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Der Herr, mein Hirte | The Lord's my shepherd

Nr. 86 • EGplus
Nr. 91 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)

  • Singt Jubilate /
  • EG-Regionalteil Bayern-Thüringen

Es gehört ohne Frage zu den bekanntesten Psalmliedern des englischsprachigen Christentums. Es erklang bei königlichen Hochzeiten und Trauerfeiern ebenso wie in unzähligen Gottesdiensten. Der Text basiert auf der metrischen Nachdichtung von Psalm 23 durch Francis Rous aus dem 17. Jahrhundert; die dazugehörige Melodie „Crimond“ entstand im Schottland des 19. Jahrhunderts und zählt heute zu den beliebtesten Kirchenmelodien des Landes. In der Übertragung von Charlotte Sauer verbreitete sich das von Trost und Zuversicht geprägte Lied rasch auch im deutschsprachigen Raum.

Text:

Francis Rous (*1579/1581–†1659), 1643

englischer Text nach Psalm 23, im schottischen Psalter 1650

Charlotte Sauer (*1898–†1984), 1954

deutsche Textfassung

Melodie:

Jessie Seymour Irvine (*1836–†1887), 1871

mit dem Melodienamen “Crimond”

Satz:

David Grant (*1833–†1893), 1872

Die Urheberschaft von Melodie und Satz ist bis heute nicht vollständig geklärt.

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Wissenswertes zu "Der Herr, mein Hirte | The Lord's my shepherd"

In der englischen und der schottischen Kirche waren seit der Reformation volkssprachliche Psalmlieder in der Tradition des Genfer Psalters weit verbreitet. Francis Rous veröffentlichte 1641 eine neue metrische Übersetzung der Psalmen, die auch die ursprüngliche Fassung von „The Lord’s My Shepherd“ zu Psalm 23 enthielt. Vor ihrer offiziellen Einführung musste diese Übersetzung von einer vom englischen Parlament eingesetzten Kommission eingehend geprüft und mehrfach überarbeitet werden. 1650 wurde sie schließlich als Scots Metrical Psalter in der Kirche von Schottland verbindlich eingeführt.

 

 

Die heute gebräuchliche Melodie entstand mehr als zweihundert Jahre später. Obwohl sich ihre Urheberschaft nicht zweifelsfrei klären lässt, gehen die meisten Hymnologen heute davon aus, dass Jessie Seymour Irvine die Melodie um 1871 als Übungsaufgabe im Kompositionsunterricht zu Rous’ Psalmdichtung schuf und dabei auch einen mehrstimmigen Satz anfertigte. Sie gab der Melodie den Namen „Crimond“ nach einer der Gemeinden, in denen ihr Vater als Pfarrer tätig gewesen war. Die Uraufführung fand in einem Abendgottesdienst in der Kirche von Auchterless statt. Da Irvine mit ihrer eigenen Harmonisierung nicht zufrieden war, bat sie David Grant, einen Musiker aus dem nahe gelegenen Aberdeen, die Melodie neu zu harmonisieren. So entstand der heute verbreitete vierstimmige Satz.

 

 

Zu dieser Zeit arbeitete Grant gemeinsam mit mehreren Kollegen an einer Sammlung von Hymnen und Psalmliedern aus Nordschottland. Diese erschien 1872 unter dem Titel The Northern Psalter. Darin wurde die Melodie „Crimond“ mit dem Text von Psalm 23 veröffentlicht, allerdings Grant selbst zugeschrieben. Erst in den 1940er Jahren wurde ein Brief von Anna Irvine aus dem Jahr 1911 öffentlich bekannt, in dem sie die Autorschaft der Melodie für ihre Schwester Jessie Seymour Irvine beanspruchte. Diese Darstellung wurde von den Herausgebern des Northern Psalter bestritten. Nach einer über Jahrzehnte geführten kontroversen Diskussion in Fachzeitschriften gilt heute überwiegend Jessie Seymour Irvine als Komponistin der Melodie, während David Grant als Urheber der bis heute gebräuchlichen Harmonisierung angesehen wird.

 

 

Charlotte Sauer lernte das Lied „The Lord’s My Shepherd“ während eines Aufenthalts in London im Rahmen einer Evangelisationsveranstaltung von Billy Graham kennen, bei der es von einem Chor mit rund viertausend Sängerinnen und Sängern vorgetragen wurde. Dieses Erlebnis inspirierte sie dazu, eine deutsche Nachdichtung des Liedes zu verfassen.

 

 

Die englische Fassung ist im angelsächsischen Raum bis heute außerordentlich beliebt und zählt zu den bekanntesten Kirchenliedern überhaupt. Sie erklang bei zahlreichen bedeutenden kirchlichen und staatlichen Anlässen, darunter 1947 bei der Hochzeit der damaligen Prinzessin Elizabeth mit Philip, Duke of Edinburgh, sowie 2022 bei der Trauerfeier für Königin Elizabeth II. Durch Charlotte Sauers Übersetzung verbreitete sich das Lied auch im deutschsprachigen Raum rasch. Zunächst fand es Eingang in zahlreiche Jugend- und Freikirchengesangbücher. Im Liedgut der landeskirchlichen Gemeinschaftsbewegung gehört es seit dem Gemeinschaftsliederbuch (1989) sowie dessen Nachfolgeband Jesus – unsere Freude (1995) zum festen Bestand. Durch den Regionalteil Bayern/Thüringen des Evangelischen Gesangbuchs (1994) sowie durch landeskirchliche Ergänzungsbücher wie Singt Jubilate (2012) und EG plus (2017) wurde es auch im evangelisch-landeskirchlichen Bereich weiter bekannt.

 

- Liedrecherche von Stephan Lennig - 

Psalm 23 gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Psalmen der Bibel. Das Bild des guten Hirten als Ausdruck von Gottes fürsorglichem, schützendem und leitendem Handeln gegenüber den Menschen ist unmittelbar verständlich und spricht bis heute viele Menschen an. Im Neuen Testament greift Jesus dieses Bild auf und bezieht es auf sich selbst (Joh 10,11). Zugleich deutet er mit dem Bild des guten Hirten, der sein Leben für die Schafe hingibt, auch seinen Tod am Kreuz.

 

 

Die Dichtung von Francis Rous folgt eng dem Aufbau des Psalms. Die erste Strophe umfasst die beiden ersten Psalmverse, die folgenden vier Strophen greifen jeweils einen weiteren Vers auf. Die erste Strophe beschreibt Gottes Fürsorge, durch die der Mensch mit allem zum Leben Notwendigen versorgt wird. Die zweite Strophe erweitert diese Perspektive um die seelische Dimension und thematisiert Gottes Leitung auf den Wegen und in den Entscheidungen des Lebens. Mit der dritten Strophe wird die idyllische Stimmung der ersten beiden Strophen verlassen. Sie macht deutlich, dass Gottes Nähe und Fürsorge auch in schweren und bedrohlichen Situationen erfahren werden können. Dieser Gedanke wird in der vierten Strophe weitergeführt, in der die Bedrohung durch Feinde ausdrücklich zur Sprache kommt. In starkem Kontrast dazu stehen die Bilder des gedeckten Tisches, der Salbung und des überfließenden Kelches. Sie veranschaulichen die Geborgenheit bei Gott selbst angesichts größter Gefahren und beschreiben die Fülle seines Segens. Die letzte Strophe weitet den Blick über das Ende des irdischen Lebens hinaus auf die Ewigkeit, in der die Gemeinschaft mit Gott ihre endgültige und vollkommene Erfüllung findet.

 

 

Die deutsche Nachdichtung von Charlotte Sauer orientiert sich eng an der englischen Vorlage und knüpft zugleich deutlich an die Sprache der Lutherbibel an. In der Schlussstrophe geht sie jedoch über die biblische Vorlage und das englische Original hinaus. Die Ewigkeit erscheint hier nicht nur als unvergängliche Geborgenheit bei Gott, sondern zugleich als ein nie endender Lobpreis Gottes im Gesang.

Die Melodie folgt in ihrer schlichten Anlage mit vier jeweils viertaktigen Zeilen unmittelbar der Struktur des Textes. Da die zweite und die vierte Textzeile jeweils um zwei Silben kürzer sind als die erste und dritte, ergeben sich an diesen Stellen ganz natürlich gedehnte Schlussnoten, die über die Taktgrenze hinausreichen. Dadurch werden die Strophenmitte und das Strophenende deutlich hervorgehoben. Harmonisch wird diese Gliederung durch einen Halbschluss auf der Dominante (Tonart auf der fünften Stufe vom Grundton aus) in der Strophenmitte unterstützt, während die übrigen Zeilen auf der Tonika (Grundtonart) schließen.

 

 

Die Melodiebildung verwendet verschiedene Merkmale, die für die Erweckungs- und Evangelisationslieder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts charakteristisch sind. Dazu gehört etwa die häufige Verwendung der Terz als prägendem Melodieton, der in den ersten drei Zeilen jeweils auf der ersten betonten Zählzeit erscheint. Ebenso kennzeichnend ist der markante Sextsprung zu Beginn der Melodie, der in der letzten Zeile in Umkehrung wieder aufgenommen wird. Typisch für diesen Melodietyp ist außerdem, dass der höchste Ton der Melodie, das d'', nicht zur Hervorhebung einer besonders bedeutsamen Textsilbe eingesetzt wird, sondern unabhängig vom Wortakzent eine wirkungsvolle Steigerung zum Schluss der Strophe hin erzeugt.

 

 

Gleichwohl drängt sich die Melodie nicht vor den Text. In ihrer Schlichtheit entspricht sie dessen Aufbau und Charakter. Ihre warme, anrührende Emotionalität unterstützt die persönlich ansprechenden Bilder des Psalms und trägt dazu bei, dass Text und Melodie eine besonders enge Verbindung eingehen.

Liturgisch ist Psalm 23 besonders dem Sonntag Misericordias Domini, dem „Sonntag des guten Hirten“, zugeordnet. Aufgrund der engen Anlehnung des Liedtextes an den Psalm kann dieser im Gottesdienst in gesungener Form erklingen. Der leicht ausführbare vierstimmige Chorsatz eignet sich für singgeübte Gemeinden auch zum mehrstimmigen Gemeindegesang; alternativ kann das Lied vom Chor vierstimmig vorgetragen werden. Ebenso sind wechselnde Ausführungsformen zwischen Gemeinde, Chor und Solisten von Strophe zu Strophe gut möglich.

 

 

Der englische Organist William Baird Ross (1871–1950) komponierte um 1914 eine Oberstimme (Descant) zur Melodie. Diese erlangte 1947 besondere Bekanntheit, als sie bei der Hochzeit der damaligen Prinzessin Elizabeth mit Philip, Duke of Edinburgh, auf ausdrücklichen Wunsch der Braut gesungen wurde. Die Oberstimme ist in verschiedenen Chorheften und Gesangbüchern abgedruckt, darunter auch im Gemeinschaftsliederbuch Jesus – unsere Freude (Nr. 379). Sie verleiht dem Lied einen festlichen Glanz und kann solistisch, chorisch oder auch von einem Kinderchor ausgeführt werden.

 

 

Über seine Verwendung im Kirchenjahr hinaus eignet sich das Lied für zahlreiche Gottesdienste und Veranstaltungen, in denen Themen wie Vertrauen, Trost, Bewahrung, Führung oder Geborgenheit im Mittelpunkt stehen. Der englische Originaltext bietet sich insbesondere dann an, wenn englischsprachige oder internationale Gäste am Gottesdienst teilnehmen.

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