das gemeinsame Bekenntnis zur Nachfolge Christi.
Text:
Melodie:

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Wissenswertes zu "Du hast mich, Herr, zu dir gerufen"
Otmar Schulz schreibt selbst über die Entstehung des Liedes: „Als eine unserer Töchter im Alter von achtzehn Jahren getauft wurde, habe ich dieses Lied geschrieben. Daher das konfessorische ‚Ich will dir folgen‘.“ (Dietrich Meyer [Hrsg.]: Das neue Lied im Evangelischen Gesangbuch. Lieddichter und Komponisten berichten, 1997, S. 257). Das Lied entstand somit im Jahr 1974.
Erstmals veröffentlicht wurde es 1978 im Gesangbuch Gemeindelieder, das bis 2003 das offizielle Gesangbuch des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (Baptisten- und Brüdergemeinden) sowie des Bundes Freier evangelischer Gemeinden war. Seit 1993 ist das Lied auch im Evangelischen Gesangbuch enthalten. Darüber hinaus fand es Aufnahme in zahlreiche weitere Gesang- und Liederbücher, darunter das Liederbuch für die Jugend (1995), das Evangelisch-reformierte Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz (1998), das Katholische Gesang- und Gebetbuch der deutschsprachigen Schweiz (1998), Feiern und Loben (2003), den Ergänzungsband Singt das Lied der Freude. Band 2 zum Gemeinschaftsliederbuch Jesus – unsere Freude (2006), Atem des Lebens. Hessische Kirchenlieder des 20. und 21. Jahrhunderts (2014) sowie das Mennonitische Gesangbuch (2015).
Auch in der Chorliteratur hat das Lied Verbreitung gefunden. So enthalten verschiedene Chorhefte und Chorbücher Bearbeitungen des Liedes, darunter ein Satz für Frauenchor von Otmar Schulz selbst in Kommt mit Gaben und Lobgesang. Chorsätze zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 4 (Stuttgart 1996).
- Liedrecherche von Stephan Lennig -
Das Lied greift die Situation einer Erwachsenentaufe auf und versteht die Taufe entsprechend als einen individuellen Bekenntnisakt sowie als einen bewussten Schritt in die Nachfolge Christi. Dies liegt angesichts der baptistischen Prägung des Autors und der konkreten Entstehungssituation des Liedes nahe. Doch auch im lutherischen Taufverständnis sind Getaufte dazu aufgerufen, die in der Taufe empfangene Zusage Gottes im eigenen Bekenntnis immer wieder zu bekräftigen und die daraus erwachsende Ausrichtung ihres Lebens auf Gott hin zu erneuern.
Die erste Strophe setzt mit dem Ruf Gottes ein, auf den der Mensch antworten darf. Die zweite Strophe folgt der Argumentation des Paulus im Römerbrief (Röm 6). In der Taufe wird der Mensch in den Tod und die Auferstehung Jesu Christi hineingenommen. Durch den Tod Jesu empfängt er Vergebung der Sünden, durch dessen Auferstehung die Hoffnung auf das ewige Leben. Daraus erwächst eine neue Lebensausrichtung, die in der dritten Strophe entfaltet wird. Die Gewissheit, zu Gott zu gehören, schenkt Freude als eine grundlegende Lebenserfahrung. Diese Freude führt jedoch nicht in eine rein individuelle Gottesbeziehung, sondern befähigt und verpflichtet dazu, den Mitmenschen in tätiger Nächstenliebe zu begegnen. Die Kraft zu einem solchen Leben kann der Mensch nicht aus sich selbst hervorbringen; sie muss ihm von Gott geschenkt werden. Dass ein Leben in der Nachfolge Christi nicht immer unbeschwert verläuft, sondern immer wieder von Angst und Zweifel geprägt sein kann, bringt die vierte Strophe zur Sprache. In solchen Situationen wird Gott um neuen Mut und neue Zuversicht gebeten. Die fünfte Strophe knüpft an die dritte an und betont erneut, dass Nachfolge Christi bedeutet, zu den Mitmenschen gesandt zu sein und den Glauben sowohl im Bekenntnis als auch in der Liebe zum Nächsten sichtbar werden zu lassen. Der Kehrvers bekräftigt das persönliche Bekenntnis zur Nachfolge Christi und verbindet es mit der Bitte um die Kraft, diesen Weg treu zu gehen.
Die reimlose Gestaltung des Textes sowie sein unregelmäßiges Metrum unterstreichen den persönlichen und gegenwartsbezogenen Charakter des Taufbekenntnisses.
Otmar Schulz charakterisiert die von ihm zu seinem Text geschaffene Melodie mit den Worten: „Die Melodie ist – wie alle meine Melodien – einfach, leicht nachsingbar und einprägsam“ (siehe Dietrich Meyer: Das neue Lied im Evangelischen Gesangbuch. Lieddichter und Komponisten berichten, Düsseldorf 1997). Dies erreicht der Komponist, indem er an typische Gestaltungsmerkmale traditioneller Choralmelodien anknüpft. So erinnert der unregelmäßige Wechsel von halben und Viertelnoten in den Strophen sowie in der Schlusszeile des Refrains an die Rhythmik der Weisen des Genfer Psalters. Auch die Bildung der Strophenmelodie vorwiegend aus Tonleiterausschnitten unter Betonung der Dreiklangstöne der Tonika (Grundtonart) greift ein formbildendes Prinzip auf, das die Choralmelodien seit dem 16. Jahrhundert prägt.
Der markante Beginn des Kehrverses auf dem oberen d'' findet sich ebenfalls in mehreren Choralmelodien der Reformationszeit, etwa in „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder „Erstanden ist der heilig Christ“. Darüber hinaus sieht Werner Merten (siehe Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Göttingen 2003) in diesem Einsatz auf der Oberoktave in Verbindung mit dem Rhythmus aus drei auftaktigen Viertelnoten einen bewussten Anklang an das Lied „Gelobt sei Gott im höchsten Ton“. Damit verbindet er eine österliche Assoziation, möglicherweise deshalb, weil die Osternacht seit alters her ein bevorzugter liturgischer Ort für die Taufe Erwachsener ist.
In ihrer Gesamtanlage lässt sich die Melodie als Bogenform beschreiben. Die erste Zeile verharrt zunächst im engen Ambitus (Tonumfang) einer Terz und kehrt am Zeilenende zum Ausgangston zurück. Die zweite Zeile erweitert den Tonraum nach oben und endet mit einem Halbschluss auf der fünften Tonstufe. Diese wird durch mehrfache Tonwiederholung sowie durch die Umspielung mit Ober- und Untersekunde hervorgehoben. Der Halbschluss erzeugt eine Spannung, die auf die Fortsetzung und insbesondere auf das folgende Bekenntnis im Kehrvers hinweist. Der Kehrvers betont schließlich durch den Einsatz in einer hohen Lage nachdrücklich das persönliche Bekenntnis des Täuflings als zentrale Aussage des Liedes. Von diesem Höhepunkt aus führt die Melodie umspielend wieder zurück zum Grundton und findet dort ihren Abschluss.
Das Lied hat seinen ursprünglichen Ort im Zusammenhang mit der Taufe Erwachsener. Es verbindet das persönliche Bekenntnis zu Gott mit der Bitte um seinen Beistand auf dem Weg der Nachfolge Christi. Darüber hinaus eignet es sich auch für Taufgedächtnisgottesdienste sowie für Veranstaltungen mit Jugendlichen und Erwachsenen, die sich mit ihrer Taufe und deren Bedeutung für ihr Glaubensleben auseinandersetzen. Das Lied lädt dazu ein, über die bleibende Bedeutung der Taufe und die daraus erwachsenden Konsequenzen für die christliche Lebensführung nachzudenken.
Bei der musikalischen Ausführung sollte der notierte 3/2-Takt konsequent beibehalten und nicht als 6/4-Takt empfunden werden. Der stärker tänzerische Charakter eines 6/4-Taktes würde dem ernsten und gehaltvollen Inhalt des Textes nur bedingt entsprechen und zudem zu Verschiebungen der sprachlichen Akzente führen. Die ruhige Dreiergliederung des 3/2-Taktes unterstützt dagegen die Klarheit der Textaussage und den bekenntnishaften Charakter des Liedes.
Wie bei vielen Liedern mit Kehrvers können die Strophen solistisch oder vom Chor vorgetragen werden, während die Gemeinde jeweils beim Refrain einstimmt. Auf diese Weise macht sie sich die Glaubensaussagen und Bitten der einzelnen Strophen zu eigen und bekräftigt sie gemeinsam.
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