Aus tiefer Not schrei ich zu dir
Nr. 299 • Evangelisches Gesangbuch
Nr. 134 • Neues Evangelisches Gesangbuch (Erprobung)
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Seit fast fünf Jahrhunderten klingt im Lied der sehnsuchtsvolle Ruf des Psalmbeters nach – unverwechselbar in Melodie und Wort. Für viele ist es zu einem Herzenslied geworden, zugleich hat es in kunstvollen Chor(al)kompositionen immer neue Gestalt gefunden. Zwischen Klage und Vertrauen entfaltet sich ein Klangraum der Hoffnung: gegen die Finsternis menschlicher Schuld und hin zu einem Gehaltensein in Gottes Gnade.
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Melodie:

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Wissenswertes zu "Aus tiefer Not schrei ich zu dir"
Das Lied ist als erstes von Luthers Psalmliedern im Jahr 1523 entstanden. Einem Memorandum an Georg Spalatin, dessen Eingang der Empfänger mit dem Datum „M.D.XXIIII“ bestätigte, legte Luther eine Abschrift des Liedes bei. Dies gilt als Beleg beziehungsweise als terminus ante quem, dass das Lied zu diesem Zeitpunkt bereits existiert haben muss.
Im Achtliederdruck von 1524 war es ebenso enthalten wie in den Erfurter Enchiridien (1524) und in Johann Walters „Geystliche gesangk buchleyn“ (Wittenberg 1524). Alle Wittenberger Gesangbücher führen es, ebenso das Babstsche Gesangbuch (Leipzig 1545), das bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zahlreichen weiteren Gesangbüchern im lutherischen Raum als Muster und Vorlage diente. Seither ist es in den meisten evangelischen Gesangbüchern präsent.
Übersetzungen erfolgten schon frühzeitig in viele Sprachen; eine erste dänische Fassung („Til dig råber jeg af hjertens grund“) erschien in einem dänischen Gesangbuch (Rostock 1529). Über die Vertonung des Becker-Psalters durch Heinrich Schütz erfuhr das Lied (SWV 235) weitere Verbreitung. Für den Gottesdienst am 21. Sonntag nach Trinitatis (29. Oktober 1724) komponierte Johann Sebastian Bach eine Kantate (BWV 38), deren erster und letzter Satz die erste und letzte Strophe von Luthers Lied bilden; die Texte der mittleren Sätze 2 bis 5 entsprechen Luthers Aussageabsicht.
Psalm 130 gehört zu den Klagepsalmen des Einzelnen. Luther hat diesen sechsten der sieben Bußpsalmen bereits 1517 ausgelegt. In seinem Lied verdichtet er die Aussage des Psalms auf das Zentrum seiner Theologie hin: Es geht um Sünde und Erlösung, um die Verlorenheit des sündigen Menschen, der sich im Vertrauen an den gnädigen Gott wendet – in der Einsicht, dass er sich aus eigener Kraft nicht aus der Verfangenheit in der Sünde befreien kann. Alle eigenen Versuche einer solchen Befreiung bleiben fruchtlos. Anders ist es bei Gott: Bei ihm gibt es allein Gnade und den Willen zur Vergebung. Weil dies so ist, wird der Mensch ermutigt, sich immer und überall auf diesen Gott zu verlassen und nicht an seinem Gnadenwillen zu zweifeln. Denn keine menschliche Sünde ist größer als Gottes Gnadenwille – eine durch nichts zu steigernde tröstliche Botschaft.
Luther verstand diesen Psalm als einen paulinischen: „Was ist denn das anders: ‚Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte‘, als was Paulus sagt: ‚Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme‘ (Röm 11,32). ‚Dass man dich fürchte‘, das heißt, dass alle das Hütlein vor dir ziehen müssen, damit sich niemand seiner eigenen Gerechtigkeit rühme und damit die Vergebung gelte und nicht das Verdienst“ (siehe: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Abt. Tischreden (WA TR), Bd. 1, Weimar, S. 375, Nr. 791.)
Die vorliegende Melodie Martin Luthers besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Besonders markant ist der abwärts gerichtete Quintfall gleich zu Beginn, der bereits innerhalb der ersten drei Töne prägend hervortritt. Im Anschluss steigt die Melodie beim dritten, vierten und fünften Ton schrittweise in Sekunden wieder auf und ab: sie entfaltet dabei einen klanglichen Spannungsbogen, der sich immer noch tonal auf den tiefsten Ton des Anfangs – und zugleich des gesamten Liedes – bezieht. Dadurch entsteht ein klagender Charakter mit einer gleichsam „seufzenden“ Wirkung nach der besonderen Sprungmarke. Bereits das Tonmodell dieser ersten fünf Töne wirkt so einprägsam und zugleich kunstvoll gestaltet, dass es den Singenden unmittelbar ins Ohr und ins Herz geht. Textinhalt und Melodiegestaltung greifen dabei wirkungsvoll ineinander und machen das Lied in dieser Fassung zu einem unverwechselbaren musikalisch-geistlichen Ereignis.
Auch die Rhythmisierung des Melodieverlaufs ist ungewöhnlich. Während die einzelnen Melodieabschnitte überwiegend auftaktig beginnen, bildet der Liedanfang eine markante Ausnahme: Hier steht eine Tonverlängerung in Form einer halben Note, die erst am Schluss des Liedes – dort allerdings um eine Quinte tiefer – eine Entsprechung findet. Die Melodie folgt der klassischen Barform: Zwei einander entsprechende Melodieteile – die sogenannten Stollen – werden zu Beginn wiederholt; daran schließt sich ein weiterführender, neuer Melodieteil, der Abgesang, an, der bis zum Schluss des Liedes führt.
Eine zweite Melodie von Wolfgang Dachstein (1487-1553) ist ebenfalls eng mit dem Text verbunden. Dachsteins Melodie, erstmals im Straßburger „Teütsch Kirchenampt“ von 1524 überliefert, wirkt durch die anfänglichen Sekundschritte zunächst weniger dramatisch, steigert sich jedoch im Verlauf bis zur Quinte über dem Grundton und findet am Ende zu einer ruhigen Schlusswirkung. Diese Fassung ist im Evangelischen Gesangbuch (EG) von 1993-1996 enthalten.
Das Lied ist derzeit als Wochenlied für den 11. Sonntag nach Trinitatis (neben dem Alternativvorschlag „Meine engen Grenzen“) sowie als Tageslied für den Buß- und Bettag (neben „Komm in unsere stolze Welt“) vorgesehen. Es korrespondiert gut mit dem Wochenpsalm 145 und in eingeschränkter Weise mit den für den 11. Sonntag nach Trinitatis vorgesehenen Predigtperikopen.
Das Militärgesangbuch „LebensrhYthmen“ (4. Auflage 2019) bietet unter der Rubrik „klagen, trösten, hoffen“ eine Fassung mit den ersten drei Strophen (Nr. 111). Dadurch bleibt die sprachlich schwerer zugängliche vierte Strophe ausgespart, allerdings auch die umfassende Gnadenzusage des guten Hirten aus Strophe 5. Eine Auswahl ohne Strophe 4 würde der theologischen Kernbotschaft des Liedes jedoch keinen Abbruch tun.
Das Lied kann besonders in Extremsituationen für Einzelne oder Gruppen hilfreich sein, etwa im Krankenhaus, im Gefängnis oder in anderen Erfahrungen von Not und Widerfahrnis. Deshalb erscheint es sinnvoll, das Lied in möglichst vielen medialen Formen zugänglich zu machen. Wo es sich anbietet, kann es zusammen mit Psalm 130 sowie mit vorhandenen Chorsätzen in Andachten oder musikalischen Vespern Verwendung finden. Inhaltlich muss der Fokus nicht zwingend auf der Rechtfertigungslehre liegen; im Zentrum stehen vielmehr Verlorenheit und Rettung – in jedem Fall jedoch die begründete Hoffnung auf Gottes Gnade.
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