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Dieser Tag ging wie im Flug vorbei (Es wird Abend mit dir)

Nr. 05 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

Wie ein kurzer Moment scheint ein erfüllter Tag vergangen zu sein. Das Lied greift diese Erfahrung auf und verbindet den Rückblick auf das Erlebte mit einem achtsamen Innehalten am Abend. Seine poetischen Bilder und die von Jazzharmonik geprägte Melodie schaffen einen Klangraum der Ruhe, Dankbarkeit und Gelassenheit.

Text:

Miriam Buthmann (*1986), 2014/2015

Melodie:

Jan Simowitsch (*1980), 2014/2015

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Wissenswertes zu "Dieser Tag ging wie im Flug vorbei (Es wird Abend mit dir)"

Das Lied entstand 2014 im Rahmen der Liederwerkstatt für den 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart. Zunächst wurde der Text verfasst, unmittelbar danach die Melodie komponiert. 2015 erschien das Lied im Kirchentagsliederheft ZeitWeise. Ein Chorsatz mit Klavierbegleitung von Jan Simowitsch wurde 2017 im Chorheft Dein Segen leuchtet des Verlags Singende Gemeinde veröffentlicht. Bislang wurde das Lied vor allem in Süddeutschland von verschiedenen Jazz-Formationen in Gottesdiensten und Konzerten aufgeführt.

 

- Liedrecherche von Stephan Lennig - 

Am Text fällt zunächst das unkonventionelle Metrum auf. Der Wechsel zwischen zwei- und dreisilbigen Versfüßen sowie die unterschiedlichen Verslängen verleihen ihm einen improvisatorischen, beinahe prosaartigen Charakter. Gleichwohl ist deutlich erkennbar, dass es sich um gebundene Sprache mit einem in allen drei Strophen gleichbleibenden metrischen Grundgerüst handelt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die beiden Schlussverse, die in jeder Strophe refrainartig wiederkehren.

 

Inhaltlich beschreibt der Text Empfindungen und Gedanken am Feierabend nach einem ereignisreichen Tag. Das lyrische Ich kommt zur Ruhe, hält Rückschau auf den vergangenen Tag, empfindet Dankbarkeit für das Erlebte und nimmt den Moment des Innehaltens mit wachen Sinnen wahr. Die Ich-Form erleichtert es, sich in die beschriebene Situation hineinzuversetzen und die Worte zu den eigenen werden zu lassen. Insgesamt zeichnet sich die Sprache des Liedes durch ihre Bildhaftigkeit und poetische Dichte aus.

 

Die erste Strophe thematisiert den Augenblick des Innehaltens nach einem schnell verflogenen Tag. Die zweite Strophe greift in der Rückschau auf den Tag und in der Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks verschiedene positiv besetzte Bilder auf, etwa „Sonnenschein“, „Licht“ und „Farben“. Zu diesen optischen Eindrücken tritt mit dem Atem eine bewusste Körperwahrnehmung hinzu. Die poetische Wendung „Ich atme ihn weiter“ – bezogen auf den vergangenen Tag – eröffnet vielfältige Assoziationen im Sinne eines bewussten, ganzheitlichen Erlebens und eines offenen Empfangens dessen, was war und was kommt. Die dritte Strophe bringt schließlich die Dankbarkeit für den als Geschenk empfangenen Tag zum Ausdruck, der nun zur Erinnerung wird.

 

An mehreren Stellen bleibt der Text bewusst deutungsoffen. So lässt etwa die „Sehnsucht“ in der zweiten Strophe Raum für unterschiedliche persönliche Interpretationen. Die „Stimme in mir“ (Strophe 1) kann an Jesu Wort „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ (Joh 18,37) erinnern. Auch die persönliche Anrede am Ende jeder Strophe weckt Assoziationen an die Bitte der Emmausjünger: „Bleibe bei uns“ (Lk 24,29). Zugleich sind beide Formulierungen offen genug gehalten, um auch andere Deutungen zuzulassen. Gerade diese Offenheit trägt dazu bei, dass das Lied für Menschen mit unterschiedlichen religiösen Erfahrungen und Prägungen anschlussfähig bleibt.

Das prägende musikalische Element des Liedes ist die eng mit der Melodie verbundene Jazzharmonik. Die Melodie entwickelt sich weitgehend aus den harmonischen Fortschreitungen heraus und folgt deren Spannungsverlauf. Die zweite Zeile stellt dabei eine rhythmische Variante der ersten dar. An der Stelle, an der sich die Harmonik am weitesten von der Grundtonart entfernt – in der dritten Zeile –, wird die erhöhte harmonische Komplexität bewusst durch eine besondere melodische Schlichtheit ausgeglichen: Die Melodie verharrt hier auf dem wiederholten Ton g'. Die fünfte Zeile wiederholt die vierte nahezu wörtlich; lediglich die gedehnte Schlussnote b' unterscheidet sie von ihrem Vorbild. An dieser Stelle ist ein zusätzlicher halber Takt eingefügt, der den Moment des Innehaltens und Zur-Ruhe-Kommens musikalisch unterstreicht. Dem gleichen Zweck dient die Pause in der letzten Zeile.

 

Tonal bleibt die Melodie bewusst offen. Ihr Schluss wird als dominantischer Halbschluss (Dominante = Tonart auf der fünften Tonstufe des Grundtons) wahrgenommen und erzeugt dadurch einen Eindruck des Offenbleibens und Weiterklingens. Die Vorzeichnung mit einem b ist dabei nicht zwingend erforderlich; ebenso denkbar wäre eine Notation ohne Vorzeichen, bei der alle notwendigen Akzidenzien (Vorzeichen) unmittelbar vor den betreffenden Noten gesetzt werden.

 

Insgesamt besitzt das Lied einen entspannten, jazzigen Charakter. Es strahlt Ruhe und Gelassenheit aus und vermittelt den Eindruck einer gedehnten, bewusst wahrgenommenen Zeit. Dadurch unterstützt die Musik die Thematik des Textes in besonderer Weise.

Das Lied eignet sich für viele Situationen am Abend. Neben dem Einsatz in Abendgottesdiensten bietet es sich besonders für Gruppen an, die mehrere Tage gemeinsam unterwegs sind, etwa auf Rüstzeiten, Gemeindefreizeiten, Einkehrtagen, Pilgerwegen oder ähnlichen Veranstaltungen. Der im Flug vergangene Tag lässt dabei nicht nur an einen erfüllten Arbeitstag denken, sondern ebenso an einen Tag voller gemeinsamer Erlebnisse, Begegnungen und Aktivitäten.

 

Das durch die unregelmäßige Rhythmik und die um Zusatzklänge erweiterten Harmoniebezeichnungen zunächst etwas komplex wirkende Notenbild lässt das Lied auf den ersten Blick anspruchsvoller erscheinen, als es tatsächlich ist. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Gemeinden sich meist rasch in das Lied einfinden und es gern singen. Dazu tragen die bereits beschriebenen motivischen Entsprechungen zwischen der ersten und zweiten sowie der vierten und fünften Zeile bei, die Orientierung und Wiedererkennung ermöglichen.

 

Für eine gelungene Ausführung ist eine sichere Begleitung wichtig. Diese muss nicht virtuos sein, sondern vor allem die Harmonik verlässlich tragen und einen stabilen metrischen Puls vermitteln. Hilfreich ist es, wenn die begleitenden Sängerinnen und Sänger beziehungsweise Instrumentalistinnen und Instrumentalisten mit Blickkontakt zur Gemeinde musizieren. Dadurch kann die Melodie auch ohne Noten leicht erlernt werden. Das Tempo sollte eher ruhig gewählt werden, damit die meditative und entspannte Grundstimmung des Liedes zur Geltung kommt.

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