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Die güldene Sonne (Gerhard Schöne)

Nr. 411 • Durch Hohes und Tiefes

Das Licht eines neuen Morgens, duftender Kaffee und Wecken mit Apfelgelee: Gerhard Schönes sinnliches und lebensnahes Lied lädt dazu ein, nach einer tränenreichen Nacht das tägliche Glück neu zu entdecken. Es erzählt von Zuwendung, Vertrauen und der tröstlichen Gewissheit, dass Gott uns auch über „Berge voller Sorgen“ begleitet.

 

Text:

Gerhard Schöne (*1948), 1990/91

nach „Die güldene Sonne“ von Philipp von Zesen 1641

Melodie:

Johann Georg Ahle (1651 – 1706), 1671

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Wissenswertes zu „Die güldene Sonne (Gerhard Schöne)“

Die Melodie zu dem 30 Jahre zuvor veröffentlichten Gedicht „Die güldene Sonne“ des Barockdichters Philipp von Zesen erschien erstmals 1671 in Johann Georg Ahles Sammlung Neues Zehn Geistlicher Andachten in Mühlhausen. Als Lied wurde es jedoch erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch die kirchliche Singbewegung und deren Liederbücher rezipiert und bekannt. Gerhard Schöne kannte es vermutlich aus den Anhängen zum Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG). Seine Neufassung schuf er 1990 im Zusammenhang mit mehreren Umdichtungen „alter Kirchenlieder“ und entsprechenden musikalischen Arrangements für die CD „Ich bin ein Gast auf Erden“, die 1991 zusammen mit einem Liederheft erschien.

 

„Schönes Lieder sind fröhlich und verhalten, bissig und verständnisvoll, zart und frech. Sie machen den Großen Mut und begeistern die Kleinen. Er schaut genau hin – sieht die Stärken der Schwachen und die Schwächen der Starken. Schöne baut keine Luftschlösser, sondern übersetzt alltäglich gelebtes Leben in die Sprache seiner Lieder.“

Ilsabe Seibt: „Ich bin ein Gast auf Erden“, in: Neues Singen in der Kirche, Zürich 1997, Heft 3, S. 14.

Beim Liedtext handelt es sich um eine Kontrafaktur, das heißt um ein „Dagegengemachtes“. Eine Kontrafaktur ist eine Neudeutung, eine Fortführung oder ein Spiel mit Bekanntem. Sie war im 15. und 16. Jahrhundert unter anderem bei Martin Luther beliebt. Die Vorlage, auf die sich Schönes Text bezieht, ist ein sprachlich meisterhaft gestaltetes Morgenlied von Philipp von Zesen (siehe EG 444). In dessen fünf Strophen wird die Atmosphäre des Morgens besungen, Gott für Schutz und Beistand gelobt und gedankt sowie um weitere Begleitung im Leben gebeten.

 

Schöne deutet das Lied ganz auf einen persönlichen Morgen hin um. Gott ist nah, und der Wunsch des Betrachtenden, Gottes „güldene Sonne“ immer wieder neu zu erkennen und zu erfahren – „jeden Augenblick“ –, prägt den Gedankengang. Angesichts der vorhandenen „Berge voller Sorgen“ und mangelnder Lebenslust helfen dem singenden Ich das Bedenken des „Wunders“ der Nähe Gottes und die Möglichkeit, den neuen Tag mit offenen Augen wahrzunehmen, „übern Berg“.

Die Melodie aus dem 17. Jahrhundert ist vom ariosen Stil eines Liedes für Solostimme und Generalbass geprägt. Ahle hat den fröhlichen Charakter des Morgenliedes von Philipp von Zesen kongenial in Musik übertragen. Die beiden Teile der Strophe (Zeilen 1–3 und 4–6) entsprechen zwei rhythmisch nahezu identischen Abschnitten aus Viertel- und Achtelnoten; lediglich die Schlussnoten der dritten und sechsten Verszeile sind halbe Noten. Melodisch steigen beide Teile an: zunächst bis zur spannungsvollen Septime bei „Leben“, wobei die Melodie durch Wechselnoten bei „und“ sogar den Oktavton erreicht, und anschließend bis zur bestätigenden Oktave bei „aufsteiget“. Das gelungene Wort-Ton-Verhältnis zeigt sich auch in weiteren Strophen.

 

Gerhard Schöne variiert die ursprüngliche Melodie in seiner Referenzaufnahme an einigen Stellen in Singer-Songwriter-Manier. Dennoch bleibt Ahles Melodie deutlich erkennbar, sodass die Sänger:innen das Lied auch wie ein „altes Kirchenlied“ singen und mit diesem Text neu entdecken können.

Das Lied lässt sich vielseitig als Morgenlied einsetzen – nicht nur im Gottesdienst. Ein Vergleich von Gerhard Schönes Kontrafaktur mit der Vorlage von Philipp von Zesen bietet spannende Impulse für die Konfirmandenarbeit sowie für Gesprächs- und Seniorenkreise. Auch anhand weiterer von Gerhard Schöne nachgedichteter Choräle – insbesondere mithilfe der Musik und der Arrangements auf der dazu veröffentlichten CD „Ich bin ein Gast auf Erden“ – lassen sich Alltag und Lebensfragen, Gesellschaftskritik, politisches Handeln und ethische Themen reflektieren.

 

Liedrecherche: Christian Finke

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