Der Himmel geht über allen auf (Kanon)
Nr. 594 • EG-Regionalteil Hessen-Nassau
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Was passiert, wenn der Himmel auf alle übergeht und schon heute unser Leben verändert? Ein lebendiger Kanon mit einem tiefsinnigen Wortspiel, ein wichtiges Zeitzeugnis der Entstehungsgeschichte des Neuen Geistlichen Liedes und der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen sowie ein ganz praktischer Baustein für viele Singgelegenheiten.
Text:
Melodie:

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Wissenswertes zu "Der Himmel geht über allen auf (Kanon)"
Die Entstehung des Liedes erinnern die beiden Autoren im O-Ton in Das neue Lied im Evangelischen Gesangbuch. Lieddichter und Komponisten berichten, Arbeitshilfen des Archivs der Ev. Kirche im Rheinland Nr. 3 (Düsseldorf 1997):
Janssens: „Die Texte von Wilhelm Willms gehörten damals zu den aufregendsten Texten, um die sich die Komponisten geradezu rissen. Ich bat ihn, ein Stück zu Maria zu schreiben, und es entstand das Stück „Ave Eva“… Der Kanon ist wohl das heute am meisten gesungene meiner Lieder.“
Willms unterstreicht: „Das Lied ist gleichsam der krönende Punkt meines Singspiels „Ave Eva“. Es entstand Anfang der siebziger Jahre, als ich am Ende meiner Krefelder Jahre stand. Ich schrieb ein Sprechstück mit verteilten Rollen für die Jugend.“
Dieses Musical mit seinem Sacro-Pop-Hit hatte nicht nur wegen dieses eingängigen Kanons Erfolg, sondern auch wegen der erregten Auseinandersetzung mit Fundamentalisten und die sie vertretenden katholischen Bischöfe über als anstößig empfundene Textpassagen, die zu rigoros gehandhabten Aufführungsverboten durch bischöfliche Ordinariate führte. Zugleich wehrten sich konservativ ausgebildete Kirchenmusiker bis zum Erscheinen der neuen Gesangbücher gegen Janssens und seine „seichten“ Melodien. Im Kontext der Evangelischen Kirchentage und seiner Liturgischen Nächte entwickelte sich der Kanon dagegen zu einer Art „Erkennungsmelodie“, die dann auch vom Kirchentag in den Kirchenalltag mit seiner Lebendigen Liturgie von Jung und Alt aufgenommen und in Bewegung umgesetzt wurde.
Der Kanon “Der Himmel geht über allen auf” für vier Stimmen ist das wohl am meisten gesungene Lied von Piet Janssens und Willi Willms, wie ihre Freundinnen und Freunde sie nannten. Dieser „Ohrwurm“ hat sich besonders durch die Liederhefte der Kirchentage verbreitet und ist bis heute in mehr als 50 Liederbüchern vertreten, u.a. in vier Regionalteilen des Evangelischen Gesangbuchs (1993).
- Liedrecherche von Günter Ruddat -
Janssens hat die Worte des Kanons im Vorwort zu seiner Sammlung Meine Lieder (1992) als Leitmotiv seins Schaffens formuliert, das ihn „beflügelt, mit neuen geistlichen Liedern für eine lebendige Liturgie einzutreten, um das Heil zu kämpfen und das Leben zu suchen mit Leidenschaft“. In seiner Sicht spiegelt dieser Kanon stellvertretend seine zehn Wegweisungen für das christliche Lied:
- Meine Lieder wurzeln in der Bibel.
- Meine Lieder singen von dem wunderbaren Jesus von Nazareth, dem Menschensohn.
- Meine Lieder sind erfüllt von Mutter Geist und ihrem Wirken.
- Meine Lieder entstanden aus der Lebendigen Liturgie und wollen sie weiter beleben.
- Meine Lieder nahmen ihren Anfang während des 2. Vatikanischen Konzils und wollen dessen Beschlüsse gemeinsam mit allen Gutwilligen zum Leben erwecken.
- Meine Lieder sind durch und durch ökumenisch und meine Lieder werben um Verständnis für Andersgläubige.
- Meine Lieder suchen den Frieden, kämpfen für Gerechtigkeit und beschwören das Bewahren der Schöpfung.
- Meine Lieder sind auf der Suche nach Gott.
- Meine Lieder stehen in der Tradition der Brüder und Schwestern, die man Mystiker nannte.
- Meine Lieder bekennen sich zum Geheimnis des Glaubens.
Und diesen Geist atmet der Kanon in seinem ganzen Spektrum,
er gestaltet ihn dort graphisch so:
Der Himmel geht über allen auf
auf
alle
über,
über allen auf.
Zugleich hebt Janssens Anfang der 1990er Jahre ab auf die raffinierte Textgestaltung als Palindrom (man kann die Wörter vorwärts und rückwärts lesen) und erinnert an die theologische Begründung von Willms in dem Buch Der geerdete Himmel, in dem er die Diastase von Himmel und Erde überwinden will. Zugleich entdeckt Janssens darin eine zutiefst ökumenische, pfingstliche Perspektive, die Spaltung der Konfessionen und der Welt in verschiedene Segmente oder Fragmente hinter sich zu lassen.
Entsprechend meditiert Willms seinerzeit den Text: „Hier ist der Himmel als weiter Raum erfüllten Lebens gemeint und angesagt. Das „aufgehen“ bedeutet so viel wie: Zum ersten Mal erkenne ich voll Staunen, was schon immer war, nun aber erst mir aufgegangen ist. An dieser Stelle kippt der zweiteilige Text um in: “auf alle über“. Der Himmel geht auf alle über und zwar nahtlos, so dass restlos alle unter oder in diesem Raum himmlischen Lebens geeint sind. Der Himmel geht freilich stillschweigend über uns auf, und so auch auf alle über. Es geschieht vorbei an den Tempeln und kirchlichen Ämtern und Konfessionen. Die Hirten auf dem Felde wurden am Tempel vorbei gewürdigt, als erste dabei sein zu dürfen. Sie waren die ersten Botschafter für die junge Mutter Maria bei der Geburt in Bethlehem. Himmel ist Zustandsansage, was Ort und Zeit angeht. Und wir dürfen die Himmlischen sein, die sich in seinem weiten Raum bewegen und leben. Aus solchem Lebensgefühl entstehen neue Liedtexte. Das Frohgemutsein stiftet und verleiht Kraft für die Niederungen des Alltags, so dass aus Tiefzeiten Hochzeiten werden. So komme ich stets von weit her, um ganz im Hier und Heute zu sein. Und mein ersehntes Wiedersehen kündet von den letzten und zugleich ersten Dingen. Die Einführung des neuen Gesangbuchs sollte uns ahnen lassen, wie riesig die Verführung ist, nicht alles zu geben als Hingabe an den Allerhöchsten, an den Gott und Mensch in einem. Und sind wir nicht selbst menschlich und göttlich zugleich, irdisch und himmlisch?!“
aus: Das neue Lied im Evangelischen Gesangbuch. Lieddichter und Komponisten berichten, Arbeitshilfen des Archivs der Ev. Kirche im Rheinland Nr. 3 (Düsseldorf 1997)
Im Gespräch mit Peter Heinen antwortet Janssens auf die Frage nach dem speziellen „Janssens-Ton“: „Ich speise mich natürlich durch das Spiel mit den Kirchentonarten. Eine kirchliche Kennzeichnung ist unterschwellig da, ohne dass man es stark merkt. Der Himmel geht über allen auf ist im Grunde dorisch gesetzt. Das ist nicht d-Moll und nicht F-Dur, sondern dorisch. Außerdem benutzt es eine Reihe von Tönen und lässt andere, erwartete Töne aus. Die Kirchenmusiker, die mir das Lied einmal analysiert haben, sprachen von dem ‚begnadeten Defizit‘, das das Lied reizvoll zu singen und zu hören macht.“
Die Melodie und Harmonik des Kanons lebt von einem fein austarierten Wechsel zwischen Spannung und Ruhe. Gleich zu Beginn eröffnet ein Quintsprung einen weiten Raum. Im weiteren Verlauf findet diese Bewegung jedoch immer wieder zu einer Beruhigung, indem sich die Melodie in (teilweise abwärts gerichteten) Sekundschritten zurücknimmt. Auch harmonisch bleibt dieses Spannungsfeld präsent: Die wiederholte Bewegung zwischen d-Moll und C-Dur verleiht der Melodie eine schwebende Offenheit, die weder eindeutig festgelegt noch beliebig wirkt. Zugleich entfaltet die Melodie einen großen, nahezu bildhaften Bogen. Sie setzt in der Tiefe an und arbeitet sich Schritt für Schritt über kleinere Intervalle und wellenartige Bewegungen bis zu einem Höhepunkt in der Mitte des Liedes empor. Von dort aus führt sie in ähnlicher Weise wieder zurück zum Ausgangspunkt. Diese Auf- und Abwärtsbewegung spannt gleichsam einen musikalischen Raum auf, der das im Text besungene Klangbild eines sich öffnenden Himmels hörbar macht.
Dieser Kanon, von Norbert Jers als „Ikone des NGL“ bezeichnet, bringt die Vision eines Himmels für alle und eines Festes für alle zum Ausdruck. Darin spiegelt sich ein zentrales Anliegen der Zeit um 1980: die protestantische Wiederentdeckung des Abendmahls als gemeinschaftsstiftendes Geschehen, in dem Leben geteilt wird – mit diakonischer und politischer Dimension. In seiner Schlichtheit formuliert und singbar gemacht, verdichtet sich diese Haltung zu einem klaren Impuls: für den Himmel einzutreten. Als biblischen Bezug verweist Janssens in seiner Liedersammlung auf die Taufe Jesu (Mt 3,16; Mk 1,10; Lk 3,21).
Ein weiter biblischer Horizont tut sich auf mit vielen möglichen Assoziationen zu dieser gesungenen Hoffnung, Verheißung: vom Regenbogen, der über allen aufgeht, vom Segen für alle Geschlechter, über Weihnachten, Himmelfahrt oder Pfingstgeschichte bis hin zu der Vision am Ende der Offenbarung (Ewigkeitssonntag).
Über die bisher schon angedeuteten Anknüpfungspunkte im Kirchenjahr hinaus lässt sich der Kanon überall generationenübergreifend einsetzen, wo es darum geht, „den Himmel zu erden“, um Taufe und Tauferinnerung (z.B. am 6. Sonntag nach Trinitatis), wo konfessionelle Engführungen überwunden werden sollen - in ökumenischen Gebeten und Gottesdiensten mit Fremden und Nichtchristen, im Kontext der Weltreligionen und nicht zuletzt als Friedenslied.
Ebenso ist der Kanon liturgisch vielseitig einzusetzen, vom Ankommen zu Beginn des Gottesdienstes, zwischendurch alternativ als „Gloria in excelsis“ oder als Kehrvers zu den „Fürbitten“ bis hin zur hoffnungsvollen Erinnerung nach dem Segen, zum Weitergehen in den Alltag.
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